Die Villa Cornelia auf der Stuttgarter Halbhöhe ist feinste Gründerzeit-Architektur. Um das Haus von 1899 weiterleben zu lassen, hat der Architekt Simon Fehrle das Gebäude behutsam saniert und kaum sichtbar erweitert – mitsamt spektakulärem Showroom für italienische Sportwagen. Ein Besuch.
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße, so hat der Dichter Kurt Tucholsky das Wohnwunschdenken seiner Berliner Zeitgenossen auf den Punkt gebracht. Auf Stuttgart gemünzt könnte man dieses Begehren ungefähr so zusammenfassen: Eine prächtige Villa auf der Halbhöhe, unten die Stadt, hinten viel Grün und drumherum hoffentlich ein paar Nachbarn, die bitte keinen Stress machen.
Ein Volltreffer, keine Frage
Genau das hatte auch das junge Bauherrenpaar im Sinn, als es sich in Stuttgart auf die Suche nach einem geeigneten Familiendomizil für sich und die beiden kleinen Kinder machte und schließlich mit viel Glück fündig wurde: am Azenberg. Bushaltestelle gleich um die Ecke und trotzdem ruhig, die City und der nächste Supermarkt leicht zu Fuß erreichbar, ruhig gelegen, ein Garten mit altem Baumbestand, der Durchgangsverkehr nicht der Rede wert. Ein Volltreffer, keine Frage, auch wenn die alte Villa namens Cornelia schon wesentlich bessere Zeiten gesehen haben dürfte.
„Dieses Gebäude, so herrschaftlich es heute von außen aussieht, war innen stark sanierungsbedürftig“, sagt Architekt Simon Fehrle rückblickend. „Doch die Villa war glücklicherweise nicht marode, die Bausubstanz entpuppte sich als erstaunlich gut.“ Dass der Bau auch architekturhistorisch fast jede Investition wert war, machte die Entscheidung für das Architekturbüro und das Bauherrenpaar leichter. Ja, man wollte die Villa retten, und zwar so, dass es am Ende richtig sein sollte.
Genau dieses denkmalschützende Engagement ist allerdings nur selten der Fall. Für private Bauherrschaften sind Sanierungen inzwischen kaum mehr zu bezahlen, die öffentliche Hand wiederum sieht in der Renovierung und Sanierung alter Gebäude meist die Probleme als irgendeinen Nutzen. Die Denkmalschutzbehörden in Städten wie Stuttgart sind personell unterbesetzt und chronisch unterfinanziert, ihre Macht nicht selten fahrlässig beschränkt.
Doch nicht immer scheitern solche Projekte an Zeit- und Geldmangel oder einer ignoranten Haltung zur Architektur aus dem 19. Jahrhundert. Oft sind bei ähnlichen Gebäuden wie der Villa Cornelia nach vielen Jahrzehnten einfach nur die Besitzverhältnisse ungeklärt, und bis es zu einer Auflösung der Verhältnisse kommt, ist so eine Villa gern mal ein Fall für die Abrissbirne.
Paradebeispiel für eine vorbildlich sanierte gründerzeitliche Villa. Foto: Elia Schmid & LAR Studio
Nicht so bei der Villa Cornelia: Nachdem sie viele Besitzer und Mieter beherbergt, nicht zuletzt den Zweiten Weltkrieg und den bis heute unfassbaren Abrissfuror der Stuttgarter Stadtgesellschaft in den 60er und 70er Jahren halbwegs unbeschadet überstanden hatte, stand sie 2019 immer noch ganz gut da, in jenem Jahr, in dem die Pläne der heutigen Bauherrenfamilie konkret wurden.
Das dreigeschossige Wohnhaus, das 1899 von dem Architekten Alfred Schellenberg errichtet wurde, war schon kurz nach der Erbauung vor 125 Jahren ein Paradebeispiel für die Architektur der späten Gründerzeit. Der gebürtige Hesse Schellenberg war zu seiner Zeit ein bekannter Architekt, ging zum Studium an die polytechnische Schule nach Stuttgart, um später in Wiesbaden ein Büro zu leiten, mit einer Dependance in der Schwabenmetropole. Zu seinen wichtigsten Projekten gehört sicher der damals prestigeträchtige Bau von Privatvillen wie der Umbau des Nassauer Hofes, eines Grand Hotels, das noch heute unter diesem Namen firmiert.
Respekt vor der klassischen Baukunst
Simon Fehrle erklärt an einem schönen Herbstnachmittag bei einem Rundgang durch das Haus, was vorher war – und wie das alles heute aussieht. Dabei ist der junge Mann voll des Respekts für den Baumeister Schellenberg und die Kunstfertigkeit jener Zeit. Fehrle arbeitet für das Stuttgarter Büro Tennigkeit und Fehrle, das über Expertise auf dem Gebiet des Denkmalschutzes und der klassischen Architektur verfügt.
Doch selten findet sich jemand, der mit so viel Liebe und Kenntnissen zu historischen Materialien und Handwerkskünsten ein Haus beschreibt. Für Fehrle und die neue Eigentümerfamilie war die Sanierung auch eine aufregende, oft anstrengende, aber letztlich glückliche Reise in eine ferne Epoche. „Wir haben das Haus mit viel Leidenschaft aus dem Dornröschenschlaf geweckt“, erinnert sich die Bauherrin.
Ferrari, Fiat und Co: Ein Blick in die Garage der Stuttgarter Gründerzeitvilla. Foto: Elia Schmid & LAR Studio
Gerettet und aufgearbeitet wurden die alten Kastenfenster im 4,30 Meter hohen Wohnzimmer, die fein verstrebten Schiebetüren zur Küche hin, die Treppenläufe, viele Böden, die Dachkonstruktion und der wunderbare Stuck. Die Messinggriffe an den Fenstern wurden – wo nötig – von einer spezialisierten Firma exakt nachgegossen. Und selbst das helle Beige der Originalfarbe der Fassade wurde neu aufgetragen.
„Am Beginn bestand die Aufgabe einer umfassenden Analyse: Nur so konnten wir die authentischen Farben und Materialien originalgetreu wiederherstellen, um die historische Genauigkeit und ästhetische Authentizität des Gebäudes zu gewährleisten“, sagt Simon Fehrle.
Trotzdem wurde die Villa Cornelia kein Museum für traditionelles Interieur, im Gegenteil. Das Haus ist ein modernes, edles Domizil für eine vierköpfige Familie: mit großer Küche, Fernseher und Fitnessraum. Und mit einer Garage für mehrere Young- und Oldtimer, denn der Bauherr ist ein professioneller Motorsportler und beruflich noch für die Autobranche unterwegs. Wer Autos liebt, träumt möglicherweise davon: von einem wohltemperierten Showroom mit viel Holz und einer Drehplatte für das leichtere Rangieren der in der Hauptsache italienischen Sportwagen.
Überall finden sich wertige Stoffe und Materialien, man will es anfassen, berühren. „Wie reisen viel, und diese Erfahrungen und Vielfalt der Stile wollten wir mit der Einrichtung zum Ausdruck bringen“, sagt die Bauherrin. „So entschieden wir uns nach vielen intensiven Gesprächen für eine eklektizistische Kombination verschiedener Materialien, um eine harmonische Verbindung zwischen Alt und Neu zu schaffen“, ergänzt Simon Fehrle. Marmor findet sich an vielen Stellen im Haus, ein innenarchitektonisches Leitmotiv gewissermaßen. „Ich liebe das Material, weil es eine Tiefe hat“, sagt die Bauherrin.
Hier Herrenhaus, dort Mailänder Clubatmosphäre
Naturstein, Holzwandverkleidungen und Stoffe wurden sorgfältig ausgewählt und miteinander kombiniert, um ein einzigartiges und stilvolles Ambiente zu erzeugen. Im royalblauen Wohnzimmer mit dem sorgsam restaurierten golden ziselierten Stuck fühlt man sich wie einem barocken Herrenhaus, in der Bar wie in einem Mailänder Club und in einem Badezimmer taucht man in das Motiv eines japanischen Mangas ein. Und allgegenwärtig ist die Kunst, moderne zumal, vor allem auch von lokalen Künstlern wie etwa die ironische Auseinandersetzung mit der westlichen Popkultur, die der Stuttgarter Maler Georg Barinov großflächig inszeniert.
Alles in diesem Haus wirkt durchdacht, individuell und geschmackvoll, nie kopiert oder bemüht. 2022 wurde es nach dreijähriger Bauzeit fertiggestellt und die Familie konnte einziehen. Unvergessen die zahllosen Diskussionen zwischen der Bauherrenfamilie und dem Architekten, die letztlich für alle überaus befriedigend ausgegangen ist. Man ist befreundet geblieben, der Architekt und die Bauherrin kennen sich noch aus Schulzeiten, über die heiklen Phasen bei der Sanierung kann man heute freudvoll die Augen rollen.
Zum Beispiel das alte Dach, das für jeden Restaurator ein Glücksfall ist, für Bauherren und Laien mit einem begrenzten Budget aber womöglich eine Zumutung. Als Beispiel für die Sorgfalt bei der Wahrung der bestehenden Bausubstanz weist Simon Fehrle im Obergeschoss auf die Konstruktion hin. „Mit Unterstützung eines Bauphysikers haben wir die Dämmung des Dachstuhls, bestehend aus historischen Lehmwickeln, konserviert und in den neuen Dachaufbau eingebunden. So konnten wir die zeitgemäßen Anforderungen an die Wärmedämmung erfüllen bei gleichzeitigem Schutz des Baudenkmals.“ Über die Kosten wird geschwiegen.
Nun, da alles ausgestanden ist, wirken alle glücklich mit dem Resultat. „We pushed Simon to the limit”, sagt der Bauherr lächelnd – und nur der Architekt weiß, was das wirklich bedeutet. Architektur kann schon ein hartes Brot sein, doch wenn sie funktioniert, so eine aufwändige Sanierung einer Villa gelingt und selbst das Stuttgart Amt für Denkmalschutz schlussendlich zufrieden ist, gehört der Job des Planers zu den schönsten überhaupt. „Es ist unser Traumhaus, gar keine Frage“, ergänzt die Bauherrin. „Und ein klares Bekenntnis zu Stuttgart, einer wirklich tollen, lebenswerten Stadt.“