Schönbuchbahn in Böblingen Die E-Züge kommen deutlich später

Die E-Züge der Schönbuchbahn verspäten sich um ein halbes Jahr. Foto: /Stefanie Schlecht

Statt Anfang Juni werden die neuen Elektro-Züge für die Schönbuchbahn zwischen Böblingen und Dettenhausen wohl erst Mitte Dezember geliefert. Der Projektentwickler musste sich im Umwelt- und Verkehrsausschuss des Böblinger Kreistags einiges anhören.

Böblingen: Julia Theermann (the)

„Stinkesauer“ waren am Montag in der Sitzung des Fachausschusses des Böblinger Kreistags für Verkehrsthemen nicht nur Landrat Roland Bernhard (parteilos), sondern auch Walter Gerstner, Geschäftsführer des Zweckverbands Schönbuchbahn (ZVS), sowie die Kreisräte. Der anvisierte Termin am 9. Juni, an dem die neuen Elektrozüge mit dem Namen Nexio im Schönbuch in Betrieb gehen sollten, kann nicht eingehalten werden. Stattdessen soll es nun erst am Sonntag, 15. Dezember, soweit sein. Dann findet auch der jährliche Fahrplanwechsel bei der Bahn statt. Damit hat sich der Start der neuen Züge um nunmehr gute drei Jahre verzögert.

 

Als Grund nannte der in der Sitzung anwesende Projektleiter des spanischen Zugherstellers CAF (Construcciones y Auxiliar de Ferrocarriles), Gerhard Ferstl, in erster Linie das Zulassungsverfahren für die zwölf Loks, die einen neuen Typ Zug darstellten. Denn sie seien speziell mit Blick auf die Anforderungen der Schönbuchbahnstrecke entwickelt worden. Diese sei mit 17 Kilometern sehr kurz, habe aber viele Haltestellen. Die Bahn müsse also leicht und spurtstark sein, müsse aber auch gut bremsen können. Und sie dürfe nur 23 Minuten von Böblingen nach Dettenhausen brauchen, sonst gehe die 15-Minuten-Taktung auf der Strecke zwischen den Landkreisen Böblingen und Tübingen nicht auf.

Zugführerausbildung auf Eis gelegt

Ein Thema, das schon in der Vergangenheit für Verzögerungen bei der Zulassung gesorgt hatte, sind die Bremsen der Züge. Diese waren vom Eisenbahn-Bundesamt 2021 als zu stark bemängelt worden. Die von CAF entwickelten Züge hätten Verzögerungssysteme, die für Stadtbahnen taugten. Bei einer Bahn, die mit 100 Stundenkilometern über die Gleise rausche, würden sie zu heftig bremsen, teilte das Amt mit.

Gerstner nannte das einen Schildbürgerstreich. Es gehe darum, wie der neue Zug kategorisiert werde: „Ist es ein Leichttriebfahrzeug oder nicht?“ Für ein Leichttriebfahrzeug müsse die Bremse laut Gesetz entsprechend stark sein, für einen anderen Zugtyp würde eine mittelstarke Bremse reichen. „Die Problematik zieht sich wie ein roter Faden durch das Projekt“, sagte Gerstner. Es gebe auch unterschiedliche Auffassungen zwischen dem ZVS und CAF.

Damit der Juni-Termin hätte eingehalten werden können, hätte die Zulassung bis Ende April vorliegen müssen. Um schneller startklar zu sein, hatte man sogar die Umschulung der Lokführer vorgezogen und im Januar damit begonnen. „Das mussten wir abbrechen“, sagte Gerstner. Ohne Zug keine Zugführerausbildung. Der Zug ist – im übertragenen Sinne – abgefahren. „Wir sind tief enttäuscht“, sagte Roland Bernhard. „Das ist nicht unser Stil. Wir als Landkreis peitschen Projekte voran.“ Den Verkehrsminister, der zur Einweihung der Züge hätte kommen sollen, habe er wieder ausladen müssen.

Zu viele Fehlermeldungen

Der ZVS-Geschäftsführer wies neben der Zulassung aber noch auf ein zusätzliches Problem hin: wesentliche Fehler bei der technischen Abnahme. Ein Beispiel dafür sei ein System zur Zugsicherung auf der Strecke. Der Zug zeige dem Lokführer Informationen über einen Scheinfehler an. So komme es nämlich vor, dass der Zug abbremse, weil er der Meinung sei, ein Signal zum Stehenbleiben erkannt zu haben – auch wenn das eigentlich gerade gar nicht gesendet werde. Die Sicherheit der Züge beeinträchtigten diese Fehler nicht, betonte Ferstl. „Es ist in diesem Fall eher das Zuviel an Sicherheit, das die Performance einschränkt.“

Dennoch, so Gerstner, könnten die Züge im aktuellen Zustand nicht auf die Schiene. „Es geht da um Fehler, die ein Techniker von CAF in wenigen Sekunden beheben kann, aber währenddessen steht der Zug“, sagte er. Es sei weder machbar, immer einen Techniker mitzunehmen, noch den Zug aus dem Gleis schleppen zu lassen, wenn der Fehler auftrete. „Da bricht über Stunden der Betrieb zusammen.“ Das Problem lasse sich nur über eine neue Software lösen. Diese dürfe aber nicht während des laufenden Zulassungsverfahrens aufgespielt werden. Dadurch würden nämlich alle Nachweise und Dokumentationen, die man schon erstellt habe, ungültig.

Keine Option, denn die Testfahrten sind bereits vor Monaten gestartet. Man dürfe die Situation nicht so verstehen, warb Ferstl um Verständnis, dass sich CAF als Newcomer auf dem deutschen Markt bei dem Projekt übernommen habe. Man habe es schon im Griff, es sei aber komplexer als angenommen und ganz besonders gelagert.

„Auf die falsche Firma gesetzt“

Der Ärger in Verwaltungsspitze und Kreistag ist groß und wird noch lange zum Verrauchen brauchen, betonten Bernhard und Gerstner. „Ich bin von der Gardinenstange noch nicht wieder runtergekommen“, sagte Letzterer. Kreisrat Klaus Wankmüller (Grüne) stellte sogar die Überlegung in den Raum, ob man sich vor sieben Jahren auf die falsche Firma eingelassen habe.

Dennoch, sagte der Landrat, solle man in absehbarer Zeit nach vorne schauen. „Wir würden Geschichte schreiben, wenn wir den Erfolg wiederholen, den wir vor gut 30 Jahren mit dem Regio-Shuttle hatten“, sagte er. Dieses Dieselleichttriebfahrzeug habe im Kreis Böblingen seine Feuerprobe bestanden und sei seitdem bundesweit erfolgreich gewesen. Und auch Gerstner sagte: „Hier wird erstmals von den Fahrgastbedürfnissen aus die Infrastruktur gebaut, das heißt, die Zweigleisigkeit an bestimmten Stellen hergestellt. Das neue Fahrzeug wird diesen Dreiklang aus einem Guss vervollständigen.“

Bis dahin haben ZVS und Kreis aber mehrere Probleme: Die acht Züge der aktuellen Flotte seien verschlissen und auch die fünf angemieteten Elektrofahrzeuge könne man schon als Oldtimer bezeichnen. „Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren“, sagte Gerstner. Die Ausfallquote sei unerwartet hoch. Wirtschaftlich sinnvoll ließen sich die Züge nur noch wenige Monate betreiben. Auch zu Lärmproblemen sei es in letzter Zeit gekommen, da bei einigen Rädern durch Verschleiß eine sogenannte Flachstelle entstanden sei. Das habe zu einem lauten Rattern geführt. Die Räder seien ausgetauscht worden.

Landrat hofft auf Entschädigung

Ein weiteres Thema ist die Refinanzierung für den Ausbau der Schönbuchbahn. Diese sei rechtlich Ländersache, sagte Landrat Bernhard. Bereits 2014 hatte Baden-Württemberg angekündigt, die Kreise Böblingen und Tübingen bei der „Elektrifizierung und [...] Zweispurigkeit aus Mitteln des Landesgemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes (LGVFG)“ zu fördern. Da sich das Land aber nicht kümmere, habe sich seinerzeit der ZVS gegründet, um das Projekt anzupacken. Seit 2019 ist die Strecke nun mittlerweile elektrifiziert. An zwei Stellen ist sie zweigleisig. Der Kreis plant, sich das Geld vom Land zumindest in Teilen wieder zu holen. „Wir können nicht erwarten, dass wir alles ersetzt bekommen“, sagte Bernhard. Aber mit der Hälfte der gut zwölf Millionen Euro, die der Kreis aktuell jährlich aufwenden müsse, rechne er mittlerweile recht fest. „Das ist Geld, das wir im Kreishaushalt für das kommende Jahr gut gebrauchen könnten.“

Wie viel die sechsmonatige Verzögerung an Mehrkosten verursacht, dazu äußerten sich Kreis und ZVS nicht. 2022 hatte man von Kosten von rund 60 Millionen Euro für die Anschaffung der zwölf Züge gesprochen. Man werde alles dokumentieren und sich später über die Verantwortlichkeiten zu einigen versuchen, hieß es jetzt.

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