Serie: Amerikanische Mythen In der grünen Hölle von Vietnam

Kinobilder einer verrohenden USA: Willem Dafoe, Charlie Sheen und Tom Berenger in „Platoon Foto: imago/Everett Collection/Orion

Die Jugend der USA zieht in einen brutalen Krieg und wird von Politikern und Zivilgesellschaft verraten: Diese Sicht des Vietnamdebakels prägt die USA bis heute.

Stuttgart - Als amerikanischer Soldat brauchte man eine komplexe Transportkette, um im Vietnamkrieg anzukommen: Züge, Busse, Schiffe, Flugzeuge, Hubschrauber, Lastwagen. Als Zivilist genügte das Einschalten des Fernsehapparats, um mittendrin zu sein. Dieser Krieg war der erste, den die mobilen Schulterkameras der TV-Teams fast in Echtzeit in die Wohnzimmer brachten. So, wie das US-Militär nicht vorbereitet war auf jene Art Krieg, den es in Südostasien führen musste, war ganz Amerika nicht vorbereitet auf die Bilder davon.

 

Kameras lügen nicht. Sie sind sind aber auch unfähig, die Wahrheit zu sagen. Sie liefern eine stets fragwürdige Vorauswahl an Bildern, und die kann man nicht einfach anschauen. Man interpretiert sie, ob man will oder nicht. Was in den sechziger und siebziger Jahren in den Nachrichten der großen Networks zu sehen war, entfaltete eine Eigendynamik, die kein Kommentar auf der Tonspur einfangen konnte.

Posen der Männlichkeit

Da waren die Dschungellandschaften, in denen die Kameras nie einen klaren Blick gewinnen konnten. Die ländlichen Gegenden, die nicht erklärten, wie von diesen fernen Reisfeldern eine Gefahr für Amerika ausgehen sollte, egal, wer sie kontrollierte. Da waren die Zivilisten in Stadt und Land, die Amerikas Jugend angeblich vor dem Kommunismus schützen sollte. Und sie sahen haargenau so aus wie die gefangenen oder getöteten Vietcong, wie jene anderen Südvietnamesen, die alles daransetzten, die Amerikaner aus ihrem Land zu bekommen.

Eine fortschreitende Veränderung war in den Bildern von US-Soldaten nicht ausblendbar. Man sah Erschöpfte und Ausgebrannte, Verschreckte und Verwundete. Und man sah die anderen, die Übermütigen und Posierenden. In einem „guten Krieg“, wie es der Zweite Weltkrieg aus Sicht des ganzen Landes gewesen war, hätte man das als Zeichen von Siegesgewissheit, Mut, Wertefestigkeit genommen. Weil aus Vietnam aber schockierende Nachrichten kamen von Gräueltaten, von spontanen Massakern an Zivilisten und kühl geplanten Aktionen mit enormen Kollateralschäden, sah ein Teil der Bürger diese Bilder ganz anders. Er fragte sich, ob diese Zuversicht eines All-American Boys bereits Wahnsinn war, ob die Pose der Männlichkeit die Vorfreude eines Killers auf wahlloses Schlachten ausdrückte. Amerika spaltete sich über Sinn und Notwendigkeit dieses Kriegs, über der Interpretation der Bilder, über der Art der Proteste und der Härte der Gegenreaktionen.

Erschütternde Kinobilder

Das große politische und militärische Debakel hat unterschiedliche Mythen für unterschiedliche Gruppen hervorgebracht. Da ist der Mythos von Vietnam als grüner Hölle, vom Krieg als Sumpf ohne Weg und Pfad. Amerikas Jugend wird da in eine sinnfreie Schule der Unmenschlichkeit gestoßen, aus der sie verroht, verkrüppelt, drogenkrank, trauma- und schuldbeladen – oder gleich im Leichensack – zurückkehrt.

Das US-Kino hat diesen Mythos in große und kleine, in erschütternde und immer wieder auch mal fragwürdige Bilder gebracht. In Michael Ciminos „The Deer Hunter“ (1978), Francis Ford Coppolas „Apocalypse now“, Oliver Stones „Platoon“ (1986) oder Stanley Kubricks „Full Metal Jacket“ (1987) sieht man die Höllenvariante: die Militäraktion ein nicht gewinnbarer Wahnsinn, die Zerstörungskraft des Militärs stärker nach innen gerichtet als nach außen.

Zwischen Mond und Dschungel

Diese Filme vermitteln jene Schizophrenie, die das Land in den Sechzigern packte: hie das Mondlandungsprogramm als Beweis amerikanischer Zielstrebigkeit und einer Kraft, selbst das Unmögliche möglich zu machen, dort ein regionaler Krieg, der zum Generator von Orientierungslosigkeit und Werteverlust wird.

Dem Mythos der Linken steht einer der Rechten entgegen: von tapferen Soldaten, im Felde unbesiegt, die an der Heimatfront verraten wurden von Politikern und einer aufweichenden Zivilgesellschaft. Auch dieses Weltbild wird vom Kino bedient, von George P. Cosmatos’ „Rambo II“ (1985) etwa. Gern wird in diesen Filmen von US-Veteranen erzählt, die zurückkehren, um noch immer gefangen gehaltene Kameraden zu befreien. Der von politischen Fesseln befreite Amerikaner ist da alleine schlagkräftiger als die einst von Politikern behinderte Armee.

Die Literatur der Veteranen

Auch die Literatur zeigt die Spaltung der Wahrnehmung und Erinnerung. Allmählich ist eine Flut von Veteranenmemoiren erschienen, die einen professionell geführten, eigentlich gewinnbaren Krieg schildern und offen oder implizit eine Fälschung der historischen Realität durch die Medien anprangern. Denen stehen die Erinnerungsbücher und Romane von Veteranen entgegen, die von der Selbstvergiftung der USA in einem militärischen, politischen und moralischen Schlamassel erzählen: „Meditations in Green“ von Stephen Wright, „In Pharao’s Army“ von Tobias Wolff und „Matterhorn“ von Karl Malantes etwa.

Dass diese Bücher einen wichtigen Teil der US-Literatur ausmachen, ist in Deutschland kaum zur Kenntnis genommen worden. Die einen hatten ihr negatives Amerikabild durch Napalmattacken und Entlaubungsgifteinsatz endgültig beieinander, die anderen wollten nicht an die Schmach der westlichen Führungsmacht erinnert werden. Und die Dritten, Friedensverwöhnten, fanden das Erzählen vom Krieg eh vulgär und unangenehm.

Legende vom Heiligen Gral

Wie tief verwundet die USA durch den Vietnamkrieg waren, ist so nicht überall begriffen worden. Dabei könnte man das Krankheitsgefühl der Supermacht sogar mit einem europäischen Mythos beschreiben, der Legende vom Heiligen Gral. Die USA sind jener mächtige König, der von einer Kriegsverletzung nicht genesen kann und dessen junge Ritter nun draußen in der Welt nach einem Wundergefäß suchen, das Heilung bringen kann.

Amerikas Linker schwebte vor, ein Abschied von geostrategischem Machtkalkül werde Heilung bringen, Amerikas Rechte suchte nach dem guten Krieg für die nächste Generation, der die USA in aller Macht wiedererstehen lassen sollte. Mittlerweile aber ist die Lage komplizierter. Die Ultrarechte verurteilt militärische Engagements im Ausland und will die alte Isolationspolitik, die Liberalen kämpfen für die Weltpolizistenrolle. Mythen sind oft übersichtlicher als die Wirklichkeit.

Die „Stars & Stripes“ -Serie

Lesen Sie hier:

Folge 1 Offenkundige Bestimmung

Folge 2 Die Lüge von Pocahontas

Folge 3 Custers letzter Kampf

Folge 4 Die große Gefahr aus Mexiko

Folge 5 Onkel Tom und Onkel Remus

Folge 6 Die Helden des Weltkriegs

Folge 7 Der Griff nach den Sternen

Folge 8 In der grünen Hölle von Vietnam

Kommende Abschlussfolge

9/11
● Von der Ohnmacht und Wut eines Riesen und angeblichen Lügengespinsten

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