Tödliche Schüsse in Wangen „Immer mehr und mehr werden wir Opfer von Gewalt“
Nach den tödlichen Schüssen von Wangen bei Göppingen laufen die Ermittlungen. Ein Mann aus Afghanistan ist tot, ein Polizist verletzt – und es gibt zahlreiche Reaktionen.
Nach den tödlichen Schüssen von Wangen bei Göppingen laufen die Ermittlungen. Ein Mann aus Afghanistan ist tot, ein Polizist verletzt – und es gibt zahlreiche Reaktionen.
Wer an diesem Vormittag im Ortszentrum von Wangen (Kreis Göppingen) zum Friseur möchte, muss erst die Polizei fragen. Weiträumig ist der Platz, an dem sich Gaststätte, Getränkeladen und Friseursalon aneinanderreihen, mit weiß-rotem Flatterband abgesperrt. „Unfall“ steht auf einem Warndreieck. Beamte der Spurensicherung kommen in weißen Ganzkörperanzügen aus einem Mehrfamilienhaus und suchen unter einem blau-weißen Pavillon Schutz vor der Sonne. In einem der Fenster im ersten Obergeschoss des Hauses ist ein kreisrundes Loch zu sehen, das von den Geschehnissen zeugt. Am Donnerstagmorgen ist hier ein 27-jähriger Asylbewerber durch Polizeischüsse zu Tode gekommen.
Für die Kollegen sei es eigentlich ein Routineeinsatz gewesen, wie er ständig vorkomme, sagt Daniel Frischmann vom Polizeipräsidium in Ulm. „Vollstreckung eines Vorführbefehls“, heißt die Aufgabe im Behördendeutsch. Der junge Mann aus Afghanistan habe eine Geldstrafe, die wegen eines Körperverletzungsdelikts gegen ihn verhängt worden war, nicht bezahlt. Die beiden Streifenbeamten sollten das Geld kassieren oder den Mann zur Ersatzhaft mitnehmen.
Völlig unvermittelt habe der 27-Jährige ein Messer gezogen und die Beamten angegriffen. Die Polizisten eröffneten daraufhin das Feuer. Ein Beamter wird bei dem Messerangriff schwer verletzt. Er liege in der Klinik, befinde sich aber außer Lebensgefahr, sagt Frischmann. Der Asylbewerber hingegen erliegt seinen Verletzungen.
Viel mehr kann Frischmann nicht berichten. Wie in Fällen von polizeilichem Schusswaffengebrauch üblich, hat das Landeskriminalamt Baden-Württemberg die Ermittlungen übernommen. Auch die Bürgermeisterin des 3200-Einwohner-Ortes, Mary-Ann Schröder (parteilos), gibt sich wortkarg. Sichtlich schockiert steht sie mit einigen Mitarbeiterinnen vor dem Rathaus in Sichtweite des Tatorts und raucht. Ob auch sie die Schüsse gehört hat, will Schröder nicht sagen, bestätigt aber, dass die Gemeinde seit Jahren mehrere Wohnungen in dem Sechs-Parteien-Haus als Sozialwohnungen angemietet hat.
„Ich habe den ganzen Morgen Sirenen gehört“, berichtet ein Anwohner. Das Haus gelte als ein Brennpunkt und Unruheherd im Ort. „Da ist oft was los gewesen. Da wurde gefeiert und getrunken, wie das eben so ist, wenn zu viele junge Leute zu nahe beieinander wohnen“, meint ein 44-jähriger Nachbar. Kurz nach dem Vorfall sei er mit seinem Hund unterwegs gewesen. Direkt vor der Haustür sei dem blutenden Polizisten Erste Hilfe geleistet worden. Dann seien immer mehr Polizeiautos und Rettungswagen angefahren.
Auch das Einschussloch in der Fensterscheibe sei ihm aufgefallen. Zu dem Querschläger äußert sich die Polizei nicht. „Kurz vorher sind meine Kinder dort zur Schule gelaufen“, sagt der 44-Jährige. Das mache einem dann schon Angst.
Am Morgen wissen viele noch nicht, was eigentlich los ist. Während des Großeinsatzes gibt die Polizei öffentlich nur bekannt, dass der Ort abgeriegelt sei, aber keine Gefahr für die Öffentlichkeit bestehe. Dennoch macht schnell die Runde, dass Schüsse gefallen sind. Was dahintersteckt, klärt sich erst nach und nach. Die Aufregung ist groß. Doch am Nachmittag kehrt in Wangen allmählich wieder Ruhe ein.
In Stuttgart äußert sich derweil der Innenminister zu dem Fall: „Wer mit einem Messer einen Polizisten angreift, hat sich entschieden, nicht mehr zu leben, nicht mehr in diesem Land zu leben“, sagt Thomas Strobl (CDU). Er sei es leid, ständig getötete oder verletzte Polizeibeamte beklagen zu müssen. Und er sagt: „Die Gefahren, die von Messern ausgehen, haben dramatisch zugenommen.“ Das bekämen auch Polizistinnen und Polizisten zu spüren. „Wer einen Polizisten mit einem Messer angreift, riskiert sein Leben“, wiederholt Strobl noch einmal – und erinnert daran, dass er sich schon seit Längerem für Abschiebungen nach Afghanistan ausspreche. Auch wenn das in diesem Fall niemandem mehr hilft.
Die Vertreter der Einsatzkräfte selbst gehen mit der Politik hart ins Gericht. Der aktuelle Angriff auf die Polizei zeige erneut, wie die Gewalt gegen Polizeibeamte immer weiter steige, sagt der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Ralf Kusterer, der Deutschen Presse-Agentur. „Immer mehr und mehr werden wir Opfer von Gewalt. Wieder ein Messer.“ Die Politik scheine hilflos oder nicht bereit zu sein, die richtigen Maßnahmen zu treffen. „Wir sind die politischen Bestürzungs-, Beileidsbekundungen und Genesungswünsche leid. Wann wendet sich der Innenminister den Problemen zu – denjenigen, die Messer mit sich führen?“, fragt Kusterer.
Die Gewerkschaft der Polizei reagiert bestürzt: „Wenn Kolleginnen und Kollegen im Einsatz Opfer von Gewalt werden, ist das nicht nur eine persönliche Tragödie – es ist auch ein Angriff auf den Rechtsstaat selbst“, sagt Thomas Mohr, stellvertretender Landesvorsitzender. Er betont, wie unberechenbar und gefährlich Einsätze im Polizeialltag sein können – selbst bei vermeintlich routinemäßigen Maßnahmen wie der Vollstreckung eines Vorführbefehls.
Was sich in Wangen genau abgespielt hat – mutmaßlich im Hausflur –, müssen nun die weiteren Untersuchungen zeigen. Beim Landeskriminalamt verweist man mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen darauf, dass es dafür noch zu früh sei.