Selbstversuch in Leonberg Das Hindernis ist nur ein paar Zentimeter hoch und gleicht doch einem Berg

Im Rollstuhl oder mit Sehbeeinträchtigung: Am Montag konnte unser Redakteur Marius Venturini wichtige Erfahrungen sammeln. Foto: Simon Granville

Sich im Rollstuhl oder fast blind fortzubewegen, ist eine Herausforderung. Diese Erfahrung konnten Menschen vor dem Leonberger Rathaus machen. Der Hintergrund: ein gesamtgesellschaftlicher.

Leonberg: Marius Venturini (mv)

Am liebsten würde man sich mit beiden Händen an das eine Rad klammern und mit aller Kraft drehen. Nur, damit es sich ein kleines bisschen nach vorne bewegt und so das wenige Zentimeter hohe Hindernis überwindet. Augenblicke später soll es eine nicht eben hohe Holzrampe hinaufgehen. Ohne Hilfe keine Chance. Und die Auffahrt zur Wippe klappe auch erst im zweiten Versuch und mit einer Menge Anlauf. Und da wären auch noch die Finger, die man sich gefühlt ständig irgendwo einklemmt. Und überhaupt: In welche Richtung muss man drehen, damit der Rollstuhl nach rechts, links, vorne oder hinten fährt?

 

Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung

Wer – wie der Verfasser dieses Textes – noch nie in seinem Leben in einem Rollstuhl gesessen ist, für den tun sich an diesem Montagvormittag ganz neue Erkenntnisse auf. Pünktlich zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung haben die Stadt Leonberg und der Verein Atrio auf dem Belforter Platz vor dem Rathaus einen Parcours aufgebaut. Das Motto in Leonberg lautet „Barrieren verstehen – Inklusion erleben“.

Der Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK) bekräftigt zu diesem Anlass die akute Notwendigkeit von Inklusion. „Wer Barrierefreiheit auf später verschiebt, verweigert heute Teilhabe“, betonte dessen Bundesvorsitzende Verena Gotzes dieser Tage. Und wer meine, in schwierigen Zeiten sei Inklusion nachrangig, dem fehle es an sozialer Verantwortung – oder schlicht an Menschlichkeit.

„Wir wollen, dass Menschen ohne Behinderung ein Gefühl für die Hindernisse bekommen“, sagt Anja Winkler vom Verein Atrio. Sie ist zudem Quartierskoordinatorin für Eltingen und Ramtel – somit weiß sie genau, welche Themen es dabei auch im Alltag gibt. Auch Wiebke Hebold steh Rede und Antwort. Die Integrationsbeauftragte der Stadt betont: „Inklusion sollte nie als Extraaufwand gesehen, sondern ganz automatisch mitgedacht werden.“

Als erste dran: Elke Staubach lässt sich die Erfahrung nicht nehmen. Foto: Marius Venturini

Auch Kristian Zweigert aus Weil der Stadt ist mit vors Rathaus gekommen. Der 33-Jährige sitzt selbst im Rollstuhl und weiß, wo im Alltag die Tücken liegen. „In Weil der Stadt sind gerade beide Aufzüge am Bahnhof kaputt“, berichtet er, „da bin ich aufgeschmissen.“ In diesem Fall müsse er mit dem Bus fahren – und sich auch vom ein oder anderen Busfahrer unpassende Kommentare anhören. „Da werde ich gefragt, warum ich denn gerade mit ihnen fahre“, sagt Zweigert und schüttelt den Kopf. Achtlos abgestellte E-Scooter oder überraschend verriegelte Behindertentoiletten sind weitere gravierende Hindernisse.

Auch eine spezielle Brille sorgt für besondere Erfahrung

Doch an diesem Tag geht es nicht nur ums Rollstuhlfahren. Mittels spezieller Brillen kann auch eine Sehbeeinträchtigung simuliert werden. Und in der Tat: Das Gestell auf der Nase, verschwimmt die Umgebung – als versuchte man, durch einen Wasserfall hindurch zu blicken. Wiebke Hebold bietet sich als fachkundige Führerin an und gibt Stichworte. Sie weist auf das sogenannte „Bodenleitsystem“ auf dem Belforter Platz hin, an dem sich blinde oder sehbeeinträchtigte Menschen orientieren können: schwarze Bodenplatten, in die Rillen eingelassen sind, und die sich vom ansonsten sehr hellen Untergrund abheben. Eine Richtungsänderung wird mit mehreren quadratischen Platten angezeigt, aus denen Noppen herausragen. Tückisch wird es jedoch im Eingangsbereich des Rathauses. Die Glastür ist durch den Schleier hindurch kaum wahrzunehmen.

Es ist eine auf vielen Ebenen bereichernde Erfahrung, die einige Anwesende ganz unterschiedlichen Alters an diesem Montagvormittag und -mittag machen – ganz kostenlos, versteht sich. Die frühere CDU-Stadträtin Elke Staubach ist gar die erste, die im Rollstuhl Platz nimmt. Nach ihrer Runde durch den Parcours stellt sie fest: „Für heute habe ich meinen Sport gehabt.“ Ihr folgender Vorschlag entbehrt nicht einer gewissen Wahrheit: „Man hätte das Angebot auf dem Marktplatz aufbauen können.“ Mit dem dortigen Kopfsteinpflaster wäre es noch eindrücklicher gewesen.

Stadt plant Inklusionssprechstunde einmal pro Monat

„So gut wie jeder und jede ist im Alltag irgendwann einmal eingeschränkt“, führt Wiebke Hebold weiter aus, „sei es mit einem Kinderwagen oder mit einem gebrochenen Bein.“ Es gehe hier nicht nur um eine kleine Randgruppe, für die man eine Extraleistung erbringen müsse. Sie kündigt überdies an, dass die Stadt Leonberg im Juni eine Inklusionssprechstunde einführen werde. Diese solle einmal im Monat jeweils montags um 14 Uhr stattfinden. Details werde man noch bekanntgeben.

Der Bundesverband

Aufgabe
Der Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK) unterstützt Menschen mit körperlichen Behinderungen in vielen Lebensbereichen. Viele bezeichnen ihn als „Gewerkschaft für Rollifahrer“. Ein Hauptziel ist laut eigener Beschreibung „Teilhabe und Inklusion“. Aus diesem Grund mache man sich für die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen in Deutschland stark.

Online
zu finden ist der BSK auf www.bsk-ev.org.

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