Marina Frank (oben rechts) kämpft für den Erhalt der Uhlandschule, Regina Lenkl unter anderem für die Grund und Werkrealschule Ostheim (unten). Foto: o/Lichtgut/privat
Viele Schulleitungen, Eltern und Kinder wollen sich nicht damit abfinden, dass ihre Schulen abgewickelt werden sollen. Wie hoch sind ihre Erfolgsaussichten?
Der Widerstand gegen das Aus der Werkrealschulen wächst. So ist Marina Frank davon überzeugt, dass der Werkrealschulzweig der Uhlandschule auch künftig dringend gebraucht wird. Sie ist die Elternbeiratsvorsitzende und hat auf der Online-Plattform chanche.org eine Petition zum Erhalt der Werkrealschule in Stuttgart-Rot veröffentlicht. Rund 500 Namen haben bereits unterschrieben.
„Unsere Werkrealschule ist voll in Betrieb“, sagt Marina Frank. Im Unterschied zu anderen Standorten sei die Uhlandschule stabil zweizügig. „Manche Kinder sind einfach etwas schwächer. Sie wären auf einer Realschule nicht gut aufgehoben. Unser Kollegium weiß, was diese Mädchen und Jungen brauchen“, sagt sie.
Jahr für Jahr würden in der siebten und achten Klasse viele an die Uhlandschule wechseln, weil sie den Anforderungen an der Realschule nicht mehr gewachsen seien. „Bei uns finden sie Anschluss und Unterstützung und haben so die Chance, erfolgreich einen Abschluss zu machen“, sagt die Elternbeiratsvorsitzende.
Vaihingen: Schulleitungen lehnen Aus für Pestalozzischule ab
Auch viele Schulleitungen sehen das Thema kritisch. In Stuttgart-Vaihingen haben die Rektorinnen und Rektoren der Pestalozzischule (Grund- und Werkrealschule), der Robert-Koch-Realschule, des Hegel-Gymnasiums und der Verbundschule Rohr (Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum) eine gemeinsame Stellungnahme verfasst. „Grundsätzlich lehnen wir den Vorschlag der Verwaltung zum Auslaufen der Pestalozzischule zum jetzigen Zeitpunkt ab“, ist darin zu lesen.
In der Begründung heißt es: Auf dem Campus habe sich ein Miteinander mit vertieften Kooperationen unter den Schularten entwickelt. Dieses System funktioniere sehr gut. „Die vier Schularten bieten gemeinsam in Ihrer Unterschiedlichkeit für die Kinder aus Vaihingen und den umliegenden Stadtteilen ein einerseits stark spezialisiertes und gleichzeitig durch die Vernetzung der Schulen untereinander breit aufgestelltes Bildungsangebot an. Dies soll aus unserer Sicht auch weiterhin so bleiben.“
Regina Lenkl hat eine Petition auf der Online-Plattform Open-Petition veröffentlicht. Das habe sie als engagierte Privatperson getan, betont sie, sie sei aber auch Lehrerin an der Grund- und Werkrealschule Ostheim. Die deutlich steigenden Zahlen der Schülerinnen und Schüler mit festgestelltem Förderbedarf „Lernen“ könnten kaum adäquat an andere weiterführende Schulen verteilt werden, heißt es in der Petition. Diese Kinder würden eine engere Betreuung benötigen. „Die Lehrkräfte an Werkrealschulen nehmen sich dieser Aufgaben mit viel Engagement an“, schreibt Regina Lenkl.
Die Werkrealschule Ostheim Foto: Ferdinando Iannone
Ihr gehe es darum, dass die „Bildungsungleichheit in Baden-Württemberg nicht noch größer wird“. Alle Kinder und Jugendlichen hätten ein Recht auf eine ihrer Begabung entsprechende Ausbildung und Förderung. Wichtig sei ihr aber auch, dass es Lösungen für die zumeist sehr engagierten Kollegien an den Werkrealschulen gibt. Diese dürften nicht einfach auseinanderbrechen.
In ihrer Petition fordert Regina Lenkl, die komplette Abschaffung der Werkrealschulen nicht umzusetzen. Stattdessen solle mindestens eine in zentraler Lage erhalten bleiben. Dafür biete sich die Grund- und Werkrealschule Ostheim an.
Isabel Fezer ist Bildungsbürgermeisterin in Stuttgart Foto: Thomas Niedermüller/Stadt Stuttgart
Damit konnte sich die Stuttgarter Verwaltungsspitze noch nicht anfreunden. Allerdings sieht ihr Vorschlag mittlerweile die Gründung einer Gemeinschaftsschule in Ostheim vor. Die Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer hatte die Änderung im Jugendhilfeausschuss mündlich mitgeteilt. Inzwischen ist die Vorlage angepasst. Zuvor hatten Stadträte mehrerer Fraktionen in einem Antrag für die Gründung einer weiteren Gemeinschaftsschule plädiert.
Wangen: Wilhelmsschule will Gemeinschaftsschule werden
Die Fraktion SÖS/Linke/Plus fordert zudem eine Prüfung, ob die Grund- und Werkrealschule Wangen Gemeinschaftsschule werden könnte und welche Rahmenbedingungen es dafür brauche. Die Stadträte argumentieren, dass das Schulgebäude umfassend saniert und erweitert worden sei. Zudem würden nicht nur die gesamte Schulgemeinschaft, sondern alle Kooperationspartner und der Bezirksbeirat die Weiterentwicklung hin zu einer Gemeinschaftsschule unterstützen.
Das Aus für alle Werkrealschulen in Stuttgart ist ohnehin noch nicht beschlossen. Die Fraktionen SPD und Volt, CDU sowie Puls schlagen in einem Antrag vor, zunächst drei Standorte zu erhalten. Die Verwaltung solle prüfen, welche dafür geeignet wären.
Wie es mit den Werkrealschulen in Stuttgart weitergeht, wo neue Realschulen entstehen und ob neue Gemeinschaftsschulen gegründet werden, soll am Mittwoch, 3. Dezember, im Verwaltungsausschuss beschlossen werden. Auch im Gemeinderat am 4. Dezember steht das Thema auf der Tagesordnung.
Mangelnde Attraktivität der Werkrealschulen
Neues Schulgesetz Die Stuttgarter Verwaltungsspitze will mit der geplanten Abschaffung der Werkrealschulen auf die Änderung des Schulgesetzes in Baden-Württemberg reagieren. Denn der Werkrealschulabschluss wird abgeschafft, Werkrealschulen bieten künftig nur noch einen Hauptschulabschluss an. Für die Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer ist es unter diesen Umständen fraglich, ob die Werkrealschule als eigenständige Schulform noch überlebensfähig ist.
Anmeldezahlen Die Anmeldezahlen an den Werkrealschulen sind seit Jahren rückläufig. Im Schuljahr 2011/2012 gab es in Stuttgart noch mehr als 5000 Werkrealschüler, im aktuellen Schuljahr sind es 1578. Vor diesem Hintergrund konnten drei der sieben Werkrealschulen keine fünfte Klasse bilden. Jeweils 16 Anmeldungen wären dafür nötig gewesen. 83 Prozent der Kinder mit einer Hauptschulempfehlung entscheiden sich gegen die Werkrealschule.