Schulen in Japan Das Schulgeld ist abgeschafft – das freut nicht alle Japaner
Japan erlebt eine fast revolutionäre Bildungsreform: Die Schulgebühren fallen de facto weg. Das wird nicht nur mit Jubel aufgenommen.
Japan erlebt eine fast revolutionäre Bildungsreform: Die Schulgebühren fallen de facto weg. Das wird nicht nur mit Jubel aufgenommen.
„Ohayou gozaimasu!“, „guten Morgen!“, ruft jede Schulklasse in Japan zu Beginn des Unterrichts. Bald könnte der Zusatz folgen: „Yasui desu ne!“ – das ist aber günstig! Denn die Schulgebühren, die Japans Familien bisher Kopfschmerzen bereitet haben, gehören der Vergangenheit an. Bisher haben nur solche Familien staatliche Unterstützung erhalten, die ein Jahreseinkommen von weniger als 9,1 Millionen Yen erzielten, rund 56 000 Euro. Künftig ändert sich das.
Mit dem neuen Finanzjahr, das in Japan im April beginnt, wird die Schuldbildung schrittweise für Schulkinder kostenlos. Jede Familie erhält pro Jahr eine Einmalzahlung von 118 000 Yen für den Kauf von Schuluniformen, Reisen und den öffentlichen Transport. Ab 2026 soll zudem das Mittagessen gratis werden. Außerdem wird die Schulgebühr vom Staat finanziert. Die Nachrichtenagentur Kyodo folgert daraus: „Schulbildung wird praktisch gratis.“
Eine Entwicklung, die die meisten vor einigen Jahren noch für unglaublich gehalten hätten. Zwar hat das ostasiatische Land schon lange einen recht großzügigen Wohlfahrtsstaat, was die Übernahme von Kosten für Pflege oder Gesundheit angeht. Im Bildungssektor aber waren Familien bisher weitgehend auf sich selbst gestellt gewesen.
Neben öffentlichen Schulen existieren in Japan auch private, die meist ein höheres Ansehen genießen. Sie bieten mehr Betreuung und originellere Fächer an. Oft gilt der Fremdsprachenunterricht als besser.
Eine Umfrage des Bildungsministeriums ergab 2024, dass Privatschulen im Schnitt gut eine Million Yen Gebühren im Jahr kosten, etwas mehr als 6000 Euro. Aber auch öffentliche Schulen schlugen bisher mit rund der Hälfte zu Buche. Gut betuchte Eltern, die ihre Kinder vom Kindergarten bis zur Oberschule auf private Einrichtungen schicken, zahlen dafür inklusive Nachhilfeunterricht im Schnitt knapp 20 Millionen Yen (123 000 Euro). Auch diese Schulen profitieren von der Reform.
Hintergrund der Reform ist, dass viele Familien und Paare auf Grund der hohen Kosten auf Kinder verzichten – mit dem Ergebnis, dass die Geburtenrate seit Jahrzehnten rückläufig ist. Wird sich das jetzt ändern?
Kurioserweise ist man gerade bei Privatschulen skeptisch, was die Reform angeht. „Wenn nun allen Familien die Kosten für die Schulausbildung erstattet werden, kann es sein, dass sich viel mehr Eltern bei den privaten Schulen bewerben“, sagt Naoto Senda, Direktor der renommierten Seikei Mittel- und Oberschule in Tokio. Vincent Lesch, Japanologe und Bildungsexperte an der Universität Heidelberg, erklärt, warum Privatschulen Opfer ihres Erfolges werden könnten: „Bei anhaltendem Lehrkräftemangel in Japan ist das eine Mehrbelastung.“ Fachmann Lesch fürchtet: „Durch übermäßige Arbeitsbelastung, sinkendes Interesse am Lehrberuf und steigende psychischen Belastungen wird der Lehrkräftemangel noch verstärkt.“
Dabei sollten es gerade auch Privatschulen sein, die von den Neuerungen profitieren sollten. Die funktionieren wie erfolgreiche Unternehmen. Über die Jahrzehnte sind sie entlang der Bildungswertschöpfungskette expandiert: Private Bildungsträger wie Seikei, Keio oder Waseda bieten unter ihrem Dach Kindergärten, Grund-, Mittel- und Oberschulen sowie Universitäten an. Wer einmal drin ist, erhält für die Folgestufe – oder für die jüngeren Geschwister – oft Gebührenrabatt.
Skeptiker erwarten, dass als erstes öffentliche Schulen leiden, weil dort die Zahl der Anmeldungen abnehmen dürfte. Zeitungskommentatoren befürchten, dass Privatschulen ihre Gebühren anheben – was vor allem für den Staat teuer werden würde.