Sebastian Haffner: „Abschied“ Verliebte Höllenfahrt
Ein bisher unveröffentlichter Roman des großen Nazi-Erklärers der alten Bundesrepublik, Sebastian Haffner – das klingt nach einer Sensation. Oder etwa nicht?
Ein bisher unveröffentlichter Roman des großen Nazi-Erklärers der alten Bundesrepublik, Sebastian Haffner – das klingt nach einer Sensation. Oder etwa nicht?
Aus diesem Schreibtisch kam schon einmal ein kleines Wunder zum Vorschein. In einem Geheimfach des Möbels, an dem der Publizist Sebastian Haffner Standardwerke wie „Anmerkungen zu Hitler“ oder „Preußen ohne Legende“ geschrieben hat, fand sein Sohn ein bisher unveröffentlichtes Manuskript. Es stammte aus dem Jahr 1939 und konservierte in gestochen klarer Prosa die Atmosphäre einer Zeit, in der sich die alltäglichen Höhenflüge und Enttäuschungen im aufgeweckten Erleben eines jungen Mannes mit den schleichenden Veränderungen des sich ankündigenden Zivilisationsbruchs überlagern.
Unter dem Titel „Geschichte eines Deutschen“ wurde es 2000, anderthalb Jahre nach Haffners Tod, veröffentlicht - und zu einer Sensation. Die Mischung aus scharfsinniger Beobachtung und emotionalem Erleben, Essay und Erzählung, behauptet seitdem ihren Rang neben den großen Zeitzeugenberichten von Viktor Klemperer oder Marcel Reich-Ranicki.
Man lernt darin die in Wien geborene Teddy kennen, in die sich der junge Berliner Rechtsreferendar mit musischen Neigungen leidenschaftlich verliebt. Doch die nicht nur von ihm Umschwärmte zieht es nach Paris, woran Lebenshunger, aber wohl auch das Unbehagen an einem Land, in dem die NSDAP gerade zur zweitstärksten Partei geworden ist, ihren Anteil haben. Und hier kommt nun wieder der Schreibtisch ins Spiel, denn in einer weiteren seiner Schubladen ruhte noch ein zweites unveröffentlichtes Manuskript.
Lange haben die Nachkommen gezögert, damit rauszurücken. Jetzt ist es erschienen, ein kurzer Roman mit dem Titel „Abschied“, der im Wesentlichen die letzten Stunden zum Gegenstand hat, die ein bis über beide Ohren verliebter Berliner bei seiner in Paris lebenden Angebeteten verbringt, bevor er wieder zurück muss in den tristen Alltag seiner Rechtsgeschäfte. Ihr Name ist Teddy, der seine Raimund Pretzel. So hieß der Autor, bis er sich später im englischen Exil das Pseudonym Sebastian Haffner zulegte, um seine in Deutschland gebliebenen Verwandten vor nationalsozialistischer Verfolgung zu schützen.
Große Erwartungen also auf allen Seiten: auf der des jungen Liebhabers im Roman, und auf der der Nachwelt, die darauf hofft, hier könnte der früheren Schreibtischentdeckung eine zweite folgen. Doch erst einmal will dieser Paris-Besuch, den der 24-jährige Raimund Pretzel binnen weniger Wochen Ende 1932 zu Papier gebracht hat, bewältigt sein.
So sehr dem Verzweifelten die verbleibende Zeit bei der Geliebten zwischen den Fingern zerrinnt, so lange kann sie sich für den Leser ziehen. In der Pariser Absteige, in der Raimund wohnt, kommt ein Häuflein Bohèmiens zusammen, die alle in einer losen, gleichwohl eifersuchtsiftenden Verbindung zu Teddy stehen. Darunter ist der schöne Franz aus Süddeutschland, dem bei einer Trunkenheitstour seine Hosen abhanden kamen, und der aus Ärger nun am liebsten mit einem Flammenwerfer den nächsten Krieg gegen den Erbfeind vom Zaun brechen würde. Ein Engländer namens Andrews, fällt vor allem mit seiner Eigenschaft auf, zur Begrüßung Hände zu zerdrücken. Ein gewisser Horrwitz hat es wohl auch auf Teddy abgesehen, die sich zwischen Studium, Nachtleben, Gelderwerb und Liebhaberbeschwichtigung aufzehrt.
Ihr Besuch aus Berlin vertreibt sich die Zeit zwischen kulturellen und subkulturellen Stadterkundungen, Verstimmtheiten und Glückseuphorien mit exzessivem Gitane-Rouge-Rauchen, Lesen und Erinnerungen an zurückliegende gemeinsame glückliche Tage. Manches Atmosphärische hat sich im jugendlichen Ungestüm der Mitschrift realer Ereignisse frisch erhalten: das Auf und Ab eines erregten Herzens, die „seltsam blutige Lustigkeit“ französischer Straßensänger, ein vielstimmiges, internationales Paris, dem erst noch bevorstand, wovon jener Hosenlose Deutsche in seinem Zorn deliriert. Je näher der Abschied rückt, desto mehr verwandelt sich die Stadt in eine Unterwelt, in der sich Orpheus-und-Eurydike-haftes abspielt, untermalt von dem „infernalischen Orchester“ des unterirdischen Metrogetöses.
Doch so viel sich hier andeutet, sowohl über den weiteren Verlauf der Geschichte wie die Kunst ihrer Darstellung – ein guter Roman wird daraus nicht. Vieles ist noch unscharf und noch mehr überzeichnet. So die nervtötend tändelnden Nein-Doch-Nein-Doch-Dialoge, deren verspielt pedantische Wiedergabe zuweilen mehr nach Kanzlei klingt, als es dem entlaufenen Juristen, der mit einer Schriftstellerkarriere liebäugelt, recht sein kann. Es wirkt, als wären Tagebuchaufzeichnungen belletristisch im Stil der Zeit aufgebürstet worden. Um die vielversprechenden Ansätze zu entfalten, hätte es statt archivalischen Respekts wohl des beherzten Eingriffs eines Lektors bedurft.
So entwickeln sich die Zeiterfahrungen des Lesers und des Ich-Erzählers immer weiter auseinander – bis man ihn schließlich erleichtert auf dem „Massengrab des Abschieds“ des Gare du Nord seinem Schicksal überlässt.
Statt einer Sensation hat die Schreibtischschublade dieses Mal eher Bonus-Material zum Werk und Leben des großen Nationalsozialismus-Erklärers der alten Bundesrepublik ans Licht gebracht. In diesem Kontext gewinnt der Roman einen Wert – aus eigner literarischer Kraft kann er ihn nicht entfalten.
Sebastian Haffner: Abschied. Roman. Hanser Verlag. 192 Seiten, 24 Euro.
Autor
Sebastian Haffner, geboren 1907 in Berlin, studierte Rechtswissenschaften. Doch den Beruf des Juristen im Nationalsozialismus konnte er mit seinem Gewissen nicht vereinbaren. Er arbeitete als Journalist und emigrierte 1938 nach England, wo er unter anderem seine erst postum veröffentlichte „Geschichte eines Deutschen“ verfasste. 1954 kehrte er zurück und wurde mit Werken wie „Anmerkungen zu Hitler“ ein zentraler Publizist der Bonner Republik. Er starb 1999.