Rote Sitzkissen liegen im Kreis. Bevor sich Emma hinsetzt, greift sie sich eine Murmel von einem Tuch auf dem Boden. Sie lässt sie in der Hand kreisen. Das beruhigt. Sie fühlt sich gestresst, ihre S-Bahn kam zu spät. Das wird die 18-Jährige gleich erzählen, wenn sie nacheinander berichten, wie es ihnen geht und was in der Woche gut geklappt hat. Das machen sie immer zu Beginn ihrer Gruppensitzungen.
Einmal die Woche trifft sich die Gruppe, die von den systemischen Therapeutinnen Dagmar Preiß und Kristin Komischke angeleitet wird, im Stuttgarter Mädchengesundheitsladen, um über Themen zu sprechen, die Mädchen und junge Frauen mit einer Essstörung bewegen. Einsamkeit gehört dazu, eigene und öffentliche Körperbilder, aber auch die Kommunikation mit Angehörigen in Bezug auf die Essstörung. Um letzteres soll es heute gehen. Normalerweise sind sie zu sechst, diesmal sind wegen des externen Besuchs drei Teilnehmerinnen dabei: Emma, Klara und Leonie.
„Du bist doch so dünn – wo ist Dein Problem?“
Was sind Situationen, die die Jugendlichen als schwierig empfinden? Dagmar Preiß verteilt Zettel. Die jungen Frauen besprechen sich zunächst unter sich. Nach zehn Minuten tragen sie ihr Ergebnis vor: Familienfeiern sind besonders belastend. Aber auch das ganz normale Abendessen zuhause kann es sein. Besonders, wenn Sätze kommen, die sie nicht mehr hören wollen: „Iss doch einfach“, haben sie auf einen Zettel notiert, außerdem: „Stell Dich nicht so an.“ Sätze, die verletzen und von wenig Empathie zeugen.
Klara würde zu Familienfeiern am liebsten gar nicht mehr hinfahren. Sie berichtet von ihrer Großmutter, die sich auf die Krankheit ihrer Enkelin überhaupt nicht einlassen und die generell schlecht mit psychischen Erkrankungen umgehen könne. „Du bist doch so dünn – wo ist Dein Problem“, habe ihre Oma mal zu ihr gesagt. Das hat Klara getroffen. Dabei weiß sie: Ihre Oma meint das nicht einmal böse. „Sie versteht es einfach nicht“, sagt die 17-Jährige. Gar nicht hilfreich für ihr eigenes fragiles Verhältnis zum Essen war auch der Kommentar einer Tante an Weihnachten, als Klara sich vom Kuchen nahm: „Du hast doch eine Essstörung, warum isst Du Kuchen?“ Das erste, was eine andere Verwandte von ihr zudem wissen wollte, als sie von ihrer Magersucht erfuhr: „Wie viel wiegst Du?“ Leonie, die eigentlich anders heißt, erzählt wenig später, dass ihr schon eine Kilozahl an den Kopf geworfen worden ist: „Du wiegst bestimmt 45 Kilo!“. Derart niedrige Kilozahlen verstärken die Essstörung.
Die Therapeutinnen ermutigen, Grenzen zu ziehen
Die Schülerin sagt aber auch, dass sie in der Familie inzwischen weniger abwertende Kommentare zu hören bekomme als früher. Ihre Eltern bemühten sich, seit sie um die Magersucht ihrer Tochter wüssten. Kommentare kämen eher von anderen: dass sie anders aussehen würde als früher, dass sie dünner geworden sei. Und es komme eben vor, dass ihr Gewicht geschätzt werde. „Das finde ich immer sehr unangenehm“, sagt Leonie. Zudem hat sie das Gefühl, dass gerade auf ihren Teller immer ganz genau geguckt wird. Das machten auch ihre Eltern, aber nicht nur sie. Ihr missfällt, beim Essen beobachtet zu werden. Ob Emma so etwas auch schon erlebt habe, fragt Dagmar Preiß. Die 18-Jährige nickt. Sie kennt diese Art der Musterung ebenfalls gut: „Dass man kontrolliert, was ich esse.“ Bei ihr habe es zugenommen, seit klar ist, dass sie eine Essstörung hat.
Die beiden Therapeutinnen interessiert, welche Strategien die jungen Frauen in solchen Situationen anwenden. Was funktioniere? „Vermeidung funktioniert immer gut“, meint Emma. Diese Strategie scheinen auch die anderen anzuwenden. Und Ablenkung. Wenn Klaras Oma sie mal wieder vor den Kopf stößt, versuche sie, das Thema zu wechseln. Das sei auch die Strategie ihrer Mutter, wenn die mal etwas mitbekomme. Es bringe nichts, mit der Großmutter zu reden. Und sie wolle auch nicht, dass diese sich schlecht fühlt. Das sei bei ihr immer so, bei allen, die sie kenne. Sie konfrontiere die anderen nicht, sage nicht, wenn sie etwas verletze. „Dann geht es ja zwei Personen schlecht, da ist es besser, wenn es nur mir schlecht geht.“
Dagmar Preiß versucht, den Mädchen klar zu machen, dass man durchaus eine Grenze ziehen und auf diese aufmerksam machen kann nach dem Motto „Stopp, so nicht“. Wenn man nicht wolle, müsse man auch nicht noch weitergehen und aussprechen, dass man verletzt sei. Da bestehe ein Unterschied. Auch Kristin Komischke ermutigt, die eigenen Grenzen deutlich zu machen. Davor müssen einem diese natürlich bewusst sein. Es sei bei Essstörungen ein wichtiges Gefühl, die eigene Grenze wahrzunehmen.
Auch die unsichere Weltlage befördert Essstörungen
Dass sich Mädchen sehr zurücknehmen und ihre Interessen hintanstellen, kennt Dagmar Preiß auch aus früheren Gruppen, berichtet sie auf Nachfrage in einem späteren Gespräch. „Sie trauen sich nicht, Grenzen zu ziehen“ und hätten dies auch nicht gelernt. Das Gruppenangebot für Mädchen gibt es im Gesundheitsladen, dessen Geschäftsführerin Dagmar Preiß ist, bereits seit 25 Jahren. Vor allem in der Pandemie sei die Nachfrage enorm gestiegen. Das passt zu der bundesweiten Entwicklung. Essstörungen haben Studien zufolge in der Pandemie zugenommen – das gilt gerade für Mädchen und junge Frauen. Das eigene Essen zu kontrollieren half offenbar in einer Phase, in dem wichtige Strukturen und Gewissheiten wegbrachen. „Dann schaffen sich die Menschen eigene Strukturen“, erklärt Preiß. Und gerade Magersucht habe etwas sehr Strukturierendes.
Doch nun sind die Schulen schon lange wieder offen – und die Zahl der von einer Essstörung Betroffenen geht dennoch nicht merklich, sondern nur leicht zurück. Laut dem DAK-Kinder- und Jugendreport 2023 Gesundheitsreport erhielten 2022 immer noch mehr als doppelt so viele jugendliche Mädchen die Diagnose einer Essstörung wie 2019. „Wir bewegen uns auf einem Plateau“, sagt dazu Dagmar Preiß. Sie glaubt, dass das damit zusammenhängt, dass die Zeiten so ungewiss und wegen Krieg und Klimakrise verunsichernd sind. Natürlich können auch persönliche Krisen auslösend sein. Wenn die Eltern sich zum Beispiel trennen und ihren Konflikt über die Kinder austragen, kann das eine Rolle spielen.
Das Gefühl, nicht alleine zu sein, hilft den jungen Frauen
Was würden sich Mädchen und jungen Frauen von ihren Angehörigen wünschen? Welchen Umgang erhoffen sie sich? Darum geht es während des Gruppentreffens kurz vor Schluss der Runde. Da müssen die drei nicht lange überlegen: Verständnis, Einfühlungsvermögen und „mehr Empathie“ lauten ihre Wünsche. Dass es eben nicht mehr dazu komme, dass die Essstörung in großer Runde vor der versammelten Familie ausgebreitet wird. Wenn man keine Essstörung habe, könne man sich zwar nicht vorstellen, wie sich das anfühlt, aber man könne es doch wenigstens versuchen, sich zu bessern, findet Klara. Leonie pflichtet ihr bei. Auch ihr würde zumindest der Versuch helfen, sich einzufühlen und das eigene Verhalten zu ändern. Alle sind sie froh, diese Gruppe zu haben, die ihnen Rückhalt gibt, auch wenn sie nur ein Baustein ist auf ihrem jeweiligen Weg. Sie kannten sich vor wenigen Wochen noch nicht und sind sich inzwischen doch so vertraut. Das Gefühl helfe: „Ich bin nicht alleine damit“, sagt Klara.
Neue Gruppe startet im Juni
Gruppe
Die angeleitete Gruppe für Mädchen und junge Frauen im Mädchengesundheitsladen mit einer Essstörung richtet sich an 16- bis etwa 23-jährige Betroffene. Die Gruppe wird in Kooperation mit der Anlaufstelle bei Essstörungen (Abas) angeboten. Sie soll dem Austausch mit anderen dienen, begleiten, motivationsfördernd wirken und Anregungen für Veränderungen bieten. Die nächste neue Gruppe startet am 10. Juni. Weitere Informationen gibt es unter Telefon 0711/30 56 85 20 oder unter info@maedchengesundheitsladen.de.
Sprechstunden
Bei Abas findet man weitere Hilfe, wenn man an einer Essstörung leidet, darunter Anorexie (Magersucht), Bulimie (Ess-Brechsucht), Binge-Eating-Störung (Essanfälle), Adipositas (Esssucht) oder auch an einer atypischen Essstörung. Neben Einzel- und Gruppenangeboten werden auch niedrigschwellige offene Sprechstunden angeboten. Die für Jugendliche finden montags, die für Erwachsene und Angehörige donnerstags – jeweils von 15 bis 16.30 Uhr. Weitere Informationen gibt es hier: https://www.abas-stuttgart.de/offene-angebote.