Stuttgarter Halbhöhe Ein Haus aus Beton und Licht
Ein Architektenpaar hat sich auf der Stuttgarter Halbhöhe auf einem schmalen Grundstück seinen Traum aus Beton, Holz und Licht erfüllt.
Ein Architektenpaar hat sich auf der Stuttgarter Halbhöhe auf einem schmalen Grundstück seinen Traum aus Beton, Holz und Licht erfüllt.
Stuttgart - Es gibt Häuser in der Stadt, die schweigen einen förmlich an. Sie wirken wie umzäunte Wohnbunker, ihre Öffnungen erinnern an Schießscharten. Und es gibt neue Einfamilienhäuser wie das F9 im Stuttgarter Stadtteil Haigst. In der nicht allzu breit angelegten, dicht besiedelten Freischützstraße fügt sich der 2016 erstellte Betonbau geschmeidig und geradezu bescheiden ein in das nachbarliche Ensemble von älteren Wohnbauten.
Wer sich dem F9 eines schönen, sonnigen Morgens nähert, sieht also zuallererst ein Mädchen, das vor dem Haus stehend mit dem Finger auf das große Eckfenster im Erdgeschoss zeigt. „Da kann man drinnen alles sehen“, ruft es entzückt der Mutter zu, die gebannt ins Innere des Gebäudes starrt, durch die Küche, das Wohnzimmer bis in den Garten. „Einfach toll“, antwortet die Mutter und bekommt den Mund nicht zu.
„Dass immer wieder Passanten und Wandergruppen das Haus begutachten, macht uns gar nichts aus“, sagt Johanna Maibach-Zoll lachend. Von Spitzenvorhängen wollen weder sie noch ihr Partner etwas wissen. Die 42-Jährige und ihr Mann Tom-Philipp Zoll schätzen die Offenheit und mutige Entwürfe. Beide sind Architekten und begrüßen den Gast in ihrem mit dem renommierten Hugo-Häring-Preis 2017 ausgezeichneten Heim, das sie selbst entworfen haben.
Das und die Tatsache, dass sie auch beruflich als geschäftsführende Partner eines Planungsbüros ein Team sind, das jeden Tag als Duo Hunderte Entscheidungen durchfechten muss, verleitet zu der etwas unschicklichen Frage, ob die Ehe während der Planungsphase bis zum Bau arg gelitten habe? „Die Beziehung hat gehalten, kein Problem“, sagt Tom-Philipp Zoll strahlend. „Ich würde es auf jeden Fall noch einmal so machen.“ So etwas hört man selten. Zumal das Haus unter erschwerten Großstadtbedingungen entstanden ist. Erst wurde acht (!) Jahre lang nach einem geeigneten Bauplatz gesucht, und als man endlich fündig wurde, musste man auf einem lediglich 270 Quadratmeter kleinen Grundstück nach dem Abriss eines sanierungsbedürftigen Hauses ein entsprechend schmales Gebäude für eine fünfköpfige Familie errichten. Denn das Stuttgarter Architektenpaar hat drei Kinder – drei Jungs, um genau zu sein, die ebenfalls ihre Spiel- und Rückzugsräume beanspruchen.
Die baurechtlichen Vorgaben waren auch nicht unproblematisch: „Ein Flachdach, das wir zuerst angedacht hatten, kam leider nicht infrage“, erinnert sich Johanna Maibach-Zoll. Und dann ist da noch der Haigst, ein Stadtteil in der Halbhöhe, der schon immer eine bevorzugte Stuttgarter Wohnlage war. Die ersten großbürgerlichen Haigster zogen Ende des 19. Jahrhunderts in die Höhe. Obwohl die Bewohner gut betucht waren, ist bis heute ein dörflicher Charakter spürbar, was auch der Nähe zu den Weinbergen geschuldet ist. Die Bebauung ist dicht. Wer hier einmal wohnt, zieht nicht so schnell weg, sodass jeder stadtplanerische Eingriff oder Neubau schwerwiegende Irritationen auslösen kann.
Doch die Haigster fanden das F9 von Beginn an toll. Was umso erstaunlicher scheint, als das Ergebnis überhaupt nicht an Kompromisse denken lässt. Das Satteldach wurde abgewandelt, ziert eine Aluminiumblechhaut und versteckt darunter eben keinen Dachboden, was eine angenehme, geradezu herrschaftliche Raumhöhe im Obergeschoss zur Folge hat. „Zudem wollten wir den Beton überall sichtbar lassen, so gut es geht“, sagt Tom-Philipp Zoll und führt den Gast durch den offenen Küchen- und Essbereich zu den breiten Glasschiebetüren. So gelangt man zum Garten mit Pool und fühlt sich an diesem Sommertag wie in einem Urlaubsrefugium im Süden. Konsequent haben sich Johanna Maibach-Zoll und Tom-Philipp Zoll bei der Wahl der Materialien im Inneren des Effizienzhauses (KfW 70, Erdwärmepumpe) auf Beton und Holz (Asteiche) beschränkt. Die Wände, der Boden und die Decke bleiben gewissermaßen roh. „Es gibt keinen Estrich, der Boden ist mit pigmentiertem Steinöl eingelassen. Und die Wände sind hydrophobiert“, merkt Johanna Maibach-Zoll an und meint damit ein spezielles Verfahren, mit dem man die Oberfläche imprägniert, um sie vor Wassereintrag zu schützen. Der Effekt ist wunderbar, das Raumgefühl ist geradezu museal, aber nicht ungemütlich. Auf Möbel wurde größtenteils dank cleverer Einbaulösungen und Betonnischen verzichtet. Nichts glänzt. Die Fläche ist alles. Und Beton kann so warm sein.
Über die Treppe gelangt man ins erste Stockwerk, wo die Kinder im offenen Spielflur „auch mal den Ball gegen die Betonwand kicken dürfen“, wie Tom-Philipp Zoll, ein waschechter VfB-Stuttgart-Fan (mit Stadion-Dauerkarte), stolz betont. Es dominiert, wie im Erdgeschoss das Schaufenster, eine hohe Eckverglasung, durch die man den Nachbarn in der Freischützstraße freie Einblicke gewährt, aber auch viel Helligkeit und Stadt einlässt. Architektur ist hier Kommunikation – selbst bei Einfamilienhäusern lässt sich diese oft gehörte Forderung umsetzen.
„Wir wollten so radikal wie möglich unsere Vorstellungen umsetzen“, erklärt der 44-jährige Zoll in der Galerie, wo sich der Arbeitsraum, das Schlafzimmer sowie ein außergewöhnliches Badezimmer befinden. Sowohl die Waschtische, die Badewanne als auch die Regale wurden direkt aus Ortbeton vom Rohbauer gefertigt. Das fühlt sich richtig gut an. Hier, mitten im Haigst, denkt man plötzlich an Peter Zumthorssakrale Badelandschaften im schweizerischen Vals und spürt trotz überschaubarer Raumverhältnisse eine ungeahnte Großzügigkeit – und das Glück eines mutig bauenden Architektenpaares, das nichts bereut.