Schulen in Not Wir brauchen kulturelle Bildung!
Kulturelle Bildung ist das wichtigste Werkzeug für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Sie muss dringend ins Schulgesetz, fordert der Stuttgarter Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski.
Kulturelle Bildung ist das wichtigste Werkzeug für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Sie muss dringend ins Schulgesetz, fordert der Stuttgarter Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski.
Wir meinen es zu spüren: Die Welt wankt. Unser Selbstverständnis ist nicht mehr selbstverständlich. Unsere Gesellschaft wird unsicherer. Die Polarisierung nimmt zu, der Populismus wächst und wächst, ohne dass wir genau wissen, warum. Die Zukunft aber schrumpft. Aggression in den Auseinandersetzungen, der Rückzug aus der Öffentlichkeit, sie scheinen fast zwingend. Alles wird brüchig, auch unsere Demokratie. Die Welt, in der ich aufwachsen durfte, scheint sich aufzulösen.
Meine Beobachtung ist, dass die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen auch viele Schulen an ihre Grenzen bringen. Die Veränderung unserer Gesellschaft und Welt, die uns alle überfordert, ist in den Schulen – zwischen den Lehrern und den Schülern – am klarsten zu spüren. Bei den Jungen und Jüngsten wirkt sich die Situation in aller Deutlichkeit aus. Sie aber werden die Antworten der Zukunft geben müssen. Wie soll das gehen? Wie sollen, wie können, wie wollen die Schulen mit dieser Herausforderung umgehen?
Vor vier Jahren wurde ich im Rahmen meiner Schulbesuche im Großraum Stuttgart zum ersten Mal in eine Gesamt-Lehrerkonferenz eingeladen. Seitdem war ich in über 70 Schulen aller Schulformen und habe mit zahlreichen Schülern, Lehrern und Rektoren über ihre Situation gesprochen. In diesen Gesprächen habe ich vor allem einen Eindruck gewonnen: Wir müssen unbedingt eine Strategie entwickeln, die allen Kraft und neues Zutrauen gibt.
Die Kernfrage dabei ist: Wie bereiten wir unsere Kinder auf die Welt der Zukunft vor?
Thema und Herausforderung sind gewaltig. Aber es bleibt uns nichts als es anzupacken. Ein Zentrum gesellschaftlicher Transformationsprozesse sind selbstverständlich die Schulen. Sie aber bekommen immer wieder neue Aufgaben und sie stoßen an ihre Grenzen. Wie können wir ihnen helfen, ihrem Kernauftrag gerecht zu werden und unsere Kinder auf das Leben vorzubereiten?
Ich glaube, eine Antwort ist ein pädagogisches Denken, ein grundsätzlich neuer Ansatz, der in dem bekannten Ausdruck „Kulturelle Bildung“ zusammenfließt.
Dieses neue kulturelle Denken gaukelt nicht vor, Orientierung in einer Welt zu geben, die alle überfordert. Es tut nicht so, als habe es einen Kompass, wo doch das Konzept von Nord und Süd selbst fragwürdig geworden ist. Aber es soll die Schüler (und Lehrer) dazu befähigen, immer wieder neue Fragen zu stellen und neue Antworten zu suchen, die sie ein Stück ihres Weges weiterbringen. Es ist ein neues Denken, das auf eine veränderte Welt reagiert und sich dabei selbst umformt.
Das hat schon begonnen. Meine Begegnungen in den Schulen zeigten auf teils sehr berührende Weise, wie sehr sich einzelne kulturinteressierte Schulleiter und Lehrer dafür engagieren, ihren Schülern Lernwege mit und durch die Künste zu ermöglichen.
Klar ist: Kulturelle Bildung umfasst weit mehr als den Besuch eines Museums oder die Teilnahme an einer Theateraufführung. Sie befähigt Menschen, fremde kulturelle Ausdrucksformen (und damit Fremdheit überhaupt) zu verstehen, kritisch zu hinterfragen und selbst kreativ tätig zu werden. Die Teilnahme an diesem Prozess stärkt Kompetenzen wie Empathie, Reflexionsfähigkeit und die Fähigkeit, sich in eine Gemeinschaft einzubringen. Studien belegen die fundamentale Bedeutung von Bildung für Kinder und Jugendliche, die sich die Werkzeuge der Kunst zu eigen macht. Sie belegen ihre Transferwirkung, insbesondere aber ihren Einfluss auf die Persönlichkeitsbildung. Kulturelle Bildung gilt im Schulalltag nach wie vor leider nur als schönes Projekt und wertvolles Add-on.
Konkret sind aber die so genannten „4Ks“ – Kreativität, Kommunikation, Kollaboration und kritisches Denken – ein Schlüssel, um junge Menschen auf die Herausforderung des 21. Jahrhunderts vorzubereiten.
Spielen, Malen, Musik und Schreiben bieten Schülern die Möglichkeit, kreativ zu werden, eigene Ideen zu entwickeln und neue Wege des Ausdrucks zu finden. Sie können lernen, die Welt offener zu betrachten, die Zukunft neu zu entdecken. Ob durch das Schreiben eines Theaterstücks oder das Schaffen visueller Kunstwerke, ob durch gemeinsames Spiel oder Musizieren – Kulturelle Bildung schult die Fähigkeit, konventionelle Denkmuster zu durchbrechen und Lösungen zu finden, an die man am Anfang nicht gedacht hatte.
Kunst verlangt nach Kommunikation und Austausch. Bei einer Theateraufführung, in der Schüler ihre Gedanken dem Publikum präsentieren, oder in einer Diskussion über eine Erzählung: Kulturelle Bildung trainiert die Fähigkeit, Ideen, klar und überzeugend zu formulieren, zuzuhören und auf andere einzugehen.
Kreative Projekte wie das Einstudieren eines Musikstücks oder das Organisieren eines Schulfestivals fordern Zusammen- und Teamarbeit. Schüler lernen, gemeinsam Ziele zu definieren, Rollen zu verteilen und Konflikte konstruktiv zu lösen. Das sind Kompetenzen, die in einer vernetzten und globalen Welt unverzichtbar sind.
Kulturelle Bildung verlangt, kritisch zu denken und unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. Beim Analysieren von Kunstwerken werden Schüler darin geschult, ihre eigenen Standpunkte zu reflektieren und fundierte Entscheidungen zu treffen.
Deshalb sollte Schule Kulturelle Bildung nicht als nettes Extra verstehen, sondern als den treibenden Motor für alles, was Lernen, Leben und Demokratie bedeutet. Das muss nicht bedeuten, dass Kulturelle Bildung in einem überfüllten Bildungsplan ein eigenes Schulfach wird. Das bedeutet aber, dass kulturelle Bildung in alle Fächern Teil des Unterrichts wird. Gerade Fächer wie Mathematik und Physik, mit denen sich viele Schüler schwertun, können davon profitieren.
Unser Schulsystem braucht eine Transformation: Kultur muss in die Lehrpläne! Sie muss in unser Schulgesetz, und es braucht eine klare, politische Strategie, die Kulturelle Bildung in den Mittelpunkt stellt.
Ähnlich wie beim Projekt „Gesundheit Standort Baden Württemberg“ benötigen wir eine Bildungskonferenz über den „Bildung Standort Baden Württemberg“. Ein partizipativer Kongress zur kulturellen Bildung könnte in einen dialogischen Prozess (und konkrete Gruppen des Changemanagements) mit allen Bildungsakteuren münden. Im Umfeld sollten erste Arbeiten zur kulturellen Bildung entstehen.
Ein entscheidender Motor der Umsetzung wäre eine enge Verbindung von Kulturinstitutionen und Schule. Hier müssen Kooperationsformen gefunden werden, die die Schulen entlasten und für die Kultur neues Publikum bedeuten. In der gemeinsamen Arbeit von Kultusministerium, Kulturinstitutionen und Schulen ist zu entwickeln, wie die Institutionen die notwendigen Ressourcen mobilisieren können.
Inhaltliche Schwerpunkte einer Bildungskonferenz müssten sein:
Erstens, Bildungsgerechtigkeit. Denn neben den Ergebnissen der letzten Pisa-Studie sind vor allem die Erkenntnisse zur Bildungsgerechtigkeit in der Bundesrepublik und die großen Leistungsunterschiede zwischen sozioökonomisch begünstigten und benachteiligten Schülern beunruhigend.
Zweitens, Inspiration. Denn die Schule soll ein Ort der Inspiration sein. Sie ist nicht einfach ein Gebäude, sie ist ein Erlebnisraum. Eine große Aula, die gleichzeitig als Theater, Debattenforum und Co-Working Space fungiert. Die Bibliothek ist nicht nur ein Ort der Bücher, sondern eine Kreativwerkstatt mit digitalen Tools, VR-Brillen (zum Eintauchen in die virtuelle Realität) und Zugang zu globalem kulturellen Wissen.
Drittens, „Deeper Learning“. Das ist ein Ansatz, bei dem Schüler projektbasiert lernen und in eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand gebracht werden.
Viertens, Verschmelzung. Statt in Konkurrenz zu stehen, verschmelzen Technologie und Kultur. Digitale Medien sind Werkzeuge, um Kunst und kulturelle Narrative zu schaffen. Schüler lernen nicht nur zu programmieren, sondern setzen das Erlernte ein, um etwa eine virtuelle Museumsführung zu gestalten oder einen ganz eigenen Raum nach ihren Ideen und Erfahrungen zu schaffen.
Fünftens, Künstliche Intelligenz. KI wird ein integraler Bestandteil der Lern- und Bewertungsprozesse. KI-basierte Lernplattformen passen Inhalte und Schwierigkeitsgrade individuell an die Bedürfnisse der Schüler an. Algorithmen analysieren, wie vielfältig kreative Lösungen sind, wie tiefgehend ein Projekt recherchiert wurde oder wie innovativ die Ideen sind. Das ist nicht Ersatz, sondern Ergänzung menschlicher Expertise.
Sechstens, Praxis. Demokratie ist keine trockene Theorie, sondern gelebte Praxis. Schüler organisieren Podiumsdiskussionen zu gesellschaftlichen Fragen, schreiben Petitionen und sind Teil eines Schulparlaments. In Projekten wie „Utopien entwerfen“ setzen sie sich künstlerisch mit gesellschaftlichen Visionen auseinander, lernen für ihre Ideen zu argumentieren und Kompromisse zu finden. Kultur wird zum Werkzeug für gesellschaftliche Teilhabe.
Dies ist ein Appell an Politik und Gesellschaft: Demokratie braucht Kulturelle Bildung. Der nationale Aktionsplan BNE (Bildung für nachhaltige Entwicklung) formuliert die politische Verpflichtung, die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Deshalb plädiere ich für eine Verankerung kultureller Bildung im gesamten Schulsystem. Sie muss als fester Bestandteil schulischer und außerschulischer Bildung etabliert werden. Kulturelle Bildung muss im Schulgesetz, im Bildungsplan, im Leitfaden Demokratiebildung und im Schulsystem berücksichtigt werden. Eine eigene Verwaltungsvorschrift dazu ist zwingend notwendig, damit Schulen Rahmen und Sicherheit erhalten.
In einer Zeit, in der unsere Demokratie auf vielen Ebenen herausgefordert wird, dürfen wir die Bedeutung Kultureller Bildung nicht unterschätzen. Sie lehrt uns, zuzuhören, mitzufühlen, kritisch zu denken und aktiv zu handeln. Fähigkeiten, die wir dringend brauchen, um die Herausforderung der Gegenwart zu bewältigen. Kulturelle Bildung ist keine Kür, sondern eine notwendige Investition in die Zukunft.
Burkhard C. Kosminski studierte Schauspiel und Regie in New York. Von 2001 bis 2006 warer Regisseur und Mitglied der künstlerischen Leitung am Düsseldorfer Schauspielhaus. 2006 wechselte er ans Nationaltheater Mannheim. Seit der Spielzeit 2018/19 ist er Intendant des Schauspiels Stuttgart. Er initiierte das „Partnerschulprogramm“, das inzwischen 100 Schulen umfasst, den „Bildungspass Kultur“ und das Stuttgarter Schultheater Festival.