Schuh Strohm in Bad Cannstatt Traditionsgeschäft schließt nach 156 Jahren

Der Besitzer Dirk Strohm übernahm den Laden im Jahr 2007 von seinem Vater. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

156 Jahre lang war das Schuhgeschäft Strohm eine Institution im Zentrum von Bad Cannstatt. Jetzt muss das Geschäft schließen. Von den Gewerbetreibenden kommen warnende Stimmen.

Volontäre: Isabell Erb (erb)

So voll wie in diesen Wochen war es im Geschäft von Dirk Strohm lange nicht mehr. Obwohl es Mittwochmorgen ist, tummeln sich alle möglichen Kunden im Laden: Mütter mit Kindern, ein Studentenpärchen, ein Mittvierziger mit schwarzem T-Shirt, Nietenarmband und Camouflage-Chucks. Nicht alle, aber einige wurden vermutlich von den „Halber Preis, alles muss raus!“-Plakaten angelockt, die an der Glasfassade um die Türen herum hängen.

 

Das Schuhgeschäft Strohm in der Bad Cannstatter Marktstraße macht am 23. August seine Schotten dicht. Nach einigen Monaten Hoffen und Bangen musste der Besitzer Dirk Strohm Insolvenz für seinen Laden anmelden. 156 Jahre alt ist das Geschäft geworden.

Schuh Strohm hat eine lange Tradition

Eröffnet hat den Laden Strohms Ur-Ur-Großvater. Dieser machte zunächst Hüte für die Cannstatter, später verkaufte er auch Schirme. Die Schuhe kamen mit der Industrialisierung des Hutgeschäfts dazu. „Handel ist Wandel, das war schon damals so“, sagt Dirk Strohm. Er selbst ist 2003 ins Geschäft eingestiegen, vier Jahre später hat er es komplett übernommen. Aber schon als Kind sei er oft im Laden gewesen. Eine Mitarbeiterin, die damals ihre Lehre machte, ist heute noch da. „Sie hat mich schon im Kinderwagen durch den Park geschoben“, berichtet der heute 47-Jährige. Zu der Zeit hatte das Geschäft insgesamt vier Filialen, eine in Korb, eine in Plüderhausen (beide Rems-Murr-Kreis) und eine weitere in Bad Cannstatt.

Inzwischen ist der hintere Teil des Ladens leergefegt, und unter langjährigen Mitarbeitern und treuen Kunden hat sich Nostalgie breit gemacht. „Es gibt ja bald keine Läden mehr mit richtiger Beratung, das wird mir im Gesamtbild sehr fehlen“, sagt etwa die Kundin Elke Gebauer, die aus Steinhaldenfeld hergekommen ist. Eine Mitarbeiterin, seit 26 Jahren Beraterin „beim Strohm“, erzählt von besonderen Begegnungen. „Ich habe einer jungen Mutter den ersten Kinderschuh verkauft. Und jetzt, nach ihrem Abitur, kam diese Tochter wieder und hat schicke Schuhe gekauft.“ Sogar das Modell hat sich die Beraterin gemerkt: schwarze Glattlederschuhe, Pfennigabsatz, Größe 7, Marke Högl.

„Keiner fährt außenrum nach Cannstatt“

Dass sein Laden nun vor dem Aus steht, nimmt auch den Betreiber Strohm mit. „Ich hänge an dem Laden, er war meine Zukunft“, sagt er. Aber schon seit Jahren habe die Frequenz abgenommen. „Es kommt einfach keiner mehr in den Ortskern.“ Der Standort sei für potenzielle Kunden inzwischen zu schlecht erreichbar. Mit dem Stilllegen der Wilhelmsbrücke für Autos und dem Abriss der maroden Rosensteinbrücke sei das gesamte Wohngebiet auf der westlichen Neckarseite weggefallen, sagt Strohm. Hinzu kommt, dass am Leuzeknoten – von der Wilhelma kommend – noch immer kein Linksabbiegen nach Cannstatt möglich ist.

Das gesamte übrig gebliebene Sortiment ist in den vorderen Teil des Ladens gewandert. Foto: Ferdinando Iannone

Aber bereits der Wegfall der Buslinie 56 mit dem Bau der U12 vor einigen Jahren habe dem Cannstatter Einzelhandel zugesetzt. Die Linie verbindet die Stadtteile Hallschlag und Birkenäcker über die Löwentorstraße mit der Stuttgarter Innenstadt. „Die Leute gehen jetzt nach Fellbach oder nach Stuttgart zum Einkaufen, das ist doch klar“, sagt Strohm. „Keiner fährt extra außenrum nach Cannstatt.“

Erreichbarkeit des Cannstatter Zentrums drastisch verschlechtert

Der Vorsitzende des Gewerbe- und Handelsvereins Bad Cannstatt, Gerhard Bach, bestätigt das. „Die Erreichbarkeit ist drastisch schlechter geworden“, sagt er. Die Zufahrt über die König-Karl-Straße sei ein Nadelöhr, Stau damit programmiert. „Dadurch nimmt die Kundenfrequenz deutlich ab.“ Schnelle Besserung sei nicht in Sicht. „Wir können noch mit weiteren Insolvenzen rechnen, wenn es so weitergeht.“

Bach spricht damit das aus, was auch Dirk Strohm beschäftigt. „Cannstatt ist eine Perle, man könnte viel mehr daraus machen, aber es wird systematisch kaputtgemacht“, sagt der 47-Jährige. „Es ist einfach schade, dass man uns so allein lässt.“ Dass die Kapazität des Stadtteilmanagers mit seiner Zuständigkeit für insgesamt acht Bezirke begrenzt ist, ist Strohm klar. Er wünscht sich, ebenso wie GHV-Vorstand Bach, ein eigenständiges Stadtmarketing. Zu diesem solle ein Leerstandsmanagement gehören, das sich um die Nachbesetzung der Räumlichkeiten und um einen guten Branchenmix kümmert. Auch, wenn beide das Gegenargument der Stadt, das Stadtmarketing müsse dann für alle Bezirke zur Verfügung stehen, kennen.

Zwei Mitarbeiterinnen von Strohm in ihrem Element. Foto: Ferdinando Iannone

Trotzdem hofft Strohm darauf, dass die Stadt mehr in den Cannstatter Kern investiert. Auch wenn er sich selbst erst einmal nicht mehr in der Branche sieht: „Ich glaube an den stationären Handel und dass irgendwann die Kehrtwende kommt.“

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