Tückische Schuldenfalle: In manchen Fällen kommt auch der Schuldnerberater Marcus Mörk aus Leonberg mächtig ins Grübeln. Foto: Simon Granville
Die Zahl der Privatinsolvenzen ist gewaltig gestiegen. Schuldnerberater Marcus Mörk aus Leonberg berichtet von Fällen voller Verzweiflung und beleuchtet Ursachen der Schuldenfalle.
Nathalie Mainka
06.02.2026 - 11:08 Uhr
Marcus Mörk, ehrenamtlicher Schuldnerberater beim Leonberger Ortsverein der Arbeiterwohlfahrt (AWO), erinnert sich noch genau an ein Beratungsgespräch mit einer jungen Frau. Sie war in eine Schuldenfalle geraten, weil sie unter anderem bis zu 40 Handys gekauft und wiederverkauft hatte, aber auf den abgeschlossenen Verträgen mit den Mobilfunkanbietern sitzen geblieben war.
Ein anderer Schuldner kam zu ihm mit einer Tasche voller geschlossener Briefe. Diese zu öffnen hatte er sich gar nicht mehr getraut, denn die Rechnungen konnte er ohnehin nicht mehr bezahlen. „Oftmals stecken die Betroffenen den Kopf in den Sand und holen sich viel zu spät Hilfe“, sagt Marcus Mörk, er ist seit dem Jahr 2010 auch der Vorsitzende der AWO Leonberg.
Idee der Schuldnerberatung entstand an einer Leonberger Schule
Den Grundstein für die Schuldnerberatung des AWO Ortsvereins Leonberg, der mit der Diakonie zusammenarbeitet, hat im Jahr 2011 ein Mitglied gelegt, das beruflich in der Schulsozialarbeit an der Leonberger Pestalozzischule tätig war. Dort hatte der Kollege mit Schrecken festgestellt: „Unsere Kinder können nicht mit Geld umgehen.“
Nach einer Erstberatung verschafft sich Fachmann Marcus Mörk einen genauen Überblick über die Finanzen des Klienten. Foto: Simon Granville
Marcus Mörk ging dessen Bitte nach und bot Workshops und Vorträge nicht nur in der Pestalozzischule, sondern auch an der August-Lämmle-Schule – die heutige Marie-Curie-Schule – an. Seit dieser Zeit wuchs auch der Bedarf an Einzelberatungen bei Menschen im Alter von 30 Jahren bis ins hohe Rentenalter an.
AWO-Schuldnerberatung Leonberg: Bedarf wird immer größer
Hilfe benötigte beispielsweise eine 75-jährige Frau, deren Mann ihr nach seinem Tod hohe Schulden hinterlassen hatte, die sie abzahlen muss. Dafür arbeitet sie selbst bis ins hohe Alter. „Ich habe mit der Beratung alleine angefangen, heute sind wir ein Team, bestehend aus insgesamt acht ehrenamtlichen Schuldnerberatern“, sagt Mörk. Auch das Angebot ist von ursprünglich einem Termin im Monat auf zwei Termine pro Woche gewachsen. „Allein in diesem Jahr hatten wir schon zehn Anfragen. Der Beratungsbedarf wird immer größer.“
Rückblickend auf etwa acht Jahre Schuldnerberatung in Leonberg wurden in diesem Zeitraum laut interner Statistik 53 Insolvenzverfahren abgeschlossen.
Das Durchschnittsalter der Schuldner lag bei 41 Jahren, 66 Prozent von ihnen hatten keine abgeschlossene Berufsausbildung.
Die Anzahl der männlichen (51 Prozent) und der weiblichen (49 Prozent) Schuldner hielt sich in etwa die Waage.
47 Prozent waren berufstätig, 45 Prozent erhielten Arbeitslosengeld.
Die durchschnittliche Gesamtverschuldung lag bei gut 26 000 Euro.
Wie hoch die Dunkelziffer ist, kann Marcus Mörk nicht sagen. „Viele können nicht mit Geld umgehen“, sagt er. „Schuldner müssen selbst erkennen, dass sie in der Falle stecken. Erst dann kommen sie zu uns. Aber man kann die Menschen nicht zwingen, sich beraten zu lassen.“
Zahl privater Insolvenzen nimmt spürbar zu
Haben sich die Betroffenen entschieden, externe Hilfe in Anspruch zu nehmen, verschaffen sich die Berater – ohne erhobenen mahnenden Zeigefinger – einen Überblick über die gesamte finanzielle Situation. Dann kommen die Gläubiger ins Spiel: Bleibt ein Einigungsversuch ohne Erfolg, wird das Insolvenzverfahren eröffnet. Zuständig für die Region Leonberg ist das Amtsgericht Ludwigsburg. Hier sind die Privatinsolvenzen von 149 Fällen im Jahr 2020 auf 299 Fälle im Jahr 2024 gestiegen – die Anzahl hat sich also verdoppelt. In Baden-Württemberg waren es im Jahr 2020 noch 3704 Fälle, vier Jahre später stieg die Zahl auf 6874 an.
Der Anstieg der Privatinsolvenzen hängt vor allem auch mit einer Gesetzesänderung zusammen, die seit Oktober 2020 gilt. Sie verkürzte das sogenannte Restschuldbefreiungsverfahren von sechs auf drei Jahre. Viele überschuldete Menschen hatten ihre Insolvenzanträge offenbar zunächst aufgeschoben und holen diese nun nach, was sich in den aktuellen Zahlen zeigt.
Das fatale „Kaufe jetzt, zahle später“-Prinzip treibt in die Schuldenfalle
Doch wie geraten Menschen in die Schuldenfalle? „Die Ursachen sind vielfältig“, sagt der gelernte Bankkaufmann und Sparkassenbetriebswirt Marcus Mörk. „Eine wesentliche Rolle spielen mit Sicherheit die gestiegenen Lebenshaltungskosten bei gleichzeitig oft niedrigen Einkommen junger Menschen.“ Besonders verschärft werde die Situation durch die Verlockungen des Online-Handels. Angebote nach dem Prinzip „kaufe jetzt, zahle später“, etwa mit Zahlungsaufschüben von bis zu 90 Tagen, würden die Hemmschwelle für Einkäufe bei vielen Menschen erheblich senken.
Bestellungen im Internet ließen sich bequem tätigen und in Raten abzahlen. Ein neues Smartphone, Markenkleidung, Kopfhörer, ein schickes Auto – die monatlichen Raten sind auf den ersten Blick überschaubar. 40 Euro hier, 60 Euro dort. Nach einigen Monaten laufen allerdings mehrere Raten parallel, dazu kommen vielleicht Mahngebühren, weil man Fristen aus den Augen verliert. Nicht selten flattern unerwartete Nachzahlungen, etwa für Strom, ins Haus. Das Budget gerät dann endgültig aus dem Gleichgewicht. Ein kurzzeitiger Kredit hilft allerdings nur kurz und verschärft vielmehr die Situation.
Es gibt Verschuldungskarrieren – sie werden in der Familie weitergegeben
„Vielen Betroffenen fällt es schwer, den Überblick über die eigenen Ausgaben zu behalten, ihnen fehlt das Wissen über Budgetplanung und über einen verantwortungsvollen Umgang mit Geld“, sagt der 59-jährige Schuldnerberater. In diesen Fällen könne von einer unzureichenden finanziellen Bildung gesprochen werden. „Es gibt auch Verschuldungskarrieren, die werden in der Familie weitergegeben.“
Entschuldigungen, die Hürde sei zu gering, schnelle Kredite aufzunehmen, lässt der Bänker Marcus Mörk nicht gelten. „Jeder hat eigenverantwortlich für seine Verbindlichkeiten geradezustehen.“
Wer berät bei Schulden?
Seriöse Stellen Seriöse Schuldnerberater sind staatlich anerkannte Stellen (Caritas, Diakonie, Verbraucherzentralen), Landratsämter, Kommunen oder spezialisierte Rechtsanwälte. Sie arbeiten kostenlos oder transparent kostenpflichtig, drängen nicht zu schnellen Verträgen, verlangen keine Vorauszahlungen und entwickeln individuelle Entschuldungspläne.
AWO Der Leonberger Ortsverein wurde 1947 gegründet. Auch wenn die heutigen Anforderungen und Bedürfnisse heute andere sind als bei der Gründung: Die AWO hilft Menschen in Not und bietet zeitgemäße Anforderungen. Weiter Informationen unter www.leonberg.awo-bw.de im Internet.