Letztens in einem preisgekrönten Architektenhaus in Zürich. Drei Stockwerke, viel Platz – und doch sucht man vergebens ein klassisches Wohnzimmer. Wenn das Ehepaar und die Tochter gemeinsam Zeit und Raum teilen wollen, dann treffen sie sich auf der obersten Etage mit der offenen Wohnküche und einer spektakulären Sicht auf die Stadt. Mit ein bisschen Wetterglück erkennt man in der Ferne sogar die Alpen.
Und natürlich lässt man sich am langen Tisch auf einem der sechs Stühle der „Serie 7“ vom dänischen Designer Arne Jacobsen nieder. Der Bauherr sagt: „An diesem Ort findet das eigentliche gemeinschaftliche Familienleben statt. Alle anderen Räume sind nur Rückzugsorte.“
Welchem Raum in einer Wohnung oder einem Haus die größte Bedeutung zugeschrieben wird, hängt letztlich von den Einkommensverhältnissen ab. So war es zweifellos die Küche, die im Zuge der Industrialisierung in den Arbeiterwohnungen des 19. Jahrhunderts als zentraler Versammlungsort für die ganze Familie diente.
Hier wurde gekocht, gegessen, gewaschen und gebügelt, die Küche war der Arbeitsplatz der Ehefrau und Mutter. Am Küchentisch wurden nicht nur Mahlzeiten verspeist, er diente gleichzeitig als Arbeitsplatte, Bügelbrett und Schreibtisch für Schulaufgaben.
Als in den 1920er Jahren die großstädtische Enge und Wohnungsnot mit modernen Siedlungen bekämpft und das Wohnen revolutioniert wurde, rückte die Küchenarbeit der Hausfrau in den Hintergrund, war auf einmal das Wohnzimmer der Treffpunkt der bürgerlichen Familie. Später, mit dem Einzug des Fernsehers, bildete der niedrige Couchtisch vor einer möglichst gemütlichen Sofalandschaft nebst Schrankwand den Lebensmittelpunkt in der Wohnung.
Weniger Wände
Seit einiger Zeit lösen sich die funktionalen Zuordnungen auf. Was früher typisch für die unteren sozialen Klassen war, nämlich die multifunktionale Wohnküche in bäuerlichen Häusern oder Arbeiterwohnungen, wird heute romantisiert. Die Grundrisse öffnen sich, die Wohnräume haben vor allem in neuen Gebäuden tendenziell weniger Wände. Küche, Esszimmer und Wohnzimmer verschmelzen nahtlos miteinander.
In Zeiten, in denen rasant steigende Mieten und Immobilienpreise selbst für die vergleichsweise gut verdienende Mittelschicht kaum noch zu bezahlen sind, gilt das Eigenheim mit einer offenen Wohnküche und einem langen Tisch mittlerweile als Statussymbol.
Es stimmt, dass kinderreiche Familien und Lebensgemeinschaften mittlerweile eine Seltenheit sind, weshalb es absurd scheint, dass man Tische in der Wohnung parkt, die länger als Kleinwagen sind. Doch wer einen Tisch mit einem Dutzend Sitzplätzen besitzt, an dem bei Bedarf auch das letzte Abendmahl nachgespielt werden könnte, der prahlt mit seinem Sozialkapital: mit guten Freundschaften und festen Beziehungen. Individualismus ist gut, Gemeinschaft ist besser. Auch dieser Wertewandel spiegelt sich in unserer Wohnung.
Erbstücke oder Ikea-Möbel
Und weil es wie immer auch auf das Aussehen und die Verarbeitung ankommt und Tischdecken nicht ganz so cool sind, sollte der Kauf eines Tisches wohlüberlegt sein. Wessen Budget knapp ist, nimmt mit einem Erbstück aus den Esszimmern von verstorbenen Großtanten vorlieb oder kauft einen Tisch von Ikea.
Wer allerdings ein Faible für Designklassiker hat und Gäste beeindrucken möchte, der stellt beispielsweise eine Handvoll „Tulip Armchairs“ um den dazugehörigen Tisch des Möbelherstellers Knoll International auf. Der finnische Designer Eero Saarinen gestaltete 1953 seine an Tulpenformen erinnernden Möbel, die als Ikonen gelten. Bei Vitra gibt es noch andere Exemplare, die garantiert nicht aus der Mode kommen: eindrucksvolle, filigran gebaute Esstische von Charles und Ray Eames, Jean Prouvé oder Jasper Morrison.
Tische wie Skulpturen
Tische mit hohem Wiedererkennungswert kommen von Designern wie Konstantin Grcic („Pallas“) oder auch Moritz Bannach („Elio“, „Abbondio“). Letzterer lebt und arbeitet in Berlin. Moritz Bannach hat seine Manufaktur 2018 gegründet, sein Markenzeichen sind große, skulptural wirkende Tische mit starken Farbakzenten.
„Wir sehen unsere Möbel nicht nur als reine Gebrauchsgegenstände, sondern sie sollen auch einen ästhetischen Mehrwert erzielen“, sagt der Designer, wobei er die Beobachtung teilt, dass die Grundrisse immer großzügiger und die Wohn- und Essbereiche zu Einheiten werden. „Der Esstisch stellt in gewisser Weise das Zentrum des alltäglichen Zusammenlebens dar“, sagt Moritz Bannach, der mit namhaften Interior-Designerinnen und Architekten wie Stephanie Thatenhorst und Patrick Batek zusammenarbeitet.
Bierzeltgarnitur für Sparsame
Doch so ein It-Piece mit dreieinhalb Meter Länge kann schon mal ins Geld gehen. Zur Not tut’s auch eine Bierzeltgarnitur, die für 100 Euro im Handel zu haben ist. Die beiden Bänke und der Tisch können notfalls mithilfe des Klappmechanismus zur Seite gestellt werden. Hauptsache, Tisch.