Kathrin Werner, Michaela Rothermel und Fadi Deschamps Arétouyap Ndah (von links) haben von der Kontaktstelle profitiert und werden sie vermissen. Foto: Pauline Ruprecht
Ob Ladenübernahme, Selbstständigkeit oder Mentoring – drei Frauen berichten, wie die Ludwigsburger Kontaktstelle ihr Leben geprägt hat. Jetzt wird das Angebot gestrichen.
Pauline Ruprecht
23.09.2025 - 06:00 Uhr
Nach dreißig Jahren „Frau und Beruf“ schließt die Kontaktstelle, weil die Stadt Ludwigsburg die Förderung einstellt. Was das Angebot geleistet hat und wie wichtig Unterstützung und Netzwerke sind, zeigen die Berichte von drei betroffenen Frauen.
Michaela Rothermel, 44 Jahre, Eigentümerin des Kunstmarkts Boss
„Ich glaube, dass Frauen in so einem geschützten Raum offener und mutiger sind“ – Michaela Rothermel. Foto: Pauline Ruprecht
„Eines Tages habe ich in der Stuttgarter Zeitung gelesen, dass das Ludwigsburger Bastelgeschäft schließen muss, wenn sich keine Nachfolge findet. Das hat mich beschäftigt. Eine Stadt sollte nicht nur aus großen Ketten bestehen und unpersönlich werden. Es ist wichtig, dass es echte Begegnungsorte gibt. Und es ist wichtig, dass wir unseren Kindern die Möglichkeit geben, etwas selber zu machen, kreativ zu sein und sich gemeinsam an etwas zu erfreuen, anstatt einfach nur zu konsumieren.
Hauptberuflich arbeite ich als Finanzleiterin. Es war natürlich eine große Herausforderung, den Laden zu übernehmen, aber eigentlich hat mich alles, was ich bisher gemacht habe, darauf vorbereitet. Dazu habe ich Unterstützung von „Frau und Beruf“ bekommen, die mir Mut gemacht haben und mich an viele weitere Anlaufstellen weitergeleitet haben.
Ich glaube, dass Frauen in so einem geschützten Raum offener und mutiger sind. Ich komme aus einer männerdominierten Arbeitswelt. Männer sind halt oft lauter und überzeugter von sich selbst. Vielen Frauen fällt es leichter, selbstsicher aufzutreten, wenn sie unter sich sind. So ein Raum bereitet auf eine Geschäftswelt vor, in der man auch hart sein und sich durchkämpfen muss.“
„Ich glaube, viele Frauen haben dieses Imposter-Syndrom – das Gefühl, nicht ausreichend qualifiziert zu sein“ – Kathrin Werner. Foto: Pauline Ruprecht
„Ich habe Biologie studiert und nach mehreren Stationen zuletzt für Abgeordnete des Landtags gearbeitet. Damals habe ich begonnen, auf Veranstaltungen live mitzuzeichnen – das nennt man Graphic Recording. 2021 ist dann der Abgeordnete, für den ich damals arbeitete, nicht mehr angetreten. Und damit war ich erstmal arbeitslos. Schließlich habe ich beschlossen, mich mit dem Graphic Recording selbstständig zu machen.
Das war während Corona. Plötzlich waren zwei Kinder zu Hause und mein Mann war von morgens bis abends bei der Arbeit. Da habe ich mich schon ein bisschen alleinerziehend gefühlt. Und gleichzeitig habe ich auch noch das Business aufgebaut.
„Frau und Beruf“ hatte zu der Zeit ein Programmangebot namens „She gets visible“. Das sollte frischen Selbstständigen helfen, sichtbar zu werden. Dort habe ich viel gelernt. Besonders toll an dem Programm war auch, andere kennenzulernen, die ähnliche Probleme hatten. Als Frau hat man oft das Gefühl, man müsse alles perfekt machen. Ich habe nicht Grafik oder Kunst studiert und das hat mich manchmal verunsichert. Ich glaube, viele Frauen haben dieses Imposter-Syndrom – das Gefühl, nicht ausreichend qualifiziert zu sein. Und als Selbstständige musst du dich selbst organisieren, bist nicht abgesichert und arbeitest meistens alleine.
Bei „Frau und Beruf“ habe ich andere Frauen getroffen, mich ausgetauscht und wir konnten uns gegenseitig unterstützen. So ein Netzwerk ist total wertvoll. Deswegen habe ich auch die Demo für „Frau und Beruf“ organisiert. Leider waren wir im Ergebnis nicht erfolgreich, aber für mich war es trotzdem ein starkes Gefühl, dass wir alle zusammenhalten.“
Fadi Deschamps Arétouyap Ndah, 49 Jahre, Gründerin von „Chez Fadi“
„Ich hatte mich nie als Vorbild für andere Frauen gesehen. Aber dann ist Frau und Beruf auf mich zugekommen“, Fadi Deschamps Arétouyap Ndah. Foto: Pauline Ruprecht
„In der Coronazeit hatte ich plötzlich so viel Zeit. Und ich wusste nicht, wohin damit. Deswegen habe ich angefangen, über die westafrikanische Küche zu bloggen, Soßen zu verkaufen und habe ein Kochbuch geschrieben. Außerdem biete ich heute Kochkurse und -workshops an. Das alles war nicht geplant, es passierte eher zufällig.
„Chez Fadi“ heißt „Bei Fadi“. Essen ist für mich eine Art, mich für eine bessere Welt einzusetzen und Menschen zusammenzubringen. Viele sind fremdenfeindlich, weil sie den anderen nicht kennen. Kochen vereint. Die Leute kommen zusammen, werden neugierig und möchten dann mehr über Afrika lernen. Ich bin in Kamerun geboren und 1997 nach Deutschland gekommen, um zu studieren. Nach dem Studium der Elektrotechnik bin ich geblieben. Aktuell arbeite ich in Ludwigsburg als Ingenieurin – „Chez Fadi“ mache ich nebenher.
Ich hatte mich nie als Vorbild für andere Frauen gesehen. Aber dann ist „Frau und Beruf“ auf mich zugekommen und meinte, ich könne als Mentorin Frauen mit Migrationshintergrund helfen und Mut geben. Ich weiß, wie wichtig es ist, richtige Leute um sich herum zu haben, Hilfe anzubieten und auch Hilfe anzunehmen. Du brauchst ein Netzwerk von Menschen – an Frauen – um dich herum, die sich gegenseitig abfangen und dich stark machen.“
Das sagt der Oberbürgermeister
Schließung Am 9. Juli hat der Ausschuss für Bildung und Soziales der Stadt Ludwigsburg entschieden, dass kein Förderantrag beim Ministerium für Wirtschaft und Arbeit gestellt wird. Dadurch entfallen mehr als 60 Prozent der vorgesehenen Finanzierung – das Projekt ist für die Stadt somit nicht mehr tragbar.
Knecht Die Schließung sei bedauerlich, weil die Kontaktstelle über viele Jahrzehnte wertvolle Arbeit geleistet hat, sagt Oberbürgermeister Matthias Knecht. Es sei schmerzhaft, dass diese spezialisierte Beratung im Bereich Gleichstellung künftig entfällt. Gleichzeitig sei die Entscheidung vertretbar, da es sich nicht um eine gesetzliche Pflichtaufgabe handelt. Angesichts der finanziellen Lage müsse die Stadt ihre Mittel auf Kernaufgaben konzentrieren. Eine Auffanglösung könne nur auf Landesebene entwickelt werden, so Knecht.