Schulen in Stuttgart Erneut deutlich weniger Anmeldungen an Gymnasien – Das sind die Folgen

Auf welcher Schule soll es nach der vierten Klasse weitergehen? Foto: dpa

Die Zahl der Viertklässler, die den direkten Weg zum Abitur einschlagen, ist zum zweiten Mal gesunken – und das deutlich. Ein Innenstadt-Gymnasium muss Schüler umlenken.

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Für den geschäftsführenden Schulleiter Manfred Birk ist es eine „erkleckliche Zahl“. Für das kommende Schuljahr sind an den 25 staatlichen Gymnasien in Stuttgart 1991 Kinder angemeldet worden. Das seien 132 Mädchen und Jungen weniger als im Jahr zuvor, als es 2123 Anmeldungen gegeben hatte. Prozentual beträgt der Rückgang damit 6,2 Prozent.

 

Insgesamt sind die Anmeldezahlen im zweiten Jahr in Folge rückläufig – und das, obwohl die Zahl der Viertklässlerinnen und Viertklässler gestiegen ist. Bereits für das aktuelle Schuljahr hatte es deutlich weniger Interessenten am Gymnasium gegeben als in den Jahren zuvor. Konkret waren es damals 2123 Anmeldungen gewesen und damit 166 beziehungsweise 7,3 Prozent weniger als für das Schuljahr 2024/2025. In den Jahren davor waren die Zahlen an den Stuttgarter Gymnasien nahezu konstant.

Gesunken ist auch das Interesse an den bilingualen Zügen: Für die Englisch-Züge gibt es 464 Anmeldungen und damit 76 weniger als im Vorjahr. Für den Französisch-Zug gibt es 29 Anmeldungen und damit 14 weniger als 2025.

Im langjährigen Mittel liegt mit 54 Anmeldungen das Interesse an den Zügen für Hochbegabte. Diese gibt es in Stuttgart am:

  • Karls-Gymnasium
  • Königin-Katharina-Stift
  • Eberhard-Ludwigs-Gymnasium

Verhältniszahl sinkt insgesamt deutlich

Betrachtet man nur die staatlichen Schulen in Stuttgart, ist die Übertrittsquote auf das Gymnasium binnen zwei Jahren von 55 Prozent auf 45 Prozent gesunken. Manfred Birk betont, dass dies nur eine Verhältniszahl sei und diese nicht der offiziellen Übertrittsquote entspreche, weil er zum Beispiel keine Informationen zu den Privatschulen habe. Die Tendenz sei aber dennoch eindeutig.

Manfred Birk ist geschäftsführender Schulleiter der Stuttgarter Gymnasien und Rektor des Dillmann-Gymnasiums in Stuttgart-West. Foto: Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Den Einbruch der Anmeldezahlen führt Manfred Birk auf die Wiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung zurück. „Das hat Wirkung gezeigt“, sagt der geschäftsführende Schulleiter. Seit dem vergangenen Schuljahr brauchen Kinder, die den direkten Weg zum Abitur einschlagen wollen oder sollen, entweder ausreichend gute Noten oder sie müssen in der verpflichtenden Kompetenzmessung Kompass 4 ein Ergebnis auf gymnasialen Niveau erreichen. Wer keines von beiden vorzuweisen hat, kann noch den Potenzialtest absolvieren, eine Art Aufnahmeprüfung am Gymnasium.

Müssen künftig weniger Kinder runter vom Gymnasium?

Die gesunkenen Anmeldezahlen könnten bedeuten, dass es künftig weniger Kinder gibt, die das Gymnasium verlassen müssen, weil sie den Anforderungen nicht standhalten. In der Vergangenheit gab es durchaus Schülerinnen und Schüler, die gegen die Empfehlung der Grundschullehrkräfte auf ein Gymnasium wechselten. Das ging nicht immer gut.

Fakt ist: „Aktuell suchen 390 Schülerinnen und Schüler ein Platz an einer anderen Schulart, weil sie versetzungsgefährdet sind“, sagt Manfred Birk und ergänzt: Die verbindliche Grundschulempfehlung könne „zu einer Begradigung“ führen, also dazu, dass weniger Kinder am Gymnasium angemeldet werden, die dafür nicht oder noch nicht geeignet sind.

Mit den gesunkenen Anmeldezahlen einher geht, dass es insgesamt weniger Klassen an den Stuttgarter Gymnasien gibt. Schon im aktuellen Schuljahr sind es mit 78 Klassen fünf weniger als im Schuljahr 2024/2025. Zum kommenden Schuljahr werden es noch einmal zwei weniger, also nur noch 76 Klassen sein.

Das hat Auswirkungen auf die Zahl der Lehrkräfte, die an den einzelnen Schulen benötigt werden. Zwei Klassen weniger bedeutet, dass es 60 Lehrerstunden weniger braucht. Ein volles Deputat am Gymnasium umfasst 25 Stunden. Folglich lassen sich allein mit zwei Klassen weniger zweieinhalb Lehrkräfte einsparen. „Das Einstellungspotenzial für neue gymnasiale Lehrkräfte sinkt“, sagt Birk. Er betont, dass die Anmeldezahlen das Einsparen von zwei Klassen durchaus rechtfertigen. Dennoch sei der Spardruck des Landes spürbar.

Dass es bei einem Minus von 132 Schülerinnen und Schülern nur zwei Klassen weniger sind, deutet daraufhin, dass die Klassen mancherorts nicht mehr so voll sind. Da sei aber von Schule zu Schule sehr unterschiedlich, sagt Manfred Birk. Gerade bei bestimmten Profilen oder in manchen Stadtteilen Stuttgarts werde der Klassenteiler von 30 nach wie vor ausgereizt. Das Ziel sei es, jeder Familie die Wunschschule zu ermöglichen. Das habe in diesem Jahr auch weitgehend funktioniert. Es habe nur wenige sogenannte Schülerlenkungen gegeben. Bei den Innenstadt-Schulen habe einzig das Schickhardt-Gymnasium Kinder an benachbarte Gymnasien verweisen müssen.

Weniger Kinder bestehen Potenzialtest

Stuttgart
In Stuttgart haben in diesem Jahr 195 Kinder den Potenzialtest geschrieben. 28 von ihnen haben bestanden, das waren etwa 14 Prozent. Im vergangenen Jahr war die Erfolgsquote der Stuttgarter Kinder noch doppelt so hoch gewesen. Dies könne ein Hinweis darauf sein, dass die Empfehlung der Lehrkräfte in Verbindung mit dem Kompass-4-Test bereits sehr passgenau gewesen sei, sagt Manfred Birk.

Land
In ganz Baden-Württemberg haben in diesem Jahr 2744 von ungefähr 100.000 Viertklässlerinnen und Viertklässlern den Potenzialtest absolviert. 518 Mädchen und Jungen und damit 19 Prozent haben bestanden. Im vergangenen Jahr hatte die Erfolgsquote landesweit noch bei 31 Prozent gelegen.

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