Schwäbischer Albverein Abstieg einer stolzen Wandergruppe

Ist alles gut lesbar? Wolfgang Schwarz kontrolliert die Schilder. Foto: Rüdiger Bäßler/privat

Der Schwäbische Albverein hatte weit mehr als 100 000 Mitglieder – doch nun lösen sich immer mehr Ortsgruppen auf oder fusionieren. Die Zentrale wirbt um Jugendliche und „Boomer“.

Politik/Baden-Württemberg: Rüdiger Bäßler (rub)

Wanderer Wolfgang Schwarz, in der Gemeinde Steinheim am Albuch womöglich der Letzte seiner Art, sieht alles, auch das, was fehlt. Gelbe Gabelsymbole, die nur von einer Wegseite zu erkennen sind; Lücken im Schildersystem, wo doch laut Vorschrift rund alle 250 Meter ein „Erinnerungszeichen“ aufscheinen sollte; ein halb überwucherter, ausgebleichter Wegweiser alter Generation, zerbrochen vom Wind oder einem bösen Schelm. Schwarz fotografiert jeden Mangel mit seinem Handy, gibt Positionsdaten in seine App „Map Maker“ ein. Zu Hause wird er einen Bericht anfertigen, einen „Wegepaten“ informieren, der dann mit der Leiter und Schraubwerkzeug kommen und ausbessern wird.

 

Schwarz wollte gar nicht mehr hier sein, jedenfalls nicht mit diesem Rucksack, in dem er selber Ersatztäfelchen mit sich führt, nicht als Vorsitzender der Steinheimer Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins und als Wegemeister des Wandergaus Donau-Brenz. Bei der Hauptversammlung Anfang April stand die Selbstauflösung der Ortsgruppe auf der Tagesordnung. Aber dann haben sie ihren Vorsitzenden doch nochmals weichgeklopft. „Den Vorsitz will ich schon lange abgeben. Aber alle senken den Kopf, wenn man fragt.“ Noch ein Jahr, sagte sich der 83-jährige frühere Schullehrer für Biologie und Geografie.

Rekord-Mitgliederzahl im Jahr 1996

Immer mehr Ortsvereine streichen aus Nachwuchsmangel und weil die eigenen Kräfte nicht mehr genügen, die Segel. So wie in jüngster Zeit Aulendorf, Friedrichshafen, Horb, Mittelbuch, Oberdigisheim, Winterbach. Oder sie fusionieren, so wie Oberlenningen und Unterlenningen, Leutlingen und Laufen, Dietenheim und Regglisweiler.

Im Jahr 2021 bestand der Schwäbische Albverein nach Auskunft der Stuttgarter Geschäftsstelle noch aus 514 Ortsgruppen, Ende vergangenen Jahres waren es noch 466. Im Jahr 1996, kurz vor dem Ende der Kanzlerschaft Helmut Kohls, erreichte die Mitgliederzahl die Rekordhöhe von 118 000, seitdem ging es schleichend bergab. Derzeit sind noch 81 000 Mitglieder registriert. Das genügt immer noch für die Firmierung als größter Wanderverein Europas. Aber, so prognostiziert Ute Dilg, die Pressereferentin des Gesamtvereins: „Die Mitgliederzahlen werden weiter schrumpfen. Das liegt an der Demografie.“

Mit dem Nachwuchsmangel, dazu der Unlust am Ehrenamt und nachbarschaftlicher Bindungslosigkeit kämpfen ja nicht nur Wandersleute, sondern auch Sportvereine, Chöre, Jugendfeuerwehren, Kirchengemeinden, politische Parteien. Ein unabwendbares Schicksal muss das aber nicht sein. Das zeigt die Entwicklung des Deutschen Alpenvereins. Diesen Februar vermeldete der DAV die Rekordzahl von 1,57 Millionen Mitgliedern. Seit Jahren belegen Umfragen zudem die Lust der Deutschen am Wandern.

Alpenverein versus Albverein

„Der DAV hat den großen Vorteil, das große Plus der Versicherung“, sagt Sprecherin Dilg. Tatsächlich hängt an der DAV-Mitgliedschaft eine Versicherung, die für alle Unfälle in den Bergen subsidiär haftet, also Leistungen übernimmt, die von der eigenen Krankenversicherung nicht getragen werden. Beispielsweise auch bei Skiunfällen im Rahmen privater Urlaube. Allerdings ist die DAV-Mitgliedschaft mehr als doppelt so teuer wie die im Schwäbischen Albverein.

Altgediente Ehrenamtliche des SAV beklagen nicht nur das mangelnde Interesse der Jugend. Der DAV, sagt einer, sei immer schon für die Höhe zuständig, der Albverein für leichtere Touren. Früher seien die betagteren DAV-Wanderer, denen die Knie wehtaten, in den Albverein gewechselt, das habe aufgehört. Zum gemeinsamen Wandern, betont ein anderer, brauche man in der Whatsapp-Epoche gar keinen Verein mehr.

Das stimme so schon, sagt Dilg. Wahr sei aber auch, dass viele SAV-Ortsgruppen die Nachwuchsarbeit über Jahre schlicht versäumt hätten. „Wir haben Ortsgruppen, die haben nicht einmal eine Internetseite.“ Ortsvereine, in denen es gut laufe, böten auch Skihütten-Aufenthalte an, Mountainbike-Touren oder, wie in Neuhausen ob Eck, Speedskating.

Mit dem „Projekt Zukunft“ versucht die Vereingeschäftsführung seit 2015, die Mitgliedererosion aufzuhalten, die zugleich den Erhalt des 19 000 Kilometer langen südwestdeutschen Wander-Wegenetzes sowie Hunderter Kleindenkmale und Aussichtstürme bedroht. Oder anders gesagt: den Erhalt eines erheblichen Teils der baden-württembergischen Kulturlandschaft. Im Jahr 2020 griff die Idee, ehrenamtliche „Wegepaten“ anzuwerben, die nicht zwangsläufig Vereinsmitglied werden müssen. Laut SAV konnte seitdem die Zahl von 660 Ehrenamtlichen in der Wegpflege auf 830 gesteigert werden. Dabei, heißt es, ziele man nicht mehr nur auf die Jugendlichen, sondern „auch auf die Boomer, die gerade in Rente gehen“.

Trotz seines Alters hat Wolfgang Schwarz den Schritt eines Postboten. Keine Gelenkschmerzen? „So nach 15 Kilometern tun mir die Zehen weh“, sagt er lächelnd. Seiner Schätzung nach hat er im vergangenen Jahr rund 1000 Kilometer zurückgelegt. Der Himmel über Gussenstadt, wo er heute unterwegs ist, hat ein blau-weißes Kuhfleckenmuster. Aus dem tiefen Grün der Wälder leuchten immer wieder knallgelbe Ausschnitte von Rapsfeldern, alles sieht aus wie ein Gemälde von Monet, nur schöner. Hier und heute, sagt der 83-Jährige, sei er froh, noch einmal weitergemacht zu haben.

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