Schwerer Wanderunfall eines Stuttgarters Absturz in Neuseeland
In Neuseeland stürzt Johannes Helmel 50 Meter tief in eine Schlucht und muss ums Überleben kämpfen. Unter den Folgen des Unfalls leidet der Stuttgarter bis heute.
In Neuseeland stürzt Johannes Helmel 50 Meter tief in eine Schlucht und muss ums Überleben kämpfen. Unter den Folgen des Unfalls leidet der Stuttgarter bis heute.
Stuttgart - Die Krücken klicken bei jedem Aufsetzen auf dem Asphalt. Schritt für Schritt kämpft sich Johannes Helmel auf ihnen vorwärts. An einem kalten Dezembermorgen hat sich der junge Mann auf den Weg in den Stuttgarter Rosensteinpark gemacht. Er hat sich in eine dunkle Jacke gemummelt, trägt Mütze und Handschuhe. Nur die leuchtend blauen Schnürsenkel fallen optisch ins Auge, so als wollten sie von dem Elend in seinem rechten Fuß ablenken. Von dem oberen Sprunggelenk ist nichts mehr übrig. Gehen kann Helmel nur unter Schmerzen. Ein Arzt kommentierte die Verletzung mit den Worten: „Sieht aus, als hätte da eine Bombe eingeschlagen.“
Noch vor drei Jahren war der Stuttgarter ein sportlicher Mann. Helmel ging gerne wandern, fuhr Snowboard, machte den Segelschein. Dann kam der Unfall, der ihn fast umbrachte und in ein Leben warf, das nie wieder das alte sein wird. Sein größtes Glück wäre es jetzt, mit Freunden durch diesen Park zu spazieren. Stattdessen muss er bereits nach wenigen Metern an einer Bank am Spielplatz ausruhen.
Aber der Reihe nach: Vier Jahre lang hatte sich Helmel in seinem Job im Bereich Geschäftsentwicklung und Marketing abgestrampelt. Zeit für Reisen, die er seit einem Auslandssemester auf Bali liebte, blieb kaum. Am Ende siegte das Fernweh. Er kündigte, löste seine Wohnung auf und kaufte sich ein One-Way-Ticket nach Neuseeland. Es sollte der Start einer Weltreise werden, Rückkehr unbekannt. Doch statt mit Speicherkarten voller Fotos kehrte er wenige Wochen später mit einem kaputten Fuß zurück.
Seinen 34. Geburtstag feierte Helmel am anderen Ende der Welt. Alles lief blendend. Er hatte sich ein Auto gekauft und kurvte die Nordinsel Neuseelands ab. Mit der Fähre setzte er zur Südinsel über. Dort war er lose mit einer Reisebekanntschaft zu einer Wanderung im Nationalpark Arthur’s Pass verabredet, der mit hohen Bergen, dichtem Regenwald und tiefen Tälern wirbt. Aus der gemeinsamen Tour wurde nichts. Am 11. März 2018 zog Helmel alleine los. Im Gepäck nichts mehr als Sonnencreme, eine Kamera, sein Handy und Wasser.
Neuseeland verfügt über viele gut ausgebaute Wanderwege. Helmel aber hatte sich für einen alten, selten benutzten Pfad entschieden, der sich im Zickzack einen Berg hinaufwand. Unterwegs begegnete ihm keine Menschenseele. Gegen Mittag war er aufgebrochen. Die Tour sollte nur zwei, drei Stunden dauern, doch er hatte sich verschätzt. Nebel zog auf, und auf dem Rückweg holte ihn die Nacht ein. Er begann, in kurze Hose und T-Shirt zu frieren, und so langsam beschlich ihn das Gefühl, irgendwo falsch abgebogen zu sein. Mit dem Handy leuchtete er notdürftig den felsigen Untergrund aus. Das Gelände wurde immer steiler und unwegsamer. Plötzlich trat er ins Leere und fiel.
In Extremsituationen dehnt sich die Zeit wie Kaugummi. Helmel war schon in Russland mit einem Fallschirm aus dem Flieger gesprungen und mit dem Bungee-Seil von einer Brücke in Südafrika. Kein Fall hatte sich so endlos angefühlt wie dieser. Genug Zeit für einen Gedanken: Das war’s jetzt. Dann schlug er unten auf.
Einsatzkräfte gaben später an, dass er gut 50 Meter in die Tiefe gestürzt sein musste. Für ihn klingt diese Zahl noch immer unvorstellbar. 50 Meter. Wahnsinn.
Er lebte. Um ihn her war es stockfinster, bis auf ein schwaches Licht aus einem Gestrüpp. Die Handy-Taschenlampe war noch an. Das Gerät hatte den Sturz überstanden. Allerdings hatte er keinen Empfang. Seine Haut war überzogen von einem klebrigen Film. Blut vermutete er. Er konnte kaum atmen, sich nicht bewegen. Die Nacht verbrachte er an der Absturzstelle. Er summte Lieder und sagte Reime auf, um die Zeit bis zum Morgengrauen rumzukriegen. Im ersten Licht fand er sich mitten im neuseeländischen Busch wieder. Bleibe ich liegen, werde ich sterben, dachte Helmel.
Er war in der Nähe eines Wasserfalls abgestürzt. Kriechend schleppte er sich durchs Gestrüpp, über rauen Stein und Dornenbüsche dem Wasserlauf folgend hangabwärts. Der rechte Fuß war taub, die rechte Handfläche aufgeschlitzt, trotzdem waren die Schmerzen auszuhalten. „Ich war im Überlebensmodus und vollgepumpt mit Adrenalin“, sagt er. Die Hoffnung trieb ihn weiter: Auf dem Wanderweg hatte er ab und an einen fernen Lichtkegel erhascht. Vermutlich musste also irgendwo eine Straße sein.
Neuseeländische Medien berichteten später über den Unfall. Ein Rettungsteam filmte den Einsatz vom Hubschrauber aus und fing eine Kulisse ein, die aus einem „Indiana Jones“-Film stammen könnte: Helmel durchbrach das Dickicht an einem Steilhang. Weit unter ihm drückte sich die Straße an den überwucherten Felsen. Neben ihm stürzten die Ausläufer des Wasserfalls auf eine gewaltige Betonkonstruktion. Man kann sich das Bauwerk als mehrere Meter breite Rinne vorstellen, auf der das Wasser über die Fahrbahn geleitet wird und schließlich über die Betonkante in die Tiefe schießt. Unter der Rinne donnerten die Autos wie durch einen Tunnel hindurch.
„Ich wünschte, ich hätte die Geschichte in einem Film gesehen“, sagt Helmel. „Wo man denkt ‚krasse Story‘ und nach Filmende gesund nach Hause geht.“
In seiner Verzweiflung ließ er sich einige Meter tief auf die Betonrinne fallen. Sie neigt sich so steil nach unten, dass er abrutschen und in den Tod hätte schlittern können. Er nahm das in Kauf. „Ich hatte keine große Wahl“, sagt er. „Liegen bleiben und sicher sterben oder weitermachen und vielleicht sterben.“ Zwar hatte er es lebend bis hierhin geschafft, doch für die Autofahrer blieb er unsichtbar. Da entdeckte er im Wasserlauf ein Seil.
Dunkel erinnerte er sich an den Palstek, einen Knoten, den er für den Segelschein gelernt hatte. Er band sich das vermoderte Seil um den Körper und schob sich Stück für Stück durchs herabschießende Wasser. Auf der anderen Seite der Rinne, so die Hoffnung, würde er vielleicht einen Weg runter zur Straße entdecken. Es war eine Verzweiflungstat.
Das Schicksal ist ein lausiger Drehbuchschreiber oder aber ein Sadist. Auch auf der anderen Seite des Betonungetüms war ein Abstieg unmöglich. Helmel machte das Einzige, was ihm noch blieb: Er rief um Hilfe und winkte. Stunden später, so fühlte es sich zumindest an, wendete sich das Blatt. Jemand erspähte ihn von einem weit entfernten Aussichtspunkt und schlug Alarm. Rund 20 Stunden nach dem Sturz konnte Helmel mithilfe von Hubschraubern und einem Bergungsteam gerettet werden und kam ins Krankenhaus nach Christchurch.
Einen Tag später wurde er das erste Mal operiert. Seine Lunge war gequetscht worden, ein Ast hatte sich durch die rechte Wange gebohrt, die Ärzte nähten zwölf tiefe Wunden am Körper. Das rechte Sprungbein war zertrümmert.
Helmel hört oft den Satz, er habe Glück gehabt. „Im Lotto gewinnen ist Glück“, erwidert er darauf. „Lebenslang gehandicapt zu sein hat mit Glück nicht viel zu tun.“ Fast drei Jahre nach dem Unfall zieht er im Rosensteinpark sein klingelndes Handy aus der Tasche. Es ist dasselbe, mit dem er in Neuseeland abgestürzt ist. Er hat es behalten, als bildeten sie eine Art Schicksalsgemeinschaft. „Dauert nur kurz“, sagt er und drückt sich das Gerät dicht ans Ohr. Mehrmals am Tag hat er einen Timer gestellt. Er hat sich bei Radiosendern für eine Aktion beworben, bei der man eine Rechnung bezahlt bekommt. Nun darf er nicht verpassen, falls sein Name in der Sendung genannt wird. Die Rechnung, die er gerne bezahlt wüsste, drückt ihm schwer aufs Gemüt.
Sein Sprunggelenk ist nie verheilt. Nach sechs Wochen im Krankenhaus in Neuseeland und zwei Operationen wurde Helmel nach Deutschland überführt. Drei weitere Eingriffe hat er seitdem hinter sich. „Das CT sieht jedes Mal schlimmer aus“, sagt er. Erst wuchsen die verschraubten Knochen im Fuß nicht richtig zusammen, dann begann das Sprungbein abzusterben. Das obere Sprunggelenk hat sich komplett zerstört.
Ein kleines Gelenk, das für ihn große Auswirkungen hat. Helmel ist wieder zu seiner Mutter gezogen. Seit dem Unfall läuft er auf Krücken, schluckt jeden Tag Schmerzmittel und spritzt sich gegen Thrombose. Den rechten Fuß kann er so gut wie nicht belasten, kaum Strecke zurücklegen, nicht lange stehen. Helmel ist 36, zu jung, um sich damit abzufinden, ab jetzt nur noch durchs Leben zu humpeln. Er klapperte über 20 Krankenhäuser ab. Viele Ärzte trauten sich nicht an den ramponierten Fuß. Hoffnungen wollte ihm erst recht keiner machen.
Dann hörte er von einer Sprunggelenkoperation in der Schweiz, bei der ein künstliches Gelenk eingesetzt wird. Eine neuartige Prothese, die verspricht, die Beweglichkeit wiederherzustellen. Zum Teil jedenfalls. Der Schweizer Arzt gilt in seinem Bereich als Koryphäe, Boris Becker soll schon zu seinen Patienten gezählt haben. Die Behandlung in einer Privatklinik hat allerdings ihren Preis: 36 900 Schweizer Franken, umgerechnet rund 34 000 Euro, muss Helmel für die Operation aufbringen.
Er legt den Kostenvoranschlag der Klinik und ein Schreiben seiner Krankenkasse vor, die einen Teil der OP-Kosten übernimmt. Allerdings klafft immer noch ein Finanzierungsloch von rund 26 000 Euro. Geld, das Helmel nicht hat. Was er für die Weltreise gespart hatte, ist längst aufgebraucht. Mit einem Job hat es seit dem Unfall nicht mehr geklappt. Einen Kredit wollte ihm die Bank nicht geben.
Seine Schwester hat im Internet einen Spendenaufruf gestartet. Die Familie hofft, so einen Teil des Geldes bis zur Operation am 20. Januar zusammenzubekommen. Der Arzt verspricht viel von dem künstlichen Gelenk, aber es vollbringt keine Wunder. Fußballspielen wird Johannes Helmel nie wieder können. Er wäre schon zufrieden, wenn er mit seinem Neffen über den Spielplatz toben oder wieder ohne Krücken durch den Park laufen könnte. Dafür kämpft er weiter.