Schulwechsel in Stuttgart Realschulplatz verzweifelt gesucht – eine Mutter berichtet

Stress in der Schule kann in eine Krise führen. Foto: imago//Ute Grabowsky

Wenn ein Kind auf dem Gymnasium überfordert ist, raten Lehrkräfte zum Wechsel. Doch was ist, wenn mangels Platz keine Schule das eigene Kind will? Eine Mutter schildert ihre Erfahrungen.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Die vergangenen Wochen sind an die Substanz gegangen: „Es war furchtbar“, sagt die Stuttgarter Mutter eines Sechstklässlers. Am Gymnasium sei ihr Sohn eigentlich von Anfang an überfordert gewesen. In Klasse sechs wurde dann klar: „Wenn er auf der Schule bleibt, bleibt er irgendwann sitzen.“ Wenn nicht dieses Schuljahr, dann im nächsten. Die Themen Hausaufgaben und Lernen hätten zu Hause einen enormen Raum eingenommen – und regelmäßig zu Frust geführt. Das, sagt die 50-Jährige, wollte sie nicht mehr für ihr Kind.

 

Doch mit der eigenen Entscheidung für den Schulwechsel, die man erst mal treffen muss, war es nicht getan. Was die Mutter „extrem frustrierend“ empfunden hat: Eine Realschule nach der anderen, die sie kontaktierte, habe ihr abgesagt. „Ich hatte Angst, dass er auf dieser Schule bleiben muss“, erzählt sie. Sie sorgte sich, dass die Zeit der Frustrationserlebnisse für ihren Sohn also weitergeht, und fragte sich: „Was gibt es für Alternativen?“ Sie habe schließlich schon eine lange Liste an Schulen angerufen und angeschrieben, ob die ihren Sohn aufnehmen könnten, darunter auch eine Gemeinschaftsschule. Doch entweder erhielt sie Absagen – oder gar keine Reaktion.

Die Eltern fühlten sich alleingelassen, bestätigt ein Rektor

„Die Schulen sind voll“, bestätigt der Geschäftsführende Schulleiter der staatlichen Sek-1-Schulen, Gerhard Menrat. Vor allem ab Klasse sieben gehe eigentlich fast gar nichts mehr. Gerade riefen sehr viele Eltern an, deren Kinder aufs Gymnasium gehen. Sie hätten zum Halbjahr erfahren, dass ihr Kind das Schuljahr wohl nicht schaffe. Da sei es verständlich, dass sie gleich wechseln wollten. Doch dies sei schwierig, da man zum zweiten Halbjahr keine neue Klassen bilden könne. „Die Eltern fühlen sich alleingelassen“, äußert Menrat Verständnis. „Wenn ich könnte, würde ich die Gymnasiasten gerne aufnehmen“, sagt Menrat, der Schulleiter der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule in Möhringen ist. Das Hauptproblem: Es gebe zu wenig Lehrkräfte. Man habe „null“ Reserve.

Auch im Staatlichen Schulamt weiß man um die Schwierigkeiten, die Schulwechsler haben und damit natürlich auch die Schulen. „Das ist eine Riesenherausforderung“, so Schulamtsleiter Thomas Schenk. Vor der Pandemie hätten 350 bis 400 Schülerinnen und Schüler im Schuljahr das Gymnasium verlassen. Das habe zwischenzeitlich abgenommen. Doch die Schonfrist ist offenbar vorbei: „Jetzt zieht es wieder an“, sagt Schenk, der fürchtet, wieder bei den 400 zu landen. Das ist umgerechnet jedes Jahr eine komplette zusätzliche Sek-1-Schule. Vor allem ab Klasse 6, 7, 8 gebe es einen großen Bedarf. Man sei in den Klassen bereits an der Grenze.

Schulen sind „an der Kapazitätsgrenze“

„Die Schulen sind voll“, sagt auch Schenk. Dennoch betont er: „Wir lassen keinen sitzen, wir finden einen Platz.“ Nur gelte dies nicht zum Halbjahr – und in der Regel klappe der Wechsel auch nicht an der Wunschschule. Erst zum neuen Schuljahr könne man neue Klassen bilden. Aber auch das sei keine leichte Aufgabe: Wer soll die unterrichten? Und wo sollen diese sitzen? Es fehlten Lehrkräfte und Schulräume, betont Schenk. „Unsere Realschulen und Gemeinschaftsschulen sind an der Kapazitätsgrenze“, schildert er die Lage. Nur in ganz wenigen Schulen könne man Klassen teilen.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hatte vergangenen Sommer einen höheren Klassenteiler ins Spiel gebracht und dafür Protest von GEW und Philologenverband geerntet. Schließlich wäre das eine Maßnahme, die zulasten des Lernklimas und der Attraktivität des Lehrerberufs ginge. Und aktuell sieht es auch nicht danach aus, als würden die Klassen in naher Zukunft noch voller: „Derzeit gibt es schulartübergreifend keine Überlegungen, den Klassenteiler zu erhöhen“, so eine Sprecherin aus dem Kultusministerium auf Anfrage.

Die Grundschulempfehlung war im Nachhinein nicht passend

Auch Jochen Knapek, der Schulleiter der Robert-Koch-Realschule in Vaihingen, erreichen Elternanfragen aus dem ganzen Stadtgebiet – vor allem ab Klasse 6. Diese Nachfrage könne man nicht bedienen, sagt er. Verschärft habe sich die Situation, weil noch eine weitere Klientel Schulplätze brauche: geflüchtete Schülerinnen und Schüler aus den Vorbereitungsklassen. „Die kommen noch dazu.“ Sie seien in Absprache mit den Nachbargymnasien und versuchten, die dringendsten Fälle aufzunehmen, erklärt er das eigene Vorgehen. Sein Appell: die Grundschulempfehlung zu beachten und das eigene Kind lieber gleich an der richtigen Schule anzumelden.

Im eingangs beschriebenen Fall hatten die Eltern sich an der Empfehlung orientiert: Die Grundschullehrerin sah den Jungen auf dem Gymnasium. Doch diese habe ihn offensichtlich nicht gut genug gekannt, sagt die Mutter. Die Lehrerin hatte die Klasse auch erst in der vierten übernommen, als es noch Homeschooling gab. Online-Unterricht habe ihr Sohn zudem fast gar nicht bekommen. Dennoch hätten sie als Eltern auf die Empfehlung vertraut.

In ihrem Fall ist die Suche dann doch noch gut ausgegangen: Ihr Sohn hat seinen Platz, allerdings nicht mehr an einer staatlichen Schule. Bei einer privaten Realschule habe es dann zum Glück schließlich doch noch geklappt.

Eine Klasse muss mindestens 16 Schulkinder haben

Klassenteiler
An der weiterführenden Schule liegt der Klassenteiler ab Klasse 5 bei 30 Schülerinnen und Schülern. Eine Ausnahme bilden Gemeinschaftsschulen. Dort sind es laut Kultusministerium (KM) 28 Kinder in den Klassen 5 bis 10, ab Klasse 11 dann wie bei den Gymnasien 30. Die Mindestgröße für eine Regelklasse beträgt 16 Schülerinnen und Schülern. Die durchschnittliche Klassengröße an allgemein bildenden Gymnasien liegt unterm Klassenteiler. Der Durchschnittswert ist dem KM zufolge 25,4.

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