Fast drei Jahre lang hat die Staatsanwalt Tübingen ermittelt, weil der Gesamtmetall-Präsident Stefan Wolf und frühere Vorstandssprecher von Elring-Klinger unter Verdacht steht, eine Haushaltshilfe in Schwarzarbeit beschäftigt zu haben. Jetzt eskaliert der bisher nur hinter den Kulissen ausgetragene Konflikt.
Das Amtsgericht Bad Urach – Wohnort des 63-Jährigen – hat einen von der Staatsanwalt beantragten Strafbefehl erlassen. Demnach hätte der Beschuldigte eine Geldstrafe zahlen müssen – wie hoch, dazu wollte sich die Staatsanwaltschaft nicht äußern. Wolf wollte aber darauf offenbar nicht eingehen und legte fristgerecht Einspruch ein. Somit steht nun eine Hauptverhandlung vor dem Amtsgericht Bad Urach an. Ein Termin sei noch nicht bestimmt, heißt es von dort.
Haushaltshilfe über Jahre beschäftigt
Vorgeworfen werden Wolf insgesamt „28 Taten des Vorenthaltens und Veruntreuens von Arbeitsentgelt“, teilt die Staatsanwaltschaft mit, weil er über mehrere Jahre eine Haushaltshilfe als Arbeitnehmerin beschäftigt haben soll, ohne diese dem Sozialversicherungsträger gemeldet und für diese Sozialbeiträge abgeführt zu haben. Dabei wird grundsätzlich jeder Monat, für den eine Haushaltshilfe angemeldet werden muss und für den nicht Beiträge entrichtet werden, als eine neue Tat gezählt.
Medienberichten zufolge soll die Haushälterin in Vollzeit, fünf Tage die Woche, für Wolf gearbeitet haben – eine Festanstellung, habe sie nicht gewollt. Die Staatsanwaltschaft weist darauf hin, dass das Urteil über die Strafbarkeit nur den Gerichten zustehe und der Angeklagte als unschuldig gelte, sofern nicht durch ein rechtskräftiges Urteil seine Schuld nachgewiesen worden sei.
Der gebürtige Oberndorfer und promovierte Jurist Wolf, der in Tübingen studiert hat, ist seit Jahrzehnten ehrenamtlich für die Metallarbeitgeber und in anderen Verbänden aktiv: Insgesamt 15 Jahre war er bei Südwestmetall tätig, zuletzt von 2012 bis 2020 als Vorsitzender. In diese Zeit fielen fünf Tarifabschlüsse, einige davon verhandelte er richtungsweisend für andere Bezirke mit. Im November 2020 wechselte er als Gesamtmetall-Präsident zum Dachverband, wo er erst im Juni 2024 von der Mitgliederversammlung für zwei weitere Jahre an der Spitze bestätigt wurde. In dieser Funktion kann das gut vernetzte CDU-Mitglied auf enge Verbindungen in die Bundesregierung setzen. Vor wenigen Tagen hatte er sich in einem Interview gegen eine generelle Verlängerung des Renteneintrittsalters ausgesprochen. „In bestimmten Berufen, etwa auf dem Bau oder am Fließband in der Fertigung, kann man körperlich nicht bis zum 70. Geburtstag arbeiten“, sagte er. „In anderen Bereichen, etwa in der Buchhaltung, ist es eher vorstellbar.“
Was bedeutet die neue Lage für das Spitzenamt?
Schon vor zwei Jahren war er zum Ehrenvorsitzenden von Südwestmetall ernannt worden. Angesichts seiner vielen Verdienste um den Verband wurden die damals schon im Raum stehenden Vorwürfe intern stets als Privatsache und als nicht besonders relevant für das öffentliche Amt behandelt – der Rückhalt hatte ihn bestärkt, weiter zu machen. Offen ist nun, was der Strafbefehl für die Fortführung des Amtes bei Gesamtmetall bedeutet, ob also ein am Ende womöglich wegen Sozialbetrugs verurteilter Verbandschef noch glaubwürdig für die Positionen der Arbeitgeber auftreten kann. Gesamtmetall äußerte sich auf Anfrage am Donnerstag nicht dazu.
Überraschende Trennung von Elring-Klinger
Im April 2023 hatten der in Dettingen ansässige Autozulieferer Elring-Klinger und Wolf überraschend ihre einvernehmliche Trennung zum Juni des Jahres bekannt gegeben. Der 63-Jährige begründete seinen Rückzug insbesondere mit seinem Alter. „Ich war jetzt 26 Jahre bei der Firma, 18 Jahre im Vorstand, 17 Jahre Vorstandsvorsitzender – ich glaube, wir haben die Weichen richtig gut gestellt“, betonte Wolf damals, der seit 2006 Vorsitzender des Vorstands war. Es sei besser, wenn eine jüngere Führungskraft die Transformation des Unternehmens komplett begleite. Man sei „einfach nur auseinander gegangen, weil wir gesagt haben: Das ist das Beste für das Unternehmen“.
Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, die er damals nur indirekt erwähnte, hätten „in diesem Trennungsprozess null Komma null eine Rolle gespielt“. Ohnehin hat er sich nie öffentlich zu den erstmals im Oktober 2022 durch den Fernsehsender RTL und die Zeitschrift „Stern“ bekannt gemachten Vorwürfen geäußert, in deren Folge Wochen später die Staatsanwaltschaft Tübingen ihre Ermittlungen aufnahm. Auch am Donnerstag äußerte sich Wolf auf Anfrage nicht zu den aktuellen Wendungen. Politisch gehört er zu den besonders meinungsfreudigen und wortgewaltigen Arbeitgebervertreten – in eigener Sache hält er sich lieber zurück.
Im April 2024 hatte er die renommierte Stuttgarter Managementberatung Horváth verstärkt, um als Senior Advisor seine Fachkunde in der Dekarbonisierung der Automobilindustrie einzubringen. Zudem ist er noch Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer Reutlingen.
Verheiratet mit Musical-Darsteller Kevin Tarte
Privat ist Wolf auch für (positive) Schlagzeilen gut: Der 63-Jährige ist mit dem Musicalstar Kevin Tarte verheiratet – vor zwei Jahren haben sich der Manager und der vor allem aus dem „Tanz der Vampire“ in der Rolle des Grafen von Krolock bekannte Sänger nach drei gemeinsamen Jahren in ihrem umgebauten Haus – auf halber Höhe über Bad Urach gelegen – standesamtlich in ihrem Heimatort das Jawort gegeben.