Das Theodor-Heuss-Haus und das Haus der Geschichte informieren in einem Themenschwerpunkt über das Thema Antisemitismus. Der Auftakt unterstreicht: Es besteht Grund zur Sorge.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Zwei Stuttgarter Institutionen, ein gemeinsamer Themenschwerpunkt: Die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus und das Haus der Geschichte beschäftigen sich in ihren aktuellen Programmen mit dem Wiedererstarken des Antisemitismus. Sie wählen dabei unterschiedliche Ansätze: Das Heuss-Haus auf dem Killesberg hat sich für eine Vortragsreihe entschieden, das Haus der Geschichte arbeitet mit einer „Ausstellungsintervention“. An elf Stationen seiner Dauerausstellung begegnet Besucherinnen und Besucher neuerdings die Sicht von Menschen, die von Antisemitismus betroffen sind: „Fragt uns doch mal – Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus“ lautet der Titel dieser Stationen, die bis 13. September ausgestellt werden. Sie sind Teil des vom Wissenschaftsministerium des Landes geförderten Gesamtprojekts „Anti-Anti 2.0“, bestehend aus Ausstellungen, Bildungsangeboten und Veranstaltungen.

 

Gründe für das Aufflammen des Antisemitismus

Den Auftakt der Vortragsreihe im Heuss-Haus mit dem Titel „Immer noch. Antisemitismus in Deutschland“ machte jetzt der Passauer Politikwissenschaftler und Antisemitismusforscher Lars Rensmann. Er bestätigte, was Thorsten Holzhauser, Geschäftsführer der Stiftung, und die Direktorin des Hauses der Geschichte, Cornelia Hecht-Zeiler, einleitend konstatierten: „Der Antisemitismus war niemals ganz fort.“ Rensmann zeichnete vor großem Auditorium ein ernüchterndes Bild der Lage: „Wir erleben in Deutschland eine Rückkehr des politischen Antisemitismus, wie es ihn seit Kriegsende nicht mehr gegeben hat.“ Der Forscher erkennt das Aufleben antisemitistischer Narrative nicht nur bei der extremen Rechten, sondern auch im linken Spektrum sowie in der Mitte der Gesellschaft. Der auf „postfaktischen Verschwörungs- und Erlösungsfantasien“ beruhende Antisemitismus sei in unterschiedlichen sozialen Milieus anschlussfähig. Das belegten empirische Befunde.

Das Theodor-Heuss-Haus im Feuerbacher Weg. Foto: Archiv/Franziska Kraufmann

Im „israelbezogenen Antisemitismus“ infolge des Hamas-Überfalls vom 7. Oktober 2023 und des anschließenden Gaza-Kriegs sieht Rensmann nur eine Art Beschleuniger latent vorhandener und tradierter antisemitischer Einstellungen. Hauptursache für das massive Auftreten des Antisemitismus heute sei der „digitale Strukturwandel“ und das „Zeitalter der Desinformation“, in dem Verschwörungserzählungen Fakten verdrängen würden. In diesem Klima gerate jüdisches Leben in besonderer Weise unter Druck, denn antisemitische Erzählungen seien ein fester Bestandteil der digitalen Plattformen geworden. Rensmann wählte dafür die prononcierte Formel: „Social Media ist bad for the Jews.“ Das postfaktische Zeitalter sei auch das Zeitalter des Antisemitismus.“

„Eine Demokratie, die in Desinformation steckt, kann nicht überleben“

Massive Kritik übt der Wissenschaftler an den großen Digitalkonzernen, deren Algorithmen Hassreden unterstützen würden. Hier brauche es dringend Transparenz. Auch „visualisierte Desinformation durch KI-generierte Bilder“ und entsprechende Aktivitäten von Influencern ließen den Antisemitismus im „anarchischen digitalen Raum“ aufblühen. Seine Schlussfolgerung: „Die Demokratie braucht einen neuen Gesellschaftsvertrag im Umgang mit der digitalen Kultur.“ Das beinhalte auch Reglementierungen. Einen Angriff auf die Meinungsfreiheit sieht Rensmann darin nicht. Vielmehr gelte es, die bedrohte Demokratie durch einen solchen Gesellschaftsvertrag zu schützen, denn: „Eine Demokratie, die in Desinformation steckt, kann nicht überleben. Zumal Demokratien gleichzeitig durch eine „globale autoritäre Revolution“ herausgefordert seien – ebenfalls mit konkreten negativen Effekten für jüdisches Leben.

In dem Zusammenhang macht sich der Politikwissenschaftler für ein vom Bundestag zu beschließendes Demokratiefördergesetz stark. Dieses sei dringend notwendig, um demokratische Initiativen im Land zu stärken. Er warnt: „Es muss viel mehr getan werden für die Demokratie.“

Schwerpunkt Antisemitismus

Programm
In Vorträgen, Gesprächen und Workshop geht die Stiftung Theodor-Heuss-Haus im Feuerbacher Weg 46 Fragen nach wie: Wo wird Antisemitismus sichtbar? Wie erleben Jüdinnen und Juden dies und was kann dagegen unternommen werden? Die nächsten Vorträge findet am 22. April statt. Thema: „Die neue autoritäre Linke“. Für 15. September ist eine Podiumsdiskussion geplant („Tacheles reden“). Zwischen April und Oktober gibt es im Rahmen des „HeussLab“ Diskussionen und Workshops mit Jugendlichen. Außerdem eine Ausstellung mit dem Titel „Du Jude“ über alltäglichen Antisemitismus in Deutschland sowie Themenführungen über Theodor Heuss und das Judentum“. Das Haus der Geschichte in der Konrad-Adenauer-Straße 8 behandelt das Thema bis 13. September im Rahmen seiner Dauerausstellung. Mehr Infos gibt es unter: www.theodor-heuss-haus.de/immernoch und www.hdgbw.de/anti-anti-2-0. red