Schwabenlandtower in Fellbach Der wohl höchst gelegene Nistplatz der Region

Der Tercel genießt die Aussicht auf dem Schwabenlandtower. Foto: Friedemann Tewald

In unserer Serie „Rekordverdächtig“ stellen wir Orte in der Region Stuttgart vor, die auf besondere Weise herausragend sind. Heute: Die Kinderstube von Wanderfalken ist die bisher einzige fertig eingerichtete Wohnung im Fellbacher Tower.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

Das Bett besteht aus nackten Kieselsteinen, ein Dach und Wände aus unlackierten Multiplexplatten schützen grob vor Regen. Der Wind, der in dieser Höhe nicht selten kräftig bläst, wird nur notdürftig abgehalten. Eine gemütliche Kinderstube stellt man sich gemeinhin anders vor. Doch zur Aufzucht von Wanderfalken sind die Bedingungen auf dem bisher nur bis zum Rohbau erstellten 107 Meter hohen Schwabenlandtower in Fellbach geradezu ideal.

 

Zwei Kameras übertragen das Geschehen

Seit sieben Jahren sorgt ein Team des Naturschutzbunds (Nabu) Fellbach nicht nur dafür, dass sich die Falken auf dem Plateau des unbewohnten Wohnhochhauses pudel-, beziehungsweise greifvogelwohl fühlen, sondern auch dafür, dass eine interessierte Öffentlichkeit an ihrem Wohlergehen teilhaben kann, ohne das Familienleben der Hochgeschwindigkeitsflieger zu stören. Zwei Kameras übertragen das Geschehen von Brut und Brütern auf eine eigens dafür ins Leben gerufene Internetseite.

Im Frühjahr 2018 haben Falco und Perenelle – die Namen wurden nach einem entsprechenden Aufruf von den Lesern der Fellbacher Zeitung erkoren – zum ersten Mal Junge bekommen. Im Herbst zuvor hatte der Nabu einen Nistplatz installiert, nachdem die Vogelbeobachter festgestellt hatten, dass sich das Paar für die weit und breit buchstäblich herausragende Bauruine interessiert hatten.

„Sie hätten auf jeden Fall gebrütet“, glaubt Friedemann Tewald, neben Heike Dougall, Bärbel Winkler, Michael Eick, Heribert Beier und Herbert Kugel einer der falkenkundigen Aktivisten beim Fellbacher Nabu. Durch den auf dem Plateau installieren Kasten aber seien sowohl der Bauherr als auch die Tiere weniger beeinträchtigt, als wenn sich das Vogelpaar seinen Platz in dem offenen Rohbau irgendwo selbst eingerichtet hätte.

Kies und Kasten 33 Stockwerke hinaufgeschleppt

Damals war das ein durchaus anstrengendes Unterfangen. Mussten doch dafür Kasten und Kies, zusammen mehr als 100 Kilogramm schwer, über 33 Stockwerke und zig Betonstufen hinaufgetragen werden. „Mittlerweile geht es dank eines funktionstüchtigen Aufzugs doch etwas einfacher“, sagt Friedemann Tewald und grinst. Mindestens zweimal im Jahr – einmal, um vor der Brut Nistkasten und Kameras zu säubern, und dann, bevor die Tiere flügge werden, zur Beringung – begibt sich das Nabu-Team physisch in luftige Höhe.

Virtuell ist man seit Februar 2019 immer dabei. Friedemann Tewald, im normalen Berufsleben Arzt mit Spezialgebiet Infektionskrankheiten in einem Stuttgarter Labor, hat nicht nur Kenntnisse aus einem Hobby genutzt, sondern beim Aufbau eines Kameranetzwerks auch per Richtfunk Kapazitäten in seinem nahe gelegenen Privathaus angezapft. Im heimischen Keller hat er einen Server stehen, der Bilder und Videos aufzeichnet und ins Internet zur „Falcommunity“ überträgt. Die Fangemeinde reicht mittlerweile weit über Fellbach hinaus. In Brut- und Aufzuchtzeiten verzeichnet man täglich weit mehr als 1000 Besuche.

Ein Brief aus Berlin

Mit dabei ist die Klasse 1c der Fichtelgebirge-Grundschule in Berlin-Kreuzberg. Die Erstklässler haben in einem Brief nicht nur versichert, dass sie zu den treuesten Beobachtern der faszinierenden Fellbacher Großvögel zählten, sie haben auch ein mehrseitiges Kompendium mit selbst gemalten Eindrücken mitgeliefert. Nicht nur Friedemann Tewald geht ob solcher Botschaften das Herz auf: „So etwas bestätigt eindrucksvoll, dass sich unser ehrenamtlicher Einsatz lohnt.“

22 Jungvögel sind seit der Ansiedelung von Falco und Perenelle auf dem höchsten menschengemachten Nistplatz der Region auf die Welt gekommen. Vor zwei Jahren indes hat ihn ein neues Paar übernommen. Die Falkendame Perenelle war zuvor in Fellbach in der Eberhardstraße tot aufgefunden worden. Ihre Todesursache konnte nicht abschließend geklärt werden. Bei einer Untersuchung ihres Leichnams seien Spuren von Insektiziden gefunden worden, die eigentlich längst nicht mehr im Einsatz seien. Friedemann Tewald schließt eine bewusste Vergiftung der Tiere von Menschenhand nicht aus. Auch Tercel Falco ist seither nicht wieder gesehen worden.

Nun hofft man, dass Alvar und Alizée nicht das gleiche Schicksal ereilt. Dass sie dem Tower den gefiederten Rücken aus eigenen Stücken zukehren werden, glaubt Friedemann Tewald nicht. Wanderfalken seien sehr sehr revier- und nesttreue Tiere.

Was passiert, wenn der Tower fertiggebaut wird?

Und wenn das wegen erneut kriselndem Eigner wieder einmal brach liegende Wohnhochhaus doch noch dereinst fertig gebaut werden sollte? Würden sich wohl auch die Nabu-Aktivisten darüber freuen. Denn dass sich die bislang einzigen Bewohner vom Einzug artfremder Untermieter abschrecken ließen, glaubt Friedemann Tewald nicht.

Wanderfalken seien extrem anpassungsfähig, er habe schon von Tieren gehört, die sich in Steinbrüchen niedergelassen hätten, während dort zeitweise noch gesprengt worden sei. Einen aus Beton gegossenen „finalen“ Nistplatz hat der Nabu jedenfalls schon produzieren lassen. Er würde auf einem Aufzugsgebäude an einer den Balkons abgelegenen Seite montiert. Doch bis auf Weiteres ist eine Fertigstellung des Schwabenlandtowers wohl eher nicht in Sicht.

Webcam und Infos zu den Falken unter: www.falcommunity.de

Höher, größer, schneller – in unserer Serie „Rekordverdächtig“ stellen wir Orte in der Region Stuttgart vor, die auf besondere Weise herausragend sind.

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