Schulsanierungen in Stuttgart Gymnasium entwickelt wegweisendes Konzept

Das neue Kernstück soll ein Lernzentrum werden. An der runden Theke geben Lernbegleiter Bücher und Laptops aus und sind bei Fragen ansprechbar. Rundrum gibt es unterschiedliche Arbeitsplätze. Foto: KCG

Das Königin-Charlotte-Gymnasium in Möhringen muss saniert werden. Was braucht es für richtig gute Bildung und welche Rolle spielen Gebäude dabei?

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Die Stadt macht aus dem Missstand keinen Hehl. Ein großer Teil der etwa 150 Schulen, für die das Schulverwaltungsamt zuständig ist, sei in den 1960er und 1970er Jahren gebaut worden und „mittlerweile in erheblichem Maße sanierungsbedürftig“. So steht es in den Informationen zum Doppelhaushalt 2024/2025 auf der städtischen Homepage. Das Königin-Charlotte-Gymnasium (KCG) in Möhringen ist also nur ein Gebäude unter vielen, mit veralteter Heizungsanlagen, schlechter Dämmung und undichten Fenstern.

 

Dennoch fordert das KCG für sich eine Priorisierung. Denn auf seinem Parkplatz wird wohl ein Modulschulzentrum entstehen. Nacheinander sollen dort ganze Schulgemeinschaften einziehen, deren Gebäude gerade saniert werden. Das soll die Bauprojekte schneller und kostengünstiger machen. Das KCG hat lange damit gehadert, sich dann aber arrangiert. Allerdings will man nicht nur die damit verbundenen Herausforderungen meistern müssen, sondern auch profitieren. Das bedeutet, das KCG selbst soll zeitnah kernsaniert werden. Dafür haben Lehrer, Eltern und Schüler in einem etwa ein Jahr dauernden Prozess ein wegweisendes Konzept entwickelt.

Die Hülle des Königin-Charlotte-Gymnasiums bleibt. Doch geht es nach der Schulgemeinschaft, soll es innen bald ganz anders aussehen. Foto: Alexandra Kratz

„Die Frage für uns ist: Wie komme ich zu richtig guter Bildung und welche Rolle spielt die Architektur dabei?“, sagt der Rektor Benjamin Köhler. Die jüngste Pisa-Studie habe wieder einmal gezeigt, dass Deutschland beim Thema Bildung nur im Mittelfeld ist. „Das bedeutet, dass wir nicht die besten Chancen für alle Schülerinnen und Schüler bieten – in einem Land, das das eigentlich könnte“, sagt der Rektor. Für ihn sei dieser Zustand „unerträglich“.

Köhler hat sich mit den Ideen des kanadischen Erziehungswissenschaftlers Michael Fullan beschäftigt. Er hat die Theorie des Deeper Learning vorangebracht. Dabei geht es um die Fähigkeit, selbstständig zu lernen, Wissen fächerübergreifend zu erwerben und dieses dann auf die reale Welt zu übertragen. Am KCG wird das derzeit in den neunten Klassen erprobt. Sie durften in Gruppen Themen wählen. Das Beispiel Dönerpreise habe da für manche Jugendliche zunächst wie ein Witz geklungen, erzählt der Rektor. Doch schnell hätten die Jugendlichen gemerkt, was alles dahinterstecke, von der Inflation bis hin zur Nachhaltigkeit.

Viel Raum ist im Hinblick auf Bildung ungenutzt

Aber um diese neue Form der Wissensaneignung umzusetzen, brauche es andere Räume. Der altgediente Klassenraum komme an seine Grenzen. Auch sonst habe die derzeitige Raumaufteilung am KCG enorme Defizite, findet der Rektor. „Wir haben viel Platz, breite Flure. Aber der Raum ist im Hinblick auf Bildung völlig ungenutzt“, sagt er. Sitzecken, Tische, Stühle sind dort aus Brandschutzgründen verboten. Es gibt nur wenige Möglichkeiten, um sich in Lerngruppen zusammenzusetzen. Es fehlt an Rückzugs- und Erholungsräumen. In manche Gebäudeteile kommt nur wenig Tageslicht, der Schulhof ist weitgehend versiegelt.

Für Benjamin Köhler steht fest: „Wir können nur gut lernen, wenn wir uns wohlfühlen.“ Dabei spiele die Architektur eine entscheidende Rolle. Die ohnehin anstehende Kernsanierung des KCG biete die Chance, es besser zu machen. Um eine Vision zu entwickeln hat die Schulgemeinschaft das gesamte Gebäude zunächst gedanklich und schließlich am Computer leer geräumt und alle Zwischenwände entfernt, nur die Hülle ist geblieben.

Das neue Kernstück ist ein Lernzentrum

Das neue Kernstück ist ein Lernzentrum. An der runden Theke geben Lernbegleiter Bücher und Laptops aus und sind bei Fragen ansprechbar. Rundrum gibt es unterschiedliche Arbeitsplätze und Rückzugsräume für Lerngruppen. Der Schuleingangsbereich wird zu einem Treffpunkt. Wichtig sei, dass sich in diesem Bereich auch die Schulsozialarbeit befinde, um diese präsenter zu machen. Die Klassenzimmer werden größer. Es gibt nicht nur Schulbänke für den Frontalunterricht, sondern auch Sitzecken, wo Schüler zusammen an unterschiedlichen Projekten arbeiten können. Ebenso bekommen die Lehrkräfte deutlich größere Arbeitsbereiche, und es werden räumliche Strukturen geschaffen, die Kooperation und Teamarbeit ermöglichen. In den Fluren sollen zum Beispiel kleine Sitztreppen zum Verweilen und Arbeiten einladen.

„Die Frage ist jetzt, wie bekommt man ein solches Konzept durch ein System, das an den Frontalunterricht als Standard gewöhnt ist“, sagt Köhler. Doch das Schulverwaltungsamt habe offen und durchaus fasziniert auf das Konzept reagiert. Der Gemeinderat hat Planungsmittel für eine Kernsanierung des Möhringer Gymnasiums bereitgestellt, die nun von den Fachämtern vorangetrieben werden muss. Dabei wird sich zeigen, was machbar ist. Danach wird die Stadt wohl einen Architektenwettbewerb ausschreiben. Der Rektor hofft, dass seine Schule dann in der Auswahlkommission mehr als nur eine Stimme hat.

Beschlüsse aus den Haushaltsberatungen

Modulschulzentrum
Der Gemeinderat hat im Doppelhaushalt 2024/2025 Planungsmittel in Höhe von 29 Millionen Euro für Schulbauprojekte bereitgestellt. Darunter sind 5,7 Millionen Euro für das Modulschulzentrum. Dieses soll Bedingungen für eine dreizügige Schule jeglicher Art bieten. Das wohl dreigeschossige, kompakte Gebäude wird mindestens bis zum Abschluss sämtlicher relevanter Sanierungsvorhaben im Einzugsgebiet stehen, also etwa 25 Jahre. Die Schulgemeinschaften des KCG und der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule sollen die ersten sein, die das Modulschulzentrum nutzen, während ihre eigenen Gebäude saniert werden. Die zuständigen Ausschüsse des Gemeinderats wollen den Vorprojektbeschluss noch im Januar fassen.

Schulsanierungen
Das Geschwister-Scholl-Gymnasium wird saniert und bekommt zusätzlich einen Neubau. Dafür und für das erforderliche Interimsgebäude hat der Stuttgarter Gemeinderat im aktuellen Doppelhaushalt 138 Millionen Euro bereitgestellt. 67,5 Millionen Euro stehen für die Erweiterung mit Mensa am Schulstandort Stammheim zur Verfügung. Für den Neubau einer dreiteilbaren Sporthalle mit Zuschauerbereich am Schulzentrum Heilbronner Straße in Stuttgart-Nord hat der Gemeinderat 23,5 Millionen Euro eingestellt. Darüber hinaus wurden weitere 27,4 Millionen Euro für Maßnahmen am Schulcampus Freiberg, der Pestalozzischule in Rohr, der Grundschule Kaltental, der Schickhardt-Gemeinschaftsschule in Stuttgart-Süd und der Riedseeschule in Möhringen beschlossen.

Internet
Auf https://kcg-se.de präsentiert das KCG seine Visionen und Überlegungen zur Schulsanierung.

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