Schnecken essen mit Hitzlsperger Vom Fußballheld zum Gastronomen
Als VfB-Spieler entdeckte Thomas Hitzlsperger in Stuttgart seine Liebe zur gehobenen Küche. Heute führt er das älteste französische Restaurant in London.
Als VfB-Spieler entdeckte Thomas Hitzlsperger in Stuttgart seine Liebe zur gehobenen Küche. Heute führt er das älteste französische Restaurant in London.
Daisy und Gladys, zwei äußerst sympathische Britische Bulldoggen, feiern an diesem Wochenende ihren ersten Geburtstag. Die Geschwister kennen sich aus im L’Escargot, dem Restaurant im georgianischen Stadthaus aus dem 18. Jahrhundert. Es liegt mitten in London-Soho, in der Greek Street. Wenn man davorsteht, kann man die Feierlichkeiten in Chinatown gut hören. Sie finden nur wenige Häuserblocks entfernt statt. Thomas Hitzlsperger isst heute Abend im L’Escargot, denn er ist hier der Hausherr. Morgen wird er nach Manchester reisen, um dort ein Fußballspiel zu kommentieren. Er ist Genussmensch, Unternehmer. Und Fußballexperte. Mindestens. Man trifft Hitzlsperger häufig in seinem Restaurant an, entweder oben im Büro, wo er sich ums Organisatorische kümmert. Oder er sitzt im Gastraum, manchmal auch an einem der Tische draußen, trinkt, isst und beobachtet, was hier so alles passiert. Der ehemalige Fußballprofi, zeitweise beim VfB Stuttgart, im Nationalteam unter anderem bei der Sommermärchen-WM 2006 dabei, weiß zwar sehr viel über seinen Sport. Aber er würde vor der Kamera nie den Besserwisser geben.
Seit drei Jahren ist er auch Gastronom, ihm gehört das L’Escargot, das 1927 in dieses Haus zog. Es ist das älteste französische Restaurant der britischen Hauptstadt. Seine Spezialität: Schnecken. Und es ist das, was man ohne Übertreibung eine Institution nennen kann: Geschichte steckt in jeder Ecke. Dass Thomas Hitzlsperger sich in das Lokal verguckt und dort als Investor sein Geld angelegt hat, wissen nicht viele, er hielt es lange bewusst unter dem Radar. Der frisch gekürte Wirt wollte erst sicher sein, dass alles hier funktioniert. „Ein Restaurant in London zu führen ist ein großes Risiko“, fasst er zusammen. Das L’Escargot ist bekannt für französische Gerichte, für Kalbsbries mit Trüffel und eben für die Schnecken.
So begann die Geschichte des Hauses auch mit einer Schneckenfarm im Keller. Heute bezieht der Küchenchef die Weichtiere aus Herefordshire, einer Grafschaft im englischen Westen. Die dort gezüchteten britischen Weinbergschnecken sind von derselben Art wie die berühmten aus dem Burgund. Das L’Escargot ist ein besonderer, verwinkelter Ort. Im Speisesaal im Erdgeschoss hängen Kristalllüster von der Decke, es gibt Silberbesteck, weißes Leinen, dunkelrote Rosen und gelbe Mimosen in Glasvasen. Gladys und Daisy watscheln die Treppen zu den Salons hinauf. Teppichboden überall, britischer wird’s heute nicht mehr.
Es gibt viel Kunst an den Wänden, von Peter Blake, Salvador Dalí, Lubaina Himid, Beryl Cook und Keith Haring. Henri Matisse grüßt mit „The Snail“. Auch Francis Bacon, ein langjähriger Stammgast, ist mit Werken vertreten. Gern würde man wissen, welche Partys hier die Aristokraten, Reichen und Schönen der Stadt schon gefeiert haben. Die Gästeliste liest sich wie das Who’s who der Londoner Gesellschaft: Elton John, Mick Jagger, Judi Dench, Shirley Bassey, Petula Clark. Auch Prinzessin Diana war gern hier. Heute sitzt Thomas Hitzlsperger an einem der Ecktische. Kaum jemand scheint ihn zu erkennen. Am Schluss seiner Schicht kommt noch Küchenchef James Tyrrell vorbei, um die kommenden Tage abzusprechen.
In den späten Neunzigerjahren stand hier Marco Pierre White am Herd, einer der renommiertesten und zugleich rebellischsten Köche Englands. Und der erste Brite, der mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet wurde. Er packte London auch kulinarisch auf die Landkarte, als der Rest der Welt noch dachte, die Briten würden sich vor allem von labbrigem Toast und unterwürzten Baked Beans ernähren. Hitzlsperger war schon als 18-Jähriger von England fasziniert. Er kam als junges Kicktalent nach Birmingham, kostete dort gleich zum ersten Mal Englands wahres Nationalgericht: Chicken Curry. Dass ihm inzwischen das älteste französische Restaurant der Stadt gehört, ist vielen Zufällen und Leidenschaften zu verdanken. Er war hier privat zu Gast, mochte das Essen, das Ambiente. Er kam wieder. Und wieder. Als die Inhaber wegen Corona in Schieflage gerieten, sprang er als Investor ein. Er ist aber keineswegs bloß stiller Teilhaber im Hintergrund, auch wenn sein Hauptaugenmerk weiterhin auf dem Fußball liegt.
Man kann mit Thomas Hitzlsperger über ziemlich viel sprechen, wenn das Abendessen lang ist. Über Fußball natürlich. Über England, Deutschland, schwäbische Brezeln und bayerische Brezn, über Literatur. Über Kurzgeschichten von Oscar Wilde und „Schwebebahnen“ von Hanns-Josef Ortheil. Und immer wieder: über Stuttgart. Obwohl Hitzlsperger ja streng genommen ein Bayer ist. 1982 wird er in München geboren, wächst als jüngster Bub von sieben Kindern auf einem Bauernhof auf. Er hat den Traum, den so viele Jungs träumen: Fußballprofi will er werden. Und dann lebt er den Traum. Als Teenager kommt er zum FC Bayern München, mit 18 wechselt er zu Aston Villa, der Rest ist Fußballgeschichte.
In England bekommt er den Spitznamen „Hitz, the Hammer“. Die Fans nennen ihn so wegen seines präzisen und harten Schusses, insbesondere mit links, oft aus der Distanz. In Deutschland trifft er 2007 für den VfB Stuttgart im letzten Saisonspiel, zum Ausgleich gegen Cottbus. Nach dem Siegtor von Sami Khedira wird der Verein Deutscher Meister (wozu allerdings auch das Unentschieden gereicht hätte). Später folgen Stationen bei Lazio Rom und dem VfL Wolfsburg. 52-mal spielt er für die deutsche Nationalmannschaft. Nach seiner Profizeit bekennt sich Hitzlsperger 2014 öffentlich zu seiner Homosexualität, als erster ehemaliger Erste-Klasse-Spieler überhaupt. Er arbeitet als TV-Experte, steigt dann beim VfB zeitweise bis zum Vorstandsvorsitzenden auf.
Das L’Escargot ist nun ein völlig neues Spielfeld für ihn. Und Hitzlsperger verklärt die Arbeit im Restaurant keineswegs. Er spricht über die ständig klingelnden Telefone und privaten Veranstaltungen, die hohen Mieten, die Personalfluktuation. Über Gäste, die vor dem Theater essen und nicht bedenken, dass ein Schokoladensoufflé eben seine Zeit braucht. Und er diskutiert die Herausforderung, die klassische französische Küche in eine Gegenwart zu überführen, die vor allem Sharing Plates und schnelles Essen bevorzugt. Das Timing, sagt er, mache ihn manchmal sehr nervös. Wenn Küche und Service nicht reibungslos zusammenarbeiten und die Teller zu spät an die Tische kommen. Am Ende fühlt sich das L’Escargot für ihn wie ein lebendiger Organismus an. Jeder Abend läuft wie ein Experiment aus Logistik, Intuition und Menschenkenntnis ab. Dazu gibt es die anderen Ebenen, den akuten, fremdgesteuerten Stress. Den Preisdruck, die Bewertungen, die Menschen ins Netz schreiben, ohne wirklich dagewesen zu sein. Hitzlsperger ist klar, dass ein Restaurant nicht allen gefallen kann. Er weiß aber auch, dass ihm eine selbst gemachte Pâté en croûte lieber ist als eine zugekaufte, auch wenn Letztere wirtschaftlich sinnvoller wäre.
Sein Weg zum Besitz eines gehobenen Lokals war nicht unbedingt vorgezeichnet. Das Essen der Kindheit war weit weg von Gourmetküche, aber nah dran an guter Hausmannskost. Die Oma kochte für die vielen Enkel und weitere Familienmitglieder jeden Tag frisch. Im katholischen Bayern gab es freitags kein Fleisch, und noch heute schwärmt Hitzlsperger von den Dampfnudeln und dem Apfelstrudel. Oder den zwei Leberkässemmeln ohne Senf, die es vor der Schule frisch vom Metzger gab. Viel zu lange habe er als Sportler das alles nicht mehr essen dürfen. Seine Ernährung als Profi sah deutlich nährstoffoptimierter aus, er hielt die Disziplin. „Ich habe als Spieler auch ab und zu Alkohol getrunken“, sagt er, „aber nur, wenn ich am nächsten Tag frei hatte.“ Heute lebt er entspannter: „Ich kann viel öfter einfach genießen, ohne mir Gedanken machen zu müssen: Wie verhalten sich meine Teamkollegen morgen? Wie bewertet mich der Trainer, und wie performe ich am Wochenende? Das ist schon ein Luxus für mich.“
Am Ende der frühen Zeit in Birmingham, wo er sich wohlfühlte und seinen sportlichen Durchbruch erlebte, kam dann das Angebot vom VfB. „Da wurde alles noch besser“, erzählt Hitzlsperger. Er spielte eine wichtige Rolle in der Mannschaft, half entscheidend mit, den VfB nach 15 Jahren wieder (und zum bislang letzten Mal) zum Deutschen Meister zu machen. „Das war schon toll für mein Selbstwertgefühl.“ Die Jahre in Stuttgart bedeuten ihm rückblickend sehr viel – das Leben in einer Stadt, die ihm bis dahin völlig fremd gewesen war. „Ich hatte hier die Zeit meines Lebens“, resümiert er. Erst wohnte er in Schnait im Remstal. Dann zog er in die Stadt hinein. In Stuttgart begann auch seine Liebe zur Kulinarik: in der Speisemeisterei in Hohenheim. Es muss 2005 oder 2006 gewesen sein, Martin Öxle war damals der dekorierte Küchenchef. Zum ersten Mal sah der Bub vom Bauernhof, dass Frauen einen Extrahocker für ihre Handtaschen bekamen. Der Blick in die Küche, die Abläufe an den Posten, die Geschmackserlebnisse auf dem Teller – er erinnert sich genau, wie sehr ihn die Welt der gehobenen Gastronomie faszinierte. Wenn er heute in andere Länder und Städte reist, kennt er die Adressen der besten Restaurants mindestens so gut wie die Stadionarchitekturen.
Als VfB-Spieler wohnte Hitzlsperger eine Zeit lang in der Birkenwaldstraße am Killesberg, mit Blick über die Stadt. Unten trafen sich die Spieler gern im Waranga, gingen im Abseits einkaufen. Ein Lieblingsort von Hitzlsperger war nebenan das Buchhaus Wittwer. Mit Roger Willemsen ging er im Restaurant Wielandshöhe essen. In die Stuttgarter Markthalle ging er immer und immer wieder, kaufte für zu Hause ein, kochte selbst und ausgiebig. Auch für die Familie, wenn sie aus München zu Besuch kam. Im Herbertz trank er seinen Kaffee, liebte die Butterbrezeln und las Zeitung. Für Pizza und Pasta kehrte er mit den Kumpeln dann im Riva im Westen ein, manchmal zwei- bis dreimal die Woche. Das Bierhaus West war ein anderer Lieblingsort für ihn. Auch wenn er heute in der Stadt ist, weiß er, wo man gut speisen kann. Er mag das Nagare in Feuerbach oder das Restaurant im Künstlerhaus. Und natürlich die Weinstube Fröhlich, an der VfB-Vorstandschef Alexander Wehrle beteiligt ist. „Auch heute noch hat Stuttgart einen festen Platz in meinem Herzen“, sagt Hitzlsperger, man glaubt es ihm sofort, auch wenn die schwäbischen Jahre ihm nicht nur den reinen Erfolgsrausch brachten. Als Wehrles Amtsvorgänger im Vorstand trug er von 2019 bis 2022 größte Verantwortung für das Schicksal des Vereins. Es wurde zu einer der herausforderndsten Zeiten in seinem Leben. Die Widerstände, gegen die er damals zu kämpfen hatte, vor allem bedingt durch die Covid-Pandemie, waren gewaltig.
Ein weiterer Tag, der erst sein Leben und dann den deutschen, wenn nicht sogar den internationalen Fußball veränderte: Sein Coming-out im Jahr 2014 fiel ihm keineswegs leicht. Er war der erste bekanntere deutsche Fußballer überhaupt, der sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte. Lange hatte er den Tag herbeigesehnt, an dem die Meldung veröffentlicht wurde. Noch heute, mehr als zwölf Jahre später, berichtet er vom Druck, den er jahrelang erlebt hatte, und der Furcht, entdeckt und von anderen geoutet zu werden. „Es war mir wichtig, mir selbst zu beweisen, dass meine Sorgen unbegründet waren“, erzählt Hitzlsperger. „Dass ich jetzt als offen schwuler Mann, der Fuß ball gespielt hat, mein Leben leben kann. Und auch wieder einen Job im Fußball bekomme.“ Jetzt sei er natürlich weg, der Druck. Sagt er und nippt an seinem Weißwein. Ende März 2026 bekam er in Stuttgart vom Ministerpräsidenten sogar den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg verliehen. Die Heimat ist nun trotzdem London, eine weltanschaulich offene Metropole und für Feinschmecker ein ganz wunderbarer Ort. Von den Auswirkungen des Brexits habe er bisher kaum etwas gespürt, sagt Hitzlsperger, nur beim Umzug war der Aufwand enorm und vergleichsweise teuer.
Dabei kommt ihm das Leben in der britischen Hauptstadt manchmal im wahrsten Sinne wie ein Inselurlaub vor: Er mag die Parks, den Green Park etwa, wo er gern mit den Hunden Gladys und Daisy spazieren geht. Und immer wieder lobt er die Gastronomie der Stadt, die für ihn spannend bleibt. Er beobachtet genau, was die anderen machen. Wie funktioniert die bekannte Imbisskette Pret A Manger? Was erlebt man in den neuen Cafés? In der Dean Street sitzt er gern im Tapas-Laden Barrafina an der Theke. Und wenn er eine Gastrokette besonders mag, dann ist es Dishoom, ein Franchise mit indischen Spezialitäten: „Dort stehen die Menschen immer Schlange. Es ist einfach so gut.“ Kürzlich war er ein paar Wochen lang in Indien unterwegs, war beeindruckt von den Menschen, dem Chaos, den grünen Wiesen und dem Taj Mahal. Daheim in London wartete dann wieder der Job auf ihn.
Denn so kräfte- und mentalitätsfressend das Dasein als Profisportler auf Dauer auch war: Ein Restaurant zu betreiben, das ist auf andere Art maximal ambitioniert. „Reich wird man damit nicht“, bekennt er. „Aber Men schen eine gute Zeit zu bereiten, ist ohnehin unbezahlbar.“ Sein Restaurant ist zusätzlich ein Ort, der von seiner jahrzehntelangen Geschichte lebt. Für viele in London ist der Laden eine zweite Heimat, die viel mehr Emotion bereithält als nur die Lust auf Essen und Trinken. Und auch wenn die Küche französisch ist, bezieht Thomas Hitzlsperger seine Zutaten fast alle aus Großbritannien – bis auf die Austern, die direkt aus der Bretagne kommen und vom neuen Chef persönlich auf die Karte gesetzt wurden.
Hitzlsperger mag Austern, trinkt gern Negroni. Gönnt sich heute zur Feier des Tages sogar noch einen überbackenen Hummer. Und muss dann leider doch noch einmal raus in die kühle Nacht. Gladys und Daisy warten ungeduldig. Ab und zu, wenn das L’Escargot voll ist und der Platz eng wird, nimmt Hitzlsperger an der Tür die Jacken der Gäste entgegen. Ein älterer Herr hat ihm dafür mal zwei Pfund Trinkgeld in die Hand gedrückt. Es sind unersetzliche Momente, in denen man sich als Held des Kundenservice fühlen darf. Jeder Restaurantbesitzer träumt von ihnen.