Stuttgart - Sie hat, wie man es so schön sagt, ihrem Mann den Rücken freigehalten. Sie war seine Mutti, Kellnerin, Putzkraft und Assistentin – und wenn er sich im Applaus sonnte, hat sie sich in Bescheidenheit geübt. Wann ist ein Leben gelungen? Wenn man die Karriere des Mannes aufopferungsvoll gefördert hat und dafür im Luxus leben durfte? Als Charlotte ins Rentenalter kommt, ist sie plötzlich nicht mehr so sicher, ob es richtig war, sich für den Gatten, einen Stardirigenten, aufzuopfern. Wie aber weiterleben mit einem eitlen Künstler, der immer nur um sich selbst kreist?
Sie hat mit so ziemlich allen Stars gespielt
„An seiner Seite“ nennt sich der nachdenkliche und sehenswerte Film, den das ZDF zum Geburtstag von Senta Berger zeigt. Sie spielt die hadernde Charlotte in dem gut besetzten, auch schauspielerisch überzeugenden Drama mit Peter Simonischek als Dirigent und Thomas Thieme in der Rolle eines Witwers, der Charlotte bewusst macht, dass Paare auch anders miteinander alt werden können.
Die „Monroe Wiens“
Biografisch ist die Rolle von Senta Berger sicher nicht. Sie ist nicht nur seit mehr als fünfzig Jahren mit dem Filmregisseur Michael Verhoeven verheiratet. Senta Berger hat als Schauspielerin selbst Karriere gemacht – und war als eine der wenigen deutschsprachigen Filmdarstellerinnen und -darsteller sogar in Hollywood erfolgreich. Sie spielte mit so ziemlich allen, die Rang und Namen hatten: Dean Martin und Kirk Douglas, John Wayne und Frank Sinatra, Yul Brynner und Charlton Heston. „Die Monroe Wiens“ wurde sie deshalb auch genannt.
Senta Berger ist von der Schauspielschule geflogen
Am 13. Mai feiert die gebürtige Wienerin nun ihren achtzigsten Geburtstag – und hat ein Stück Film- und Fernsehgeschichte mitgeschrieben, auch wenn sie eigentlich am Theater angefangen hat. Sie flog vom berühmten Max-Reinhardt-Seminar, weil sie eine Filmrolle angenommen hatte, ohne den Herrn Direktor um Erlaubnis zu fragen. Geschadet hat es ihr nicht. Nach einer Station am Theater in der Josefstadt in Wien klopfte die Filmwelt schon bald an. Deshalb hätte Senta Berger eigentlich mehr verdient als nur eine zwanzigminütige Dokumentation, die das ZDF ebenfalls in Auftrag gegeben hat. Analog zum Spielfilm „An seiner Seite“ nennt sich die Doku „An ihrer Seite – Weltstar Senta Berger“, in der wenige Kollegen lobend zu Wort kommen und Senta Berger unter anderem erzählt, wie Corona sie und ihren Mann im vergangenen Jahr erwischt hat.
„Deutsches Fräuleinwunder“ in Hollywood
Ernst, solide und seriös wirkt Senta Berger im Gespräch – so, wie man sie aus vielen Filmen der jüngerer Zeit kennt, in denen sie meist Figuren spielte, die ruhig und besonnen, fast ein wenig kontrolliert sind. Es ist Bergers besondere, zögerliche Art zu sprechen, die die Rollen prägt, die Stimme, die fast ganz auf melodische Pirouetten verzichtet. Ein jüngeres Publikum wird sich kaum noch vorstellen können, dass sie als kleines Mädchen übermütig in Wiener Wirtshäusern auftrat oder dass man in ihr in Hollywood zunächst nur die Sexbombe sah, die den Typus des „deutschen Fräuleinwunders“ verkörpern sollte. Manche Kollegin spielt auch im Alter noch die Erotikkarte aus, Senta Berger präsentiert sich lieber als bescheidener Familienmensch.
Frühe Berichte von sexuellen Übergriffen
Deutlicher als andere berichtete sie dagegen von sexuellen Übergriffen in der Branche – ob durch O. W. Fischer, Charlton Heston oder Kirk Douglas. In ihrer Autobiografie „Ich habe ja gewusst, dass ich fliegen kann“ hat sie schon vor vielen Jahren angesprochen, was erst jetzt in der öffentlichen Debatte Fahrt aufgenommen hat. Sie bot den Kollegen schon als junge Frau Paroli. Einer in der Branche war anders – Michael Verhoeven. Als sie sich kennenlernten und es schon „knisterte“, wie sie erzählt, sollte er ihren Liebhaber spielen – war aber so aufgeregt, dass er alles drangegeben habe, um die Kussszene mit ihr abzuwenden.
Sendetermin
„An seiner Seite“ läuft am Montag, 10. Mai, um 20.15 Uhr im ZDF. Die Dokumentation „An ihrer Seite – Weltstar Senta Berger“ ist in der ZDF-Mediathek abrufbar.