Schreibwerkstatt in der Schule Wenn Schüler freiwillig nachsitzen

Die Deutschlehrerin Cornelia Keppeler-Grohmann (2. von rechts) beginnt die Sitzung mit einer Schreibübung. Foto: Ines Rudel/Ines Rudel

Am Nachmittag länger als nötig in die Schule gehen? Schülerinnen und Schüler aus Tübingen tun genau das mit großer Leidenschaft. Was zieht sie in die Schreibwerkstatt?

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Mittwochnachmittag, halb vier. Die Sonne scheint Anfang März schon recht kräftig. Vor dem Tübinger Wildermuth-Gymnasium steht ein Pärchen eng aneinandergekuschelt. Schülerinnen und Schüler kommen aus der großen Eingangstür. Der Lehrerparkplatz leert sich allmählich. Man kann sich viel vorstellen, was man an diesem schönen Frühlingstag jetzt tun könnte. Eis essen, ein bisschen auf Tiktok unterwegs sein oder Volleyball spielen. Aber nicht unbedingt, vor einem leeren Blatt Papier oder einem blanken Computer- oder Smartphone-Bildschirm zu sitzen und dann das aufzuschreiben, was einem durch den Kopf geht.

 

Genau das tun die neun Schülerinnen und Schüler, die jetzt um ein paar zusammengeschobene Tische sitzen, eine Tasse Tee und einen Teller mit Süßigkeiten und Salzstangen vor sich. Cornelia Keppeler-Grohmann sitzt mittendrin. Sie und ihre Idee, an ihrer Schule eine Schreibwerkstatt anzubieten, bringt alle hier zusammen. In ihrer Freizeit.

Seit 2006 bietet die Robert-Bosch-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Literaturhaus für Deutschlehrerinnen und -lehrer Weiterbildungen zu diesem Thema an. Dort lernen sie selbst Techniken des kreativen Schreibens, aber auch wie sie Heranwachsende anleiten können, sich anders als im schulüblichen Aufsatz auszudrücken. Durchaus mit literarischem Anspruch. Auf alle Fälle aber jenseits des manchmal vielleicht zu strengen Unterrichtskorsetts. Der Gedanke dahinter: Wer schreibt, macht sich Gedanken über die Welt, kann einordnen. Auch der Bildungsplan weist der Fähigkeit, sich sprachlich ausdrücken zu können, vorrangige Bedeutung zu, heißt es auf dem Bildungsportal von Baden-Württemberg.

Es geht nicht um Leistung

Aber warum tun sich die neun das an diesem schönen Frühlingstag an? „Beim Schreiben kann man Dinge verarbeiten, die man erlebt hat“ ist eine der Antworten aus der Runde. Man könne aktiver in Themen eintauchen – und seine Kreativität ausleben. „Es ist der Kontrast zu all dem Lauten. Zu Streaming und Youtube. Leise in sich hineinzuhorchen ist etwas anderes“, sagt Immanuel (15). Außerdem mache es Spaß, und „es ist cool, sich darüber auszutauschen“. Wie die anderen schreibt Immanuel nicht nur hier. Aber das Zusammensein im Klassenraum gibt dem Schreiben einen Rahmen, sagt Mathis. Doch hier geht es nicht um Leistung, sondern um die Lust am Schreiben.

Cornelia Keppeler-Grohmann, Gymnasiallehrerin für Deutsch und Religion, schreibt selbst gerne und hat auch deshalb bereits früh eine solche Fortbildung besucht – und ihre Schülerinnen und Schüler offenbar nachhaltig dafür begeistert. Und in dieser Runde wird die eigene Lebensrealität durchaus kreativ reflektiert. Lea (15) etwa hat ein Gedicht verfasst. Auf Englisch. Es liest sich wie eine melancholische Ballade mit viel Trennungsschmerz – und schreit förmlich nach Vertonung.

Fantasie kennt keine Grenzen

Die meisten, die jetzt im zweiten Stock in Wildermuth-Gymnasium sitzen, besuchen die neunte Klasse. Anton hat bis vor wenigen Minuten noch für einen Deutschtest eine Gedichtinterpretation zu Papier gebracht. Isabel ist extra gekommen, um zu übersetzen. Sie spricht Russisch. Und am Ende der zwei Stunden wird sie sagen, wie spannend das alles sei, was sie gerade erlebt hat und dass sie überlege, beim nächsten Mal vielleicht als Teilnehmerin zu kommen. Heute aber ist sie da, um den Gedanken, die in den Köpfen der anderen noch in einer anderen Sprachen entstehen, Gehör zu verschaffen.

Evgeny, Eva und Ksenija, die aus der Ukraine mit ihren Familien vor dem Krieg nach Deutschland geflüchtet sind, sprechen noch nicht alle so gut Deutsch, um detailliert erzählen zu können. Aber schreiben können sie allemal – in ihrer Muttersprache. Und die Fantasie kennt keine (Sprach-)grenzen. Ksenija ist die Jüngste in der Runde. Sie ist zehn Jahre alt und geht in die fünfte Klasse, wie sie auf Deutsch erzählt. Sie hat schon drei Liebesgeschichten geschrieben, sagt sie selbstbewusst.

Wie jedes Treffen beginnt auch dieser Nachmittag mit einer Schreibübung. Keppeler-Grohmann packt zwei Stapel mit handtellergroßen Zetteln aus. Die einen sind grün. Auf ihnen stehen jede Menge Fragen. Auf den blauen Zetteln stehen mögliche Antworten. Jeder zieht eine Frage und eine Antwort. Das ergibt mitunter skurrile Kombinationen wie „Was wird jeden Tag kleiner/größer?“ Antwort: die Sterne.

20 Minuten nur Schreiben

In den nächsten 20 Minuten werden die neun aus ihrer Frage-Antwort-Kombi einen Text verfassen. Ganz still ist es plötzlich. Sofort schreiben sie los. „Die Idee ist, dass der Stift immer auf dem Papier bleibt“, sagt Cornelia Keppeler-Grohmann. Oder eben der Finger auf der Tastatur des Laptops, des iPads oder Smartphones. Egal, ob analog oder digital, wichtig ist der Fluss der ersten Assoziationen und die Worte und Sätze, die sich dafür finden lassen.

Auf Evgenys Zetteln steht die Frage „Was ist eine Lüge?“, die vorgeschlagene Antwort lautet: die Traurigkeit. Vom Smartphone liest er später eine Geschichte vor, die der 16-Jährige im Genre Psychohorror verortet. Isabel übersetzt. Während der Pandemie haben Evgeny Filme und Serien inspiriert. Sie spielen in verlassenen Krankenhäusern, in engen Gassen und Städten, in Schulen. In Amerika, der Ukraine oder Weißrussland. Sie fangen in der Normalität an und enden meist in einer verstörenden Situation, die mit dem Ausgangspunkt nichts mehr zu tun haben.

Erst die Idee, dann die Personen

Am Anfang ist die Geschichtenidee, dann ziehen die Personen ein. „Manchmal bekommt man richtig Gänsehaut beim Lesen“, sagt Cornelia Keppeler-Grohmann. Wie auch bei der Geschichte über ein Liebespaar, die in den 20 Minuten entstanden ist. Das Paar ist in ein Gebäude geraten, in dem es trotz beunruhigender Geräusche die Augen nicht öffnen darf. Es geht um Vertrauen. Und so viel sei verraten: Gut enden wird das nicht.

Schreibwerkstatt zum Zuhören und Lernen

Lesung
Die Schülerinnen und Schüler der Schreibwerkstatt des Tübinger Wildermuth-Gymnasiums und die des Neuen Gymnasiums Leibniz aus Stuttgart-Feuerbach lesen ihre Werke am Mittwoch, 22. März, 15 Uhr in der Stadtbibliothek Stuttgart (Mailänder Platz) im Max-Bense-Forum. Die Veranstaltung ist öffentlich. Die Texte der Stuttgarter Schülerinnen und Schüler sind in eine Poetry-Slam-AG entstanden.

Ausbildung
Das Literaturhaus Stuttgart bietet in Zusammenarbeit mit der Robert-Bosch-Stiftung Fortbildungen für Lehrkräfte. Infos unter www.lpz-stuttgart.de/das-programm-weltenschreiber

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