Schuss-Serie in der Region Stuttgart Wer sind die jungen, bewaffneten Männer?

Aufnahme von der Videokamera am Schlossplatz mit geschwärztem Bereich einer Außengastronomie. Foto: Polizei Stuttgart

Immer wieder ist von „Gruppierungen“ die Rede, die unter anderem hinter den Schießereien in der Region stecken. Das LKA gibt Einblick in den Stand der Ermittlungen.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Im Frühsommer haben die Ermittelnden gegenüber der Öffentlichkeit klargemacht: In der Region Stuttgart stecken Gruppierungen hinter den Gewaltausbrüchen, die auch mit scharfen Waffen seit gut eineinhalb Jahren ausgetragen werden. Von einzelnen, zunächst scheinbar wahllos abgegebenen Schüssen im Norden Stuttgarts bis zum Handgranatenwurf auf den Friedhof in Altbach (Kreis Esslingen) zieht sich ein roter Faden durch. Was aber immer noch schwer zu vermitteln ist: Wie sind diese Gruppierungen strukturiert? Warum meiden die Polizei und das Landeskriminalamt, die im Rahmen einer Ermittlungskooperation zusammenarbeiten, das Wort „Banden“? Der LKA-Präsident Andreas Stenger erläutert im Gespräch mit unserer Zeitung die Hintergründe.

 

Als nach dem Anschlag auf Altbach klar wurde, dass hier zwei Linien quer durch die Region gehen, wussten die Fachleute im LKA schon viel über die Hintergründe. Die einen bewegen sich auf der Schiene Stuttgart – Göppingen, die anderen kann man in der Gegend Ludwigsburg – Esslingen – Plochingen verorten. Und das ist auch schon alles, was es an Rahmen gibt: „Wir haben es mit einer unstrukturierten Subkultur zu tun“, sagt Stenger. Was die jungen Männer schwer zu fassen macht. Im Gegensatz zum früheren Bandenkult mit Gangs wie Red Legion, Black Jackets oder Osmanen gibt es dieses Mal weder gemeinsame Wurzeln in einem anderen Land noch eine Art Club-Struktur. Die Gruppierungen seien multiethnisch, junge Männer vom Jugendalter bis Mitte oder Ende 20 bestimmen das Bild. Gemeinsam ist ihnen: So gut wie alle haben einen Migrationshintergrund und fühlen sich anscheinend nicht integriert. „Manche arbeiten gelegentlich, andere nie. Da kann man gar keine Regelmäßigkeiten erkennen“, sagt Stenger.

Nach einer Schießerei in Zuffenhausen in diesem Frühjahr, bei der ein Mann schwer verletzt wurde, fiel die Entscheidung: „Jetzt ziehen wir das Thema als LKA an uns“, so Stenger. Die Ermittlungskooperation, die dann zwischen den betroffenen Polizeipräsidien von Ulm bis Ludwigsburg gegründet wurde, ist für Stenger eine „Vollgasveranstaltung“. „Sie ist das Mittel der Wahl, weil wir die Manpower benötigen“, sagt er. Das LKA arbeite „mit Hochdruck“ an der Aufklärung. Mehr als 60 Ermittelnde seien im Einsatz. Hinzu käme noch die Unterstützung des Kriminaltechnischen Instituts des LKA, der Abteilung Cybercrime und weiterer Fachleute. Inzwischen konnten mehr als 40 Personen, die im Zusammenhang mit den Gruppierungen und den Gewalttaten stehen, festgenommen werden.

Das klingt viel, aber wenn man bedenkt, welche Dimension die Gruppierungen nach Einschätzung der Expertinnen und Experten haben, ist noch viel zu tun: „Wir gehen inzwischen von rund 500 Personen aus, die man dazuzählen kann“, sagt Andreas Stenger. Das sind neue Erkenntnisse. Im Sommer war die Zahl der mehr oder weniger stark involvierten jungen Männer auf 250 bis 300 geschätzt worden.

Im Sommer war es nach dem Handgranaten-Attentat auf dem Altbacher Friedhof still geworden um die Gruppierungen, die sich dort wie auch bei den Schießereien in Plochingen oder Zuffenhausen gegenseitig angreifen. Eine trügerische Stille, sagte Stenger damals. Und ist sich sicher: „Die resultierte aus dem Druck, den wir machen.“ Im August sei es noch zu massiven Machtdemonstrationen im öffentlichen Raum gekommen. In Esslingen trat eine große Gruppe auf, die auf der Agnespromenade – frech direkt vorm Polizeirevier – „Wir sind Esslingen“ skandierte. Zum Beleg für den Nutzen der Videoüberwachung zeigte Stuttgarts Polizeipräsident Markus Eisenbraun unlängst im Gemeinderat Bilder, wie eine schwarz gekleidete Gruppe „in Formation und bedrohlich“ über den Schlossplatz ging. Aufgrund der Aufnahmen wurde die Gruppe abgefangen und kontrolliert – zum Teil waren die Dazugehörenden bewaffnet. Solche provokativen Auftritte seien „zurzeit eher die Ausnahme, die Gruppen sind durch den Ermittlungsdruck konspirativer unterwegs, Machtdemonstrationen und Posergehabe passen da nicht mehr unbedingt ins Bild, sind aber auch nicht ganz auszuschließen“, meint Stenger.

Dass trotzdem was passiert, wie vor kurzem eine Schießerei in Schorndorf-Weiler (Rems-Murr-Kreis), kann er dennoch erklären: „Die Gewaltausbrüche sind geprägt von einer Situativität, das sind ganz impulsive Geschichten“, sagt der LKA-Präsident Stenger. Die jungen Männer seien zu jedweder Gewalteskalation bereit. Durchaus beachtliche Haftstrafen von drei bis sieben Jahren, die gegen einzelne erwischte Angehörige der Szene schon verhängt wurden, hätten „keine generalpräventive Wirkung“, sie schreckten niemanden ab.

Selbst Haftstrafen haben keine abschreckende Wirkung

Im Gegenteil: Knast adelt. Das haben die Ermittelnden beim Sichten von Rap-Videos festgestellt, etwa von einer Zuffenhauser Gruppe: „Meine Jungs und ich im Knast“ rappen sie. Oder Klänge aus Esslingen, vorgetragen mit einer Schar durch rote Bandanas vermummter Männer: „Ich bin mit einem Fuß im Knast“ oder „Meine Jungs und ich hinter schwedischen Gardinen“ heißt es in deren Sprechgesang.

Die Raps helfen: „Wir verstehen immer mehr, mit was für einem Phänomen wir es zu tun haben“, sagt Andreas Stenger. Nämlich: Keine Bandenstruktur, sondern eine Subkultur, die „Crime as a Lifestyle“ verfolgt. Kriminell sein ist der Lebensentwurf, Ehre und Respekt wollen sie damit verdienen. Es gehe nicht unbedingt um Gewinn und Geld. Sondern um Anerkennung – die viele offenbar im bürgerlichen Leben nicht gefunden haben. Ein junger Mann stülpt vor der Kamera seine Unterlippe um: „Omerta“ hat er da tätowieren lassen: Das Schweigegelübde der Mafia heißt so. Es bedeutet, dass egal, was passiert, auch wenn man selbst Opfer wird, man spricht nicht mit der Polizei, drücken die Rapper damit aus. Und die Polizei kann ein Lied davon singen, was das heißt. Die Verletzten, die Festgenommenen, sie verraten nichts über die Hintergründe.

„Es ist eine Generation am Start, die ist anarchischer und jünger als zu Zeiten der Banden Red Legion und Black Jackets“, aber: Maßgebliche Player in den Reihen der Gruppierungen seien noch durch die Red Legion sozialisiert. Das war die überwiegend kurdische Gang, die im Frühjahr 2013 verboten wurde. Die roten Bandana-Halstücher der Esslinger kann man als Reminiszenz an die Red Legion deuten.

Wofür aber gehen sie in den Knast? Neben der Gewalt sind es auch immer wieder Straftaten. Als Geldboten für Trickbetrüger wurden Zugehörige der Szene schon erwischt, aber auch beim Drogenhandel. Es kann auch sein, dass gewisse Taten als Mutprobe oder um sich hochzudienen verübt werden, meint Stenger. „Man fragt sich: was ist das für ein Lebensentwurf? Mit der Musik wird es mir klarer“, sagt er. Und spielt einen Clip vor, in dem gerappt wird: „Meine Kumpels sitzen Jahre in der Justizvollzugsanstalt“.

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