Schön wohnen in Stuttgart Eine junge Familie zeigt ihre perfekt sanierte Stadtvilla aus den 30er Jahren

Die Besitzer wollten die besondere Eigenheit dieses Haustyps bewahren. Foto: Gregor Neschel/Montage: Sebastian Ruckaberle

Die Stuttgarter Kaffeemühle findet sich als Wohntyp häufig. Um so ein Haus weiterleben zu lassen, hat der Architekt Simon Fehrle das Gebäude kernsaniert und den Charme bewahrt.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Architektur ist gebaute Umwelt. Man kann ihr nicht ausweichen, man kann sie höchstens ignorieren. Zu den zahlreichen architektonischen Wahrzeichen Stuttgarts gehören dem Fernsehturm, der Liederhalle und der Neuen Staatsgalerie auch ein Gebäudetypus, den viele übersehen, weil er so oft gebaut wurde: das sogenannte Kaffeemühlenhaus. Dabei handelt es sich um ein Mehr- oder Einfamilienhaus aus den 1920er und 1930er Jahren. Nicht selten sind auf den Anhöhen der Landeshauptstadt mit ihren meist eng bebauten Straßenzügen noch viele dieser „Stuttgarter Kaffeemühlen“ erhalten.

 

Würfelhaus mit Walmdach

Doch der Zustand dieser Würfelhäuser mit ihren Walmdächern ist nicht immer gut, was auch daran liegt, dass diese Gebäude in der Regel nicht unter Denkmalschutz gestellt wurden. So macht jeder Eigentümer mit seiner Kaffeemühle, was er will oder auch nicht. Und am Ende steht ein junges Paar, das auf der Suche nach einem Zuhause für sich, die beiden Kinder und den Hund ist, vor der Frage, ob es sich noch lohnt, ein solches in die Jahre gekommenes, doch charakterstarkes Haus zu retten.

Harmonische Farbgebung: Die Sprossenfenster und Klappläden erstrahlen in einem Salbeiton, während die Fassadenfarbe in einem hellen Sandbeige gehalten ist. Foto: Gregor Neschel

Andererseits sind solche Grundstücke in einer Stadt wie Stuttgart ein rares Gut. Und anders als der Zustand ist die Lage geradezu ideal. Mitten in der Stadt, eingebettet in einen Hang, zentral und dennoch ruhig gelegen ist der Bau. Einen Garten gibt es auch noch. Und das alles nur wenige Minuten zu Fuß bis zum beliebten Hölderlinplatz, wo man gut essen und einkaufen kann.

Leider verbastelt

Die Eheleute Landgrebe kaufen also die Kaffeemühle, mit recht klaren Vorstellungen, was sie wollen. Die Landgrebes wissen allerdings, dass sie eine komplexe Umbauaufgabe vor sich haben, weshalb sie den Stuttgarter Architekten und Spezialisten für sensible Altbausanierungen Simon Fehrle als Fachplaner hinzuziehen. „Das Haus war leider verbastelt, der Rück- und Umbau deswegen aufwändig“, erinnert sich Fehrle.

Interessant ist das Konzept des Bauherrenpaares: Im Innenbereich sollten die Grundrisse geöffnet werden, um die modernen Anforderungen einer Familie zu erfüllen und gleichzeitig den Raum großzügiger und harmonischer wirken zu lassen. Dafür wurde dann auch eine Diele hinzugefügt, die den ehemals schlichten Eingangsbereich aufwertet.

Hat beim Umbau des Kaffeemühlenhauses ganze Arbeit geleistet: Der Stuttgarter Architekt Simon Fehrle. Foto: Tennigkeit + Fehrle Architekten

Trotzdem wollten sie die besondere Eigenheit dieses Haustyps bewahren, indem sie ihn nicht aushöhlen, komplett von der Kellerdecke bis zum Dachfirst entschachteln, wie das häufig getan wird. Fehrle: „Der Grundriss ist bei solchen Kaffeemühlenhäusern kleinteilig, doch die Proportionen sind dennoch angemessen.“ Beim Rundgang im Haus hat man keinesfalls das Gefühl von Enge, was auch an der konsequent durchdesignten Innenraumgestaltung liegt.

Während der Architekt Simon Fehrle die erhaltenswerten Reste der historischen Bausubstanz aufspürt und mit Fachleuten akribisch aufarbeitet oder durch zeitgenössische Äquivalente ersetzt, betätigt sich Samantha Landgrebe als Interior Designerin. So eine abgestimmte Zusammenarbeit von Planer und Bauherrin ist keine Selbstverständlichkeit, doch in diesem Fall passt das Teamwork wunderbar.

Sanierung in dem Haus in Stuttgart auf KfW-Standard

„Obwohl vieles nicht mehr zu retten war, konnten wir die geschwungene Innentreppe und sowie einen handgezogenen Deckenstuck erhalten. Alles wurde fachgerecht restauriert und behutsam in das neue Design integriert“, sagt Simon Fehrle. Außen werden die Sprossenfenster aufgearbeitet, Fehrle sorgt für mehr Tageslicht im Inneren.

Dann geht es auch darum, den scheinbaren Widerspruch von Historizität und energetischer Sanierung auf KfW-Standard mit Wärmepumpe aufzulösen: So werden Fassadengesimse, also der Außenstuck, sowie Klappläden nach dem Anbringen der Wärmedämmung wieder angebracht, und zwar mit solch einer Detailverliebtheit, dass der ursprüngliche Charme und Charakter der Außenfassade erhalten geblieben ist.

Zurückhaltend und präsent zugleich

Apropos Klappläden: Ihre Farbgebung ist so einerseits zurückhaltend, andererseits überall präsent. „Warme Grüntöne spielen nicht nur an den Fenstern sondern auch im Inneren eine zentrale Rolle“, erklärt Samantha Landgrebe. Salbeitöne tauchen bei Fliesen, bei den Wandfarben, beim Treppenhandlauf, bei Leuchten und Einrichtungs-Accessoires wieder auf.

Zu diesem Farbkonzept passen ein sanftes Weiß und ein mittelbrauner Holzton. „Das Fischgrätmuster – im Parkett etwa oder bei Möbeln – begleitet einen leitmotivisch durch das gesamte Gebäude, vermittelt optische Wärme und ist angenehm zurückhaltend“, sagt Simon Fehrle.

Bauherrin und Interior-Designerin ihres eigenen Domizils: Samantha Landgrebe. Foto: Samantha Landgrebe 2025

Tatsächlich wirkt das alles überaus behaglich, einladend und dennoch elegant, wobei diese Wahl der Farbgebung, Muster und Materialien funktional ist: so wird die erwähnte Kleinteiligkeit des Grundrisses einer Stuttgarter Kaffeemühle durch Unaufgeregtheit konterkariert. Nichts wirkt zufällig, improvisiert. Die Raumfolge ist logisch, die sehr wertige Küche im Beaux-Arts-Style mit einem Block aus Edelstahl und Chrom in Kassettenoptik bildet mit den Aufenthaltsräumen im Erdgeschoss eine homogene Einheit, das elterliche Schlafzimmer auf der ersten Etage sowie die Kinderzimmer unter dem Dach wirken so unbemüht, als wäre alles schon immer so gewesen.

Das Gegenteil ist der Fall. „Am Grundriss haben wir vielleicht 20 Prozent verändert, an der Innenarchitektur aber deutlich mehr, wahrscheinlich rund 80 Prozent“, schätzt Simon Fehrle. Der französisierende Stil beim Innenraum-Design zeigt sich bei der Verlegung des Parketts im Fischgrätmuster – die Parkettstäbe sind an den Enden abgeschrägt – wie auch in einem humorvollen Kommentar zur formalen Konsequenz der Umgebung. Die „Tapetentür“, hinter der sich das Gäste-WC verbirgt, übersieht man erst, dann lacht man. Wie kann man ein stilles Örtchen besser aufwerten?

Hobby wird zu Job

Glücklich ist, wer Geschmack besitzt und für seine Kreativität einen Ausdruck findet. „Ich wollte eine angenehme Wohnatmosphäre schaffen, mit einem harmonischen Wechselspiel aus klassischen und modernen Möbeln und Einbauten“, sagt die Bauherrin. Und, ja, Samantha Landgrebe setzt mit viel Finesse ihr Konzept als Interior Designerin des eigenen, Ende 2022 fertiggestellten Hauses erfolgreich um, so erfolgreich, dass sie plötzlich Anfragen aus dem Bekanntenkreis erhält.

Aus dem Hobby wird allmählich ein Job. Nun hat sich Landgrebe in Stuttgart selbstständig gemacht, als Interior Designerin bietet sie ihre Expertise an. Die stilvolle Verwandlung einer räudigen Stuttgarter Kaffeemühle in ein sehenswertes, architektonisch überzeugendes Einfamilienhaus mit hoher Aufenthaltsqualität macht sich als Referenz zweifelsfrei gut.

Fotografien aus dem Haus finden sich in der Bildergalerie.

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