„Schwäbische Enklave“ im Kosovo Fellbach und Suharekë verbindet eine besondere Geschichte

Einweihung des Fellbach-Hauses im Juli 2002 Foto: Uli Reinhardt//Zeitenspiegel

Seit 25 Jahren stehen Fellbach und Suharekë im Kosovo in engem Austausch. Es ist eine Verbindung, die vom Krieg, vom Wiederaufbau und von einer tragischen Männerfreundschaft erzählt.

Ausstellungen sind dem Fotografen Uli Reinhardt eigentlich zuwider. Sie lenken die Aufmerksamkeit vom Gegenstand der Fotos zu sehr auf den Fotografen, glaubt er. Doch als vor einigen Wochen der Anruf aus Suharekë kam, konnte er nicht Nein sagen. Nun steht er also da und lässt resigniert Lobreden über sich ergehen, pünktlich zur Eröffnung am 13. Juni. Es ist ein wolkenloser, warmer Nachmittag.

 

In Suharekë, einer 40 000-Einwohner-Stadt im Süden des Kosovo, kennen sie ihn alle, Uli Reinhardt, diesen hochgewachsenen Deutschen mit dem entwaffnenden Lächeln unterm Schnurrbart. Ungeachtet seiner 77 Jahre hat er sich auch dieses Jahr wieder ins Auto gesetzt und die lange Fahrt von Weinstadt im Rems-Murr-Kreis bis ins Kosovo in Angriff genommen. Seit dem 13. Juni 1999 kommt er jedes Jahr hierher, um eine schmerzhafte Erinnerung am Leben zu halten: wie sein Kollege und bester Freund, der Reporter Gabriel Grüner, am nahe gelegenen Dulje-Pass ums Leben kam.

Foto: Uli Reinhardt/Zeitenspiegel

25 Jahre ist das her. In diesem Zeitraum sind auch die ausgestellten Fotos entstanden. Kosovarische Kriegsflüchtlinge sind darauf zu sehen, Arzthände, die Kinderbrustkörbe abklopfen, aber auch fröhlichere Motive, eine Festgesellschaft im Gasthaus, Menschen, die einander die Hand schütteln. Und immer wieder ein pyramidenförmiges Gebäude: das Fellbach-Haus, in dem Reinhardts Bilder jetzt ausgestellt sind. Benannt ist das Haus nach der Stadt Fellbach. Heute bietet es den Einheimischen eine breite Palette an Kursen, finanziert durch die schwäbische Gemeinde. Erst vor zwei Jahren wurde der Beitrag an das Veranstaltungshaus im fernen Kosovo von 35 000 auf 45 000 Euro pro Jahr aufgestockt. Doch diese Großzügigkeit – und die Freundschaft zwischen den beiden Städten – hat eine lange Geschichte. Auch sie beginnt am 13. Juni 1999.

Blutiger Kampf um Unabhängigkeit

Was für Reinhardt ein Anlass zur Trauer ist, bedeutet für die Einheimischen – in der Mehrheit ethnische Albaner – einen Grund zum Feiern. Sie befreiten sich damals von der serbischen Fremdherrschaft. Nach dem Zerfall Jugoslawiens entbrannte im Kosovo ein blutiger Kampf um Unabhängigkeit, mit Vertreibungen und Massakern auf beiden Seiten. Als schließlich die Nato auf Seite der albanischen Kosovaren eingriff und aus Mazedonien und Albanien vorrückte, stand die Niederlage der Serben unmittelbar bevor.

Es war ein wolkenloser, warmer Nachmittag. Die Zeitschrift „Stern“ hatte zwei Reporter-Teams entsandt, die unabhängig voneinander über das bevorstehende Kriegsende berichten sollten. Das eine Team: Uli Reinhardt und seine Frau Ingrid Eißele. Das andere: der Reporter Gabriel Grüner, der Fotograf Volker Krämer und ihr Übersetzer Senol Alit. Die drei Männer haben zu diesem Zeitpunkt ihre Recherche schon abgeschlossen und fahren in Richtung Mazedonien. Doch die Serben lassen sich mit dem Rückzug Zeit, die Lage bleibt unübersichtlich. Auf dem Dulje-Pass geraten die Reporter in eine serbische Straßensperre.

Als es dort zum Streit zwischen den serbischen Soldaten und dem Übersetzer kommt, greift ein russischer Söldner – ein fanatischer Albaner-Hasser, wie sich später herausstellen wird – zu seiner Kalaschnikow und feuert auf den Wagen. Volker Krämer und Senol Alit sterben auf der Stelle, Gabriel Grüner erst mehrere Stunden später in einem britischen Feldlazarett.

Die erste Begegnung

Als Reinhardt am nächsten Tag am Tatort eintrifft, ist auf der Straße noch eine große Blutlache. Hinter einer Böschung findet er die Leiche von Senol Alit. Obwohl sie möglicherweise vermint ist, läuft Reinhardt auf den toten Kollegen zu. Der Krieg, der unsägliche Horror, über den die Reporter jahrelang berichtet haben, bricht plötzlich mit aller Gewalt über ihr eigenes Leben herein.

Zum ersten Mal treffen sich Gabriel Grüner und Uli Reinhardt im Dezember 1992 am Flughafen in Wien. Ihr Ziel: das belagerte Sarajevo, wo sie über Zlata Filipovic berichten sollten, eine junge Frau, die wegen ihrer Kriegstagebücher als „bosnische Anne Frank“ bekannt war. In den darauffolgenden Jahren sind Reinhardt und Grüner immer wieder in Bosnien. Der Jugoslawienkrieg, der sie später für immer trennen wird, bringt sie überhaupt erst zusammen.

Aus Kameradschaft wird Freundschaft

Der Krieg beschleunigt, er intensiviert. Auch menschliche Beziehungen. Wer sich nicht versteht, hält es keine zwei Tage miteinander aus. Und wer sich versteht, rückt noch näher zusammen. In Sarajevo sprinten Grüner und Reinhardt vom Panzerwagen in ihr Hotel, um nicht ins Visier der serbischen Scharfschützen zu geraten. Zwischen Bihac und Sanski Most hungern und warten sie zwei Tage lang, um als erste Reporter den berüchtigten General Atif Dodakovic zu treffen, nachdem er gerade die Stadt von den serbischen Besatzern befreit hat. Schließlich, nach entbehrungsreichen Tagen, reden sie sich bei Wein und Pizza im gut beheizten Speiseabteil eines italienischen Nachtzugs über die Szenen und Begegnungen der vergangenen Tage in Rage.

Einmal zu Hause, telefonieren sie. Bald folgen die ersten Besuche. Neben dem neuesten Redaktionsklatsch mischen sich bald auch „die kleinen und großen Geheimnisse des Lebens“, wie Reinhardt sagt, in ihre Gespräche. Aus Kameradschaft wird Freundschaft. Ganz leise, ohne große Worte. Man bleibt in Deckung, auch wenn der Krieg vorbei ist. Erst an Gabriel Grüners Begräbnis kam dessen Bruder Peter auf Reinhardt zu und sagte: „Du bist also Uli Reinhardt, Gabriels bester Freund. Er hat viel von dir erzählt.“

Wie hält man die Erinnerung wach?

In den darauffolgenden Monaten plagte Reinhardt eine Orientierungslosigkeit, die er zuvor nicht gekannt hatte. Er und Gabriel Grüner, sie hatten am Elend und der Gewalt, die sie in Bosnien, in Afghanistan, in Somalia erlebt hatten, schwer gelitten. Grüner, so erinnern sich Kollegen, weinte manchmal im Stillen. Und doch: an ihrem Auftrag zu berichten, zweifelten sie keine Sekunde. Weil ihre Berichte im besten Fall einen Unterschied machten. Seine Reportagen verband Grüner mit Spendenaufrufen, der erfolgreichste brachte vier Millionen Mark zusammen. Nur: zu welchem Preis?

25 Jahre danach, bei der Eröffnung seiner Ausstellung im Fellbach-Haus, erzählt Reinhardt eine Anekdote. Davon, wie er genau ein Jahr nach dem Tod seiner Kollegen, am 13. Juni 2000, auf den Dulje-Pass zurückkehrte.

Wieder war es warm und wolkenlos. Die Scherben aber waren längst weggeräumt, das Blut vom Winterregen weggewaschen. Reinhardt wusste selbst nicht, was er hier tat, an dem Ort, wo etwas vom Wertvollsten in seinem Leben zu Ende ging. Nur eins war für ihn klar: Gabriel Grüner, Volker Krämer und Senol Alit sollen nicht vergessen werden.

Ein Kreuz in einem muslimischen Land

Der Mann, der Reinhardt dabei helfen sollte, steht auch bei der Eröffnung der Foto-Ausstellung, neben ihm: Ismet Suka, der heutige Co-Leiter des Fellbach-Hauses. Er, der schon damals ein gutes Deutsch sprach, arbeitete bei der Hilfsorganisation Kinderberg International, zu der Reinhardt Kontakte hatte. So lernte er Suka kennen, der mit ihm kam, um auf dem Pass ein Kreuz zu befestigen. „Ich habe versucht, Uli zu erklären, was für eine wahnsinnige Idee das ist“, erzählt Ismet Suka, während Reinhardt lacht.

Ein Kreuz, kurz nach dem Krieg, in einem muslimischen Land. Schon nach wenigen Tagen war es weg. Kreuze galten damals als Symbol des Feindes. Als die serbische Nationalisten muslimische Dörfer verwüsteten, machten sie den Segensgestus Christi. Auch Sukas Bruder fiel ihnen zum Opfer. Erst schlossen sie ihn und seine Familie in ihrem Haus ein, dann zündeten sie es an. Suharekë und die umliegende Region waren besonders stark von der Gewalt betroffen, nach dem Krieg fand man zahlreiche Massengräber. Die Berichte darüber – auch jene, die Gabriel Grüner geschrieben hatte – gingen um die Welt. Und sind der Auslöser für den Bau des Fellbach-Hauses.

Mehr als 1000 Kilometer entfernt, in Fellbach, ist ein Mann besonders berührt: Friedrich-Wilhelm Kiel, der damalige und inzwischen verstorbene Oberbürgermeister der Stadt. Kiel gilt als Mann der Tat, als einer, der humanitäres Mitgefühl mit politischer Durchsetzungskraft vereint. Für ihn ist schnell klar, seine Gemeinde sollte helfen. Kurz darauf, im Juni 2000, trifft Kiel mit einer kleinen Delegation in Suharekë ein. Die Männer schlafen in einem Container der Bundeswehr, sprechen mit Kriegsopfern, machen Pläne. Und sie staunen nicht schlecht, als sie erfahren, dass ein weiterer Deutscher vor Ort sei, ausgerechnet aus einer Nachbargemeinde von Fellbach. Ein fast unglaublicher Zufall.

Das Fellbach-Haus gilt landesweit als Vorzeigeprojekt

Uli Reinhardt erinnert sich noch gut an die Begegnung: „Manche klagten über die einfachen Verhältnisse und glaubten, ich würde ihnen munter zustimmen.“ Doch Reinhardt, der von seinen Kriegsrecherchen viel Schlimmeres gewohnt war, entpuppte sich als schlechter Leidensgenossen. Dafür wurde er zum Tatgenossen.

Mit seiner Ortskenntnis unterstützte er die Helfer aus Fellbach bei der Umsetzung ihrer Idee: ein Veranstaltungshaus für die Suharekë, gestiftet von der schwäbischen Gemeinde. Im Jahr 2002 wurde das Fellbach-Haus fertiggestellt, eine fast rekordverdächtige Bauzeit.

Heute gilt das Fellbach-Haus landesweit als Vorzeigeprojekt, eine Art Volkshochschule. Es bietet Kunst- und Musikgruppen, Sprachkurse, Grafik- und IT-Kurse, Workshops aus dem Bereich Friedens- und Demokratiepädagogik. Kinder und Erwachsene werden so fit gemacht für den Arbeitsmarkt und die junge Demokratie. Fellbach übernimmt dabei weiterhin die Kosten fürs Personal und die Instandhaltung, die Stadt Suharekë übernimmt Strom-, Heiz- und Internetkosten. Inzwischen besuchen sich Delegationen der beiden Städte regelmäßig – mindestens einmal pro Jahr.

Ein Zugpferd der kosovarischen Wirtschaft

Suharekë hat sich gewandelt. Im Zentrum spazieren die Bewohner durch grüne Boulevards, die Sonne spiegelt sich in Glasfassaden, die Läden mit Schmuck und Festkleidern sind gut besucht. Die Stadt gilt als ein Zugpferd der kosovarischen Wirtschaft, heimischen Unternehmen produzieren Schuhe, Baustoffe, Fenster, Energy Drinks, Wein. Das Erfolgsgeheimnis? „Fleiß und gute Verwaltung“, sagt Ismet Suka. Manche hier nennen ihre Stadt deshalb scherzhaft eine „schwäbische Enklave im Kosovo“. Die Freundschaft zwischen Fellbach und Suharekë, vielleicht ist sie sogar eine Seelenverwandtschaft.

Und das entwendete Kreuz? Auf dem Dulje-Pass, wo vor 25 Jahren Gabriel Grüner, Volker Krämer und Senol Alit ums Leben kamen, steht heute ein Gedenkstein aus Marmor. Darauf ein Gedicht von Bertolt Brecht: „Der Regen kehrt nicht zurück nach oben. Wenn die Wunde nicht mehr schmerzt, schmerzt die Narbe.“

Foto: Teseo La Marca

Kurz vor der Eröffnung der Ausstellung, am Vormittag des 13. Juni, stehen sie, die diesen Ort des Erinnerns geschaffen haben, wieder hier. Uli Reinhardt, Ismet Suka, einige weitere Kosovaren, der alte und der neue Bürgermeister. Und allerlei Honoratioren. Selbst der deutsche Botschafter ist dieses Jahr gekommen. Besonders wertvoll ist aber die Anwesenheit der Angehörigen, die Witwe Jo Krämer, ihre Tochter Lucy, Peter und Wolfgang, die Brüder von Gabriel Grüner. In Suharekë sind sie Ehrengäste.

„Die Journalisten sind für uns Helden“, sagt der Bürgermeister von Suharekë mit einigem Pathos bei der Ausstellung im Fellbach-Haus. Diese Inbrunst hat Gründe. Ohne die Berichterstattung sei ihre Unterdrückung unsichtbar geblieben, glauben die Kosovaren. Und ohne diese Sichtbarkeit hätten sie niemals die Unabhängigkeit erlangt. Der Gedenkstein und Kosovos Gegenwart, Suharekë und Fellbach, Uli Reinhardt und seine einheimischen Helfer sind heute untrennbar miteinander verbunden. Und Reinhardt ist das ganz recht so. Im luftleeren Raum berichten, ohne eine Beziehung zu den Menschen vor Ort, das wollte er, das wollte auch Gabriel Grüner nie.

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