Schön wohnen in Stuttgart Das schnörkellose Traumhaus in Degerloch

Jan und Claudia Fest vor ihrem Einfamilienhaus im Stuttgarter Stadtteil Degerloch – schnörkellose Ästhetik auch im Haus. Foto: Frey Architekten/Sebastian Schels

Mit Blick auf den Fernsehturm – auf einem komplizierten Hanggrundstück im Stuttgarter Stadtteil Degerloch hat ein junges Paar mit Hilfe eines Stuttgarter Architekturbüros ein schnörkelloses Traumhaus mit Aussicht auf viel Grün gebaut.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Nie im Leben. Unmöglich. Keinesfalls lässt sich da ein architektonisch anspruchsvolles Haus mit viel Licht und hohen schönen Räumen planen: auf einem derart schmalen Grundstück an einer Straßenbiegung, und mit nah angrenzenden Nachbarhäusern links, rechts und auf den hinteren, gartenseitig angrenzenden Grundstücken. Die vorgeschriebenen Abstandsflächen sind ja auch noch zu bedenken. Und doch steht in dem Sträßchen im Stuttgarter Stadtteil Degerloch nun genau das: ein in seiner Form und Schlichtheit beeindruckendes Einfamilienhaus.

 

Entworfen wurde das Gebäude von den Stuttgarter Frey Architekten, die schon ihr eigenes Wohnhaus, ein altes Haus in schwieriger Hanglage, zu einem Haus für zwei Familien umgebaut hatten.

Ein Umbau war bei dem Haus in Degerloch, das Claudia und Jan Fest gekauft hatten, nicht möglich. „Eine energetische Sanierung war wegen der schlechten Bausubstanz nicht möglich“, sagt die Architektin Maria Frey nach der herzlichen Begrüßung mit dem Bauherrenpaar, was ja immer ein ganz gutes Zeichen ist, gerade bei derart herausfordernden Projekten.

Beim Verkauf des Vorgängerhauses wurde bereits ein Konzept für einen Neubau mitgeliefert. Der wäre aber schon wegen der erforderlichen Abstände zu den Nachbarn beim Bauamt nicht genehmigt worden. Da kamen also Frey Architekten ins Spiel: „Wir haben lange getüftelt, wie und wo wir noch zusätzliche Quadratmeter gewinnen können und sind so auf die abgeknickte Grundform gekommen, die sich mit der asymmetrischen Form am unregelmäßigen Grundstücksverlauf orientiert“, sagt Maria Frey.

Heller Putz, hochwertige Details

Heller Putz, bündige Fenster, vor allem das kleine quadratische im Erdgeschoss des Satteldachbaus fällt jetzt den Passanten ins Auge. Das Fenster ist als geschlossenes Alupanel ausgeführt. „So ist es nicht direkt als WC-Fenster in der schlicht gehaltenen Fassade ablesbar“, sagt Maria Frey. Es lässt sich aber genauso wie ein normales Fenster kippen und öffnen. Derlei Details machen auch den Charme des Hauses aus. Die gesamten Fenster sind Holz-Alu-Fenster, innen geöltes Fichtenholz mit außen einer Aluminiumverschalung in einem eleganten dunklen Bronzeton.

Gerade vier Meter Breite misst der Neubau an der Straße, als würde er einen Knicks machen, öffnet sich dann trichterförmig, und von der abschüssigen Gartenseite aus gesehen ist er, wie sich später zeigen wird, mehr als doppelt so breit, neun Meter.

So schmal lugt das neue Haus zwischen den Altbauten in Stuttgart-Degerloch hervor. Foto: Frey Architekten/Sebastian Schels

Als die Hausherrn die Tür öffnen, steht man gleich mitten in der Küche. Auf sogenannte Verkehrsflächen wie etwa üppige Dielen wurde verzichtet, denn es galt ja auf einer Grundstücksfläche von nicht einmal 400 Quadratmetern so viel Wohnraum wie möglich zu schaffen. Was grandios gelungen ist. Im Erdgeschoss sind es 72 Quadratmeter, in den oberen Geschossen 59 und 32 Quadratmeter unterm Dach, so kommt das dreistöckige Gebäude auf stolze 164 Quadratmeter Wohnfläche.

Einige Stufen geht es jetzt vom Eingang erst einmal hinab, die Hanglage des Grundstücks wird damit auch im Hausinnern gespiegelt. Die vom Schreiner maßgenau eingepassten Küchenmöbel an der Wand und um die Ecke unterstreichen den ungewöhnlichen Schnitt. Der offene Ess- und Wohnbereich, den die Bauherren sich gewünscht hatten, wirkt großzügig und licht mit seinen bodentiefen Fenstern und Schiebetüren, die sich auf zwei Seiten zur Terrasse hin öffnen; im Wohnbereich rahmt ein großes Fenster die Landschaft.

Luftige Höhe, Blick auf den Kamin

Zonierungen durch Teppiche und dergleichen sind gar nicht nötig, das übernehmen einige breite Sitzstufen, der Wohnbereich mit gemütlicher Sofaecke ist dadurch etwas erhöht angeordnet, die Decke ist etwas niedriger und die Atmosphäre dadurch intimer. Da der Kamin an der Ecke in die Wand integriert ist, hat man sowohl vom Wohnzimmer als auch vom Esstisch aus einen Blick darauf.

Der offene Übergang, die hohe Raumhöhe im Essbereich und die großen Fensterflächen bringen viel Licht ins Haus. Auch die fast schon asketische Innenraumgestaltung trägt zu ruhiger, entspannter Atmosphäre bei: weißer Kalkputz an den Wänden, heller Sichtestrichboden, rohe Betondecken, dazu Fichtenholzfensterrahmen. Altbauflair mit hohen Decken, die die Bewohner in ihrer Wohnung zuvor genossen, vermissen sie nicht. „Vom ersten Moment an haben wir hier gern gewohnt“, sagt Jan Fest. „Und im Sommer findet das häusliche Leben auf der Terrasse statt“, sagt Claudia Fest.

Vom Kauf bis zum Einzug hat es zwei Jahre gedauert. „Wir genießen, dass Degerloch in manchen Ecken noch fast dörflich und ruhig ist“, so die Bauherrin. „ Zugleich sind wir schnell in der Innenstadt“, ergänzt der Bauherr, „und fahren mit dem Fahrrad in die Stadt“. Sportlich, bedenkt man, dass vom Kessel hinauf nach Degerloch doch einige Höhenmeter zu absolvieren sind.

Die Fests sind Ärzte, sie wissen, wie gesund Bewegung ist. Daher haben sie auch nichts gegen die Stufen im Haus. Zumal die Treppen und der seitliche Luftraum wie eine Museumsinszenierung wirken. Beim Aufhängen der Bilder, sagen die Bauherren mit einem Lachen, seien sie aber noch immer in der Entscheidungsfindung. Bis es so weit ist, machen sie sich aber auch am Boden stehend an die Wand gelehnt ganz gut.

Geht man die schmale Betontreppe bis ins Dachgeschoss hinauf, gelangt man zu Arbeits- und Rückzugsräumen mit angeschlossenem Bad. Einige Räume sind so konzipiert, dass sie leicht durch Trennwände teilbar wären. So zu entwerfen, dass ein Haus auf sich verändernde Bedürfnisse der Bewohner mit den Jahren, Jahrzehnten reagieren kann, auch das wirkt sich positiv auf die Langlebigkeit und damit Nachhaltigkeit eines Hauses aus.

Blick auf den Fernsehturm

Bei einem Blick in die Arbeits- und das großzügige Schlafzimmer, sieht man, wofür der Stadtteil berühmt ist. Nicht nur für seine zum Teil noch dörfliche Struktur, sondern für das viele Grün, das nahe gelegene Ramsbachtal – und den Fernsehturm.

Auch in den eigenen Garten lässt es sich blicken, mit Beeten und Wiese und lässigen Liegestühlen mit Schnürung in Spaghettiform. Wie das so schmale Haus von hinten ausschaut, interessiert zuweilen über die Maßen neugierige Menschen. Nicht nur stehen öfter mal Leute vor dem Haus, das ohne Zaun auskommt: „Wir hatten schon einmal eine Dame, die bis in den Garten hinunter gekommen ist“, sagt die Bauherrin.

Doch deswegen einen Zaun ziehen, das muss nicht sein. Meistens begnügen sich die Leute damit, vor dem Haus zu stehen oder seitlich einen Blick zu erhaschen, was wegen des Höhenversatzes dann eben doch nicht gelingt. In der Stadt komplizierte Grundstücke nutzen und dort einen behaglichen Rückzugsort schaffen, der die Baukultur in dem Sträßlein mit seinem zusammengewürfelten Nebeneinander unterschiedlichster Baustile entschieden aufwertet, das ist den Architekten mit ihren mutigen Bauherren aufs Schönste gelungen.

Bilder vom Haus und der Bauzeit finden sich in der Bildergalerie.

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