Schön wohnen in Stuttgart Zwei Brüder bauen das denkmalgeschützte Haus der Oma um

Die Sanierung wurde zu einem Mammutprojekt. Foto: Sebastian Schels//KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Wie aus einem alten Mietshaus in Stuttgart schicke Gründerzeitwohnungen und Maisonette-Apartments mit toller Aussicht entstehen. Zu Besuch im Heusteigviertel.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Wenn die Architekten Georg Friedrich Bihl und Alfred Woltz an einem schönen Sonntagmorgen durch Stuttgart spazierten, konnten sie an vielen Orten zufrieden auf ihr prominentes Werk blicken – vom Vergnügungspalast Friedrichsbau mitten in der Stadt über das Lindenmuseum bis zum Versicherungsgebäude, in dem heute die Allianz Versicherung logiert und dem Marienhospital im Stuttgarter Süden. Von den zahlreichen Villen und Mietshäusern in der um die Jahrhundertwende rasant wachsenden Stadt zu schweigen.

 

Maßgeblich das Stadtbild geprägt haben sie mit ihren Neobarockpalästen und Gründerzeitbauten, von denen allerdings das mit seinen reich an Türmen, Giebeln verzierte und vielleicht repräsentativste, prächtigste nicht mehr existiert: Der Friedrichsbau, das Varieté, das vor dem Zweiten Weltkrieg eines der ersten Häuser der deutschsprachigen Theaterlandschaft war, hat seinen Namen von dem Bau erhalten.

Stuttgarter Abrissfuror nach dem Weltkrieg

Das bombengeschädigte Haus ist nach dem Krieg, 1955, dem Abrissfuror autofreundlicher Stadtplaner zum Opfer gefallen – für die Verbreiterung der Friedrichstraße, die B 27. Heute versucht man die Raserei auf der von der Theodor-Heuss-Straße in die Friedrichstraße mündenden Stadtautobahn durch Tempolimits zu beschränken.

Dass es auch anders geht, zeigen immer wieder engagierte private Bauherrschaften. Denn deutlich besser ergangen als dem Friedrichsbau ist es manchem Mietshaus der Architekten, die ihr Büro bis zu ihrem Tod – beide starben 1935 – in Stuttgart führten. 1897 entwarfen sie beispielsweise im Heusteigviertel ein Mehrfamilienhaus. Wiewohl es im Zweiten Weltkrieg auch bis auf die Grundmauern niederbrannte, steht es heute da wie gerade frisch fertiggestellt.

Seit 1930 im Besitz der Familie

Die Sandsteinelemente sind sorgfältig restauriert, ebenso die zweiflügeligen Holzfenster mit Rahmen in farblich passendem dezentem Olivgrün und die Verglasung der Veranda auf der rückwärtigen Seite im Hinterhof. Nur im Treppenhaus sieht man wie weit das Holz verkohlt und nicht mehr erhalten werden konnte, wo neues Material verbaut war. Wo es möglich war, wurden die historischen Bodenbeläge aufgearbeitet und ergänzt.

Frida Maier, geborene Schaich, und ihr Ehemann Johannes Maier hatten das Haus 1930 gekauft, bis heute ist es in ihrem Besitz. Nicht nur die Urgroßeltern hatten die gute Substanz geschätzt, sondern auch die Generation heute: die Urenkel, das Brüderpaar Martin und Thomas Hampel, die das Haus im Heusteigviertel 2011 nach dem Tod der Großmutter übernahmen.

Die Urenkel sanieren das Haus im Heusteigviertel in Stuttgart

Sie entschieden sich für ein Mammutprojekt: Das Haus – unter Denkmalauflagen – sanieren und zusätzlich Wohnraum schaffen. „Wir hatten gedacht, wir renovieren erst mal die eine Wohnung nach dem Tod der Großmutter, merkten dann aber, als es beim ersten Probebohren die Sicherungen herausgehauen hat, mit einfachen Eingriffen kommen wir nicht weiter“, sagt Martin Hampel.

Es war klar, dass es mit der Entfernung von alten Tapeten und Aufarbeitung des Fischgrätparketts allein nicht getan sein würde. Die Großmutterwohnung mit den Nachtspeicheröfen und das gesamte Haus war weitgehend – auch energetisch – auf dem Stand der Nachkriegszeit, sprich: es herrschte Sanierungsstau. Aktuell wird mit einer Gaszentralheizung für warme Räume im Winter gesorgt, sagt Martin Hempel: „wir hoffen aber, irgendwann ans Fernwärmenetz angeschlossen zu werden“.

Auch emotional ist solch ein Familienprojekt anspruchsvoll. „Wir waren als Kinder immer in der Wohnung der Großmutter zu Besuch gewesen, ohne all die Perserteppiche, die großen Schränke und Bilder wirkte die Wohnung auf einmal riesig.“ Dennoch sei die Familie froh, dass die Enkel sich ans Renovieren wagten. Martin Hampel: „Meine Mutter ist ja in dem Haus aufgewachsen.“ Die duftig wirkenden Blumen hat die Mutter in der Wohnung verteilt, bevor die Besucherin von der Zeitung zu Besuch kam.

Zwei zusätzliche Wohnungen im Haus

Während Martin Hampel über das große Projekt spricht, sitzt er im lichten und offenen Küchen- und Essbereich in der größeren der beiden neuen Dachgeschosswohnungen: viel Holz, Kücheneinbauschränke, ein schöner Esstisch mit Holzstühlen, der Raum bis unters Dach geöffnet. Die Wohnung wird aktuell von seinem Bruder Thomas bewohnt, der aber gerade geschäftlich unterwegs ist. Die kleinere neu geschaffene Wohnung nebenan ist vermietet.

Thomas und Martin Hampel bei der Sanierung ihres Mehrfamilienhauses in Stuttgart. Foto: Privat/Hampel

Die Brüder sind keine Architekten, auch keine Bauingenieure oder Kunstgeschichtler, sondern arbeiten als Betriebswirtschaftler (Thomas) und promovierte Molekularbiologe (Martin) und sind eben an Geschichte, Tradition und Baukultur interessiert. Und sie hatten die Fähigkeit, das Umbauprojekt mit einem so guten Geschäftsplan den geldgebenden Instituten zu präsentieren, dass sie den Traum vom guten Wohnen, gemeinsam mit dem Stuttgarter Architekturbüro Frey, verwirklichen konnten.

Der Plan sah so aus: das Treppenhaus, die Fassade, die vier großen Wohnungen sanieren und im unbewohnten Dachgeschoss zwei Wohnungen schaffen – Gesamtquadratmeter: 551. „Wir haben viel Herzblut in das Projekt investiert“, sagt der Bauherr. „Wir wollten eine runde Sache und die Mietwohnungen genauso hochwertig auf den heutigen Wohnstandard bringen, mit neuen Bädern, und mit einem offenen Koch-Essbereich wollten wir Maßstäbe beim urbanen Wohnen in gründerzeitlichen Gebäuden setzen. Daher haben wir weder bei der Ausstattung noch bei den verbauten Materialien gespart.“

Offenes Raumkonzept auch in den Altbauwohnungen

Der Architekt Philippe Frey erklärt das Sanierungskonzept in den Wohnungen: „Wir haben uns für einen offenen Wohn- und Küchenbereich entschieden, die alten Fliesen und den Terrazzo in den Küchen, sofern vorhanden, aufgearbeitet. Die Übergänge zum Wohnbereich und die ursprüngliche Raumstruktur sollen sichtbar bleiben.“ Und so grenzt das Feinsteinzeug an das alte aufgearbeitete Parkett im Fischgrätmuster, der Küchenblock ist ein verbindendes Element.

Martin Hampel: „Wir wollten den historischen Charme erhalten, aber auch mit zeitgenössischen Elementen ergänzen. Wir haben auch viel selbst gemacht, historische Fliesenbeläge aufgearbeitet, die Ikea-Küchen-Korpusse selbst zusammengebaut, die dann vom Schreiner neue Fronten und Arbeitsplatten erhalten haben.“

Viel Arbeit, viel Spaß

Eine Zeit lang während der zweieinhalb Jahre dauernden Renovierung war jedes Wochenende Hausarbeit angesagt. Auch für einen Architekten ist so ein Projekt betreuungsintensiv, wie er sagt: „In der Zeit, in der viele Handwerker gleichzeitig im Haus waren, war ich zwei, drei Mal am Tag auf der Baustelle.“

Die leuchtenden Augen von Martin Hampel verraten – er würde es wieder tun. Oder? „Ich hätte großen Spaß, noch einmal so ein Projekt wagen“, sagt er mit einem Lächeln und: „Meine Freundin muss ich davon aber noch überzeugen.“ Die Arbeit hat sich gelohnt, in den vier grundsanierten rund hundert Quadratmeter großen Wohnungen, die zu Neubaupreisen vermietet werden, sind seither Paare und Familien daheim, die sich das gehobene Wohnen im Gründerzeithaus leisten können.

Der oft von Eigentümern als schwierig empfundene Denkmalschutz mit all den vielen Auflagen? „Die Zusammenarbeit lief super und sehr konstruktiv“, sagen Bauherr und Architekt unisono. „Wichtig ist, die eigenen Vorstellungen gut zu erklären und offen zu sein für die Anregungen der Denkmalexperten“, sagt Philippe Frey. „Wir wollen alle dasselbe: gute Baukultur erhalten. Es ist toll, dass die Brüder Hampel sich dafür begeistern konnten.“

Detektivisches Gespür bei der Sanierung

Und das bedeutete oft, mehr Geld und Zeit zu investieren. Die alten Fenster etwa wurden nicht einfach durch neue Holzfenster ersetzt, sondern die Rahmen wurden von einem Restaurierungsbetrieb vor Ort aufgearbeitet und neu beschichtet. Das ist denkmalgerechte Sanierung für Fortgeschrittene, die mit öffentlicher Förderung unterstützt wurde. Fast schon detektivisches Gespür bewiesen dabei Architekt und Bauherren: „Wir haben Lackuntersuchungen angestellt, um die Originalfarbe der Fenster und bei der Wintergartenverglasung herauszufinden.“

Das bis auf die Grundmauern zerstörte Haus war 1948 mit einem Notdach, einem Satteldach, das flacher war als das ursprüngliche, wieder aufgebaut worden – das Denkmalschutzamt genehmigte den Plan, die ursprüngliche steilere Dachform wieder herzustellen. Allerdings nur mit Erlaubnis der Nachbarn. „Es sind viele Einzeleigentümer in den angrenzenden Gebäuden zu überzeugen gewesen.“ Wie der Besuch in Thomas Hampels Maisonettewohnung zeigt, gefiel der Plan.

Maisonette-Wohnung mit Aussicht auf Stuttgart

Der Dachaufbau ist eine Sperrholzkonstruktion. Eine schlichte Holztreppe führt hinauf in den komplett offenen Wohn-, Schlaf- und Badbereich. Ein Kubus fürs Bad in der Mitte zoniert den Raum. Das Konzept – ein Badezimmerkern, freilich mit Türen und Vorhang, mitten im Wohn-Schlafzimmer – ist speziell. Und erfordert Ordnungsfreude. Lediglich in der Schlafzimmernische finden sich fein gearbeitete passgenaue Holzeinbauten als Stauraum.

Dafür fühlt man sich auch dank der Oberlichter eher wie in einem Loft. Keine Spur von Dachgeschoss-Enge. „Wir haben hier keinen Balkon“, sagt der Architekt, „dafür ein überbreites Dachfenster, das sich fast komplett öffnen lässt“. Das 1,90 auf 2,50 Meter große Fenster lässt sich mit Fernbedienung steuern. Und der Blick über die Stuttgarter Dächer ist schlicht spektakulär, er reicht bis zur Karlshöhe. Auch die Architekten Bihl und Woltz würden vermutlich beides schätzen, die prächtige Aussicht und die nicht minder prächtige Ansicht des Hauses.

Info

Bihl & Woltz
Die Architekten Georg Friedrich Bihl und Alfred Woltz führten von 1891 an ein gemeinsames Architekturbüro in Stuttgart. Sie entwarfen mehrere Gebäude in Württemberg: die Friedhofkapelle in Waiblingen (1908), das Rathaus Schramberg (1913), das Tropengenesungsheim Tübingen (1916) und auch in Stuttgart: darunter das (nach dem Zweiten Weltkrieg abgerissene) Hotel Victoria (1894), das Wohn- und Geschäftshaus mit Café „Reichshof“ (1897) in der Tübinger Straße, die Fassadengestaltung des Bahnhofs in Feuerbach (1909), das Lindenmuseum (1911).

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