Als freie Journalistin schreibt unsere Autorin über viele Themen. Nicht jede:r findet, dass sie das darf. Wie sie damit umgeht, verrät sie im neuen Teil unserer Serie.
Als freie Journalistin taucht man in die unterschiedlichsten Themenbereiche ein. Ich habe Interviews mit Kindern und Bürgermeister:innen geführt, mit Promis, Familien, Theaterregisseur:innen, Bandmitgliedern, Senior:innen, Ernährungswissenschaftler:innen und Krankenpfleger:innen. Die Liste ist lang und wäre noch viel länger.
Diese Vielfalt an Menschen und Geschichten, die mir in meinem Alltag als freiberufliche Journalistin begegnet, ist für mich einer der größten Vorteile der Selbstständigkeit. Fast wie ein Backstage-Pass fürs echte Leben. Ich habe gesehen, wie es an einem Filmset zugeht, wie die Weinlese funktioniert, war in einem Altersheim für Kühe und habe mit einem Pathologen über seine Arbeit gesprochen.
Und doch gibt es zwischen all diesen spannenden Einblicken immer mal wieder Momente, in denen mir aus verschiedensten Gründen meine Kompetenz abgesprochen wird. Von einem davon würde ich euch gerne erzählen.
Reise durchs Ruhrgebiet – und umgeben von Kunst-Nerds
Worüber ich gerne und oft schreibe, ist Kunst. Ich besuche Museen, Ausstellungen, Galerien, spreche mit den Kurator:innen und Veranstalter:innen und gebe deren Wissen weiter. Allerdings ist der Kunstbereich im Journalismus ein bisschen speziell. Denn, und das durfte ich schon in einigen Momenten feststellen, hier gibt es tatsächlich einige Expert:innen unter meinen Schreibkolleg:innen, die auf einem ganz und gar anderen Level arbeiten.
Unvergessen an dieser Stelle auch eine Kunst-Pressereise durch das Ruhrgebiet, auf der ich zwei Tage lang, umgeben von Kunst-Nerds, alle möglichen Museen abklapperte und dabei versuchte, nicht aufzufallen, während mit Namen, Jahreszahlen und Kunstepochen um sich geschmissen wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.
Umwege sind nicht weniger wert
Während also viele Kunst-Journalist:innen studiert haben und seit vielen Jahren in dem Bereich arbeiten, bin ich eher über Umwege dort hineingerutscht. Normalerweise ist das aber kein Problem. Doch vor etwa einem Jahr hatte ich einen Termin in einer Galerie, um dort über eine neue Ausstellung zu berichten. Ich vereinbarte also ein Gespräch mit der Galeristin, erschien pünktlich und fühlte mich kurz darauf wie in einer Mischung aus Bewerbungsgespräch und Verhör.
Offenbar hatte sich die Galeristin über meinen Lebenslauf schlau gemacht und schnell herausgefunden, dass ich „nur“ Journalismus und keine Kunst studiert hatte. Mein Pech. Denn anstatt mich, wie sonst bei solchen Terminen, durch die Ausstellung zu führen und meine Fragen zu beantworten, drehte sie den Spieß um und fragte mich aus. Ob ich wüsste, zu welcher Gruppe der Künstler gehört hätte, ob ich die Richtung benennen könnte, ob mir dieser und jener Name etwas sagen würde.
Und ich bin ehrlich: Ein paar davon konnte ich beantworten, aber längst nicht alle. Auf jeden Fall nicht genug, um in ihren Augen den Test bestehen zu können. Und dann sagte sie etwas, was ich vermutlich nie vergessen werde. Achtung, ich zitiere: „Kunst ist nicht für jeden was, Schätzchen. Aber das macht nichts: Man steckt ja auch keinen Bauarbeiter in die Oper.“
Überschätze ich mich? Reicht mein Wissen aus?
Ich musste erstmal blinzeln, war vollkommen perplex. Zwei, drei Sekunden vergingen, während ich ihre Aussage verarbeitete, dann wurde ich sauer. Ganz ehrlich: Am liebsten hätte ich in diesem Moment die Galerie verlassen. Da ich dort aber immer noch beruflich unterwegs war und schlecht vor meiner Chefin rechtfertigen konnte, mit knallenden Türen aus der Galerie zu stürmen, blieb ich ruhig und fragte, ob sie mit ihren Fragen fertig sei und mir meine endlich beantworten könnte. Hat sie dann auch. Ich schrieb den Artikel und notierte mir innerlich, diese Galerie in Zukunft auszuklammern, wenn’s um meine Themenfindung geht.
Trotzdem hat mich der Besuch lange beschäftigt und eine Zeit lang verunsichert. So sehr ich mich über ihre herablassende Art ärgerte, ließ mich die Frage nicht los: Überschätze ich mich? Reicht mein Wissen aus? Darf ich wirklich über alles schreiben, was mich interessiert? Aber Zweifel gehören dazu. Auch das ist Teil der Selbstständigkeit.
Kunstepochen auswendig lernen? Ohne mich!
Heute sehe ich das nüchterner. Vielleicht macht es meine Entscheidung, mich nicht auf ein einziges Thema festzulegen, schwerer, als Expertin abgestempelt zu werden. Aber will ich überhaupt abgestempelt werden? Kunst-Epochen auswendig zu können war ja nie mein Ziel. Dafür kann ich zuhören, einordnen, erzählen und wenn am Ende ein Text entsteht, den man gerne liest, dann habe ich meinen Job gut gemacht.
Ach ja, außerdem: Wer bestimmt eigentlich, wer in die Oper gehört – und wer nicht? Die Liebe zu Arien steht schließlich in keinem Lebenslauf. Und vielleicht sitzen dort mehr Bauarbeiter:innen im Publikum, als man denkt.