Stadtkind Stuttgart

InterviewSexcoach aus Stuttgart „Hätten wir mehr Sex, wären einige Probleme gelöst“

Von Lea Weinmann 

Gleitgel gehört zu ihrem Berufsalltag genauso wie lange Telefonate und soziale Analysen. Sexcoach Claudia Huber hat mit uns im Interview offen über guten Sex und die aktuelle #metoo-Debatte gesprochen. Ein paar Tipps hat sie uns auch verraten...

Claudia Hubers Botschaft: Leute, habt Mut, euch mit eurer Sexualität zu beschäftigen! Foto: Lea Weinmann
Claudia Hubers Botschaft: "Leute, habt Mut, euch mit eurer Sexualität zu beschäftigen!" Foto: Lea Weinmann

Stuttgart - Claudia Huber (31) bezeichnet sich selbst als Sextrainerin, Sexcoach und Mentorin für selbstbestimmte Sexualität. Die studierte Psychologin aus Untertürkheim hält nicht viel von Tabus. So ungeschminkt und natürlich wie sie selbst auftritt geht sie auch mit dem Thema Sexualität um, über das viele weiterhin lieber den Mantel des Schweigens legen.

Du hast vor kurzem auf Facebook deine Freunde gefragt, wie man Silikongleitgel von glatten Oberflächen entfernen kann. Ist dir gar nichts peinlich?

Das war für mich ein ganz praktischer Alltagsrat, den ich haben wollte. Natürlich sind mir Dinge peinlich, aber das nicht.

Zu deinem Berufsalltag gehören Einzel- und Paarcoachings, viele am Telefon oder per Online-Beratung. Aber du gibst auch Workshops. Wie muss man sich das vorstellen?

Es gibt natürlich auch solche Workshops, von denen man vielleicht schon gehört hat: Wenn Frauen im Kreis auf einem Spiegel sitzen und onanieren. Am Anfang denkt man so: Nein, ich werde mich niemals ausziehen, aber dann tut man es einfach und dann ist es irgendwie ganz normal. Aber nicht alle Workshops, die ich gebe, sind so. Bei vielen ist man angezogen.

Ein bisschen skurril ist das schon…

Manchmal ist es einfach lustig, wenn ich dasitze und beobachte, was meine ganzen Schützlinge tun. Wenn der ganze Raum stöhnt und keucht und seufzt und ich denke nur: Boah, mein Kreuz bricht ab, ich möchte jetzt einen Kaffee. Ich merke daran, wie normal das mit der Zeit für mich geworden ist.

Fasst du die Leute auch selbst an, um Hilfestellung zu geben?

Nicht oft. Ich habe Techniken entwickelt, bei denen man auch über das Gespräch sehr viel erreichen kann. Es hilft trotzdem manchmal, wenn man Hilfestellung hat. Da muss man nicht immer nackt sein, das geht auch angezogen. Wenn beispielsweise jemand Übergriffe erlebt hat, helfen Berührungen dabei, den eigenen Körper zurückzugewinnen. Aber von mir aus muss sich niemand ausziehen. Ich bin ja kein sexueller Dienstleister, sondern jemand, der sexuelles Lernen forciert.

Was sind das für Menschen, die dich um Hilfe bitten?

Meistens sind das tatsächlich Menschen, die einen höheren Bildungsstand haben und Leute, die sich sowieso mit ihrer Sexualität schon beschäftigt haben, weil sie nicht funktioniert. Frauen ab 40 denken sich oft: Das soll mein Sexleben gewesen sein? Männer kommen aber auch, meistens, wenn ihre Frauen Probleme haben und sie versuchen, Hilfe zu holen. Das ist total liebenswert. Oder es kontaktieren mich Männer, die noch Jungfrauen sind – ich rede von Männern 30 plus. Die sind extrem verunsichert.

Du hast erst Psychologie studiert, warst erst in der Marktforschung, dann im Personalwesen tätig. Wann hast du gedacht: Hey, wie wäre es eigentlich mit Sexcoach?

Das war ganz lustig. 2009 hat ein Kumpel eine Doku über Sexcoaches im Fernsehen gesehen und gesagt: „Das bist genau du!“. Ich habe das lachend abgetan. In der psychologischen Beratung habe ich dann festgestellt, dass mindestens ein Drittel der Leute, die ich da betreut habe, ein Problem mit ihrer Sexualität hatten. Dazu kam meine eigene Geschichte. Irgendwann habe ich dann beschlossen: Mach es doch einfach!

Du sprichst von deiner eigenen Geschichte. Als Kind wurdest du von einem Verwandten sexuell missbraucht.

Was damals emotional passiert ist, war viel schlimmer als die Sache selbst. Ich war ungefähr sechs Jahre alt. Zu dem Zeitpunkt weiß man, dass das nicht okay ist, wenn dich jemand in der Initimregion anfasst, aber man kann es nicht einordnen. Vor allen Dingen nicht, wenn es jemand ist, der dir Schutz geben sollte. Von meinen Eltern wurde ich nicht richtig aufgefangen. Solche Übergriffe enden sehr schnell in der Einsamkeit oder Isolation, wenn nicht von außen, dann von innen - durch Depression, Aggression oder Essstörungen. Es ist Arbeit, da wieder rauszukommen. Ich habe erst mit 23 Jahren eine Therapie gemacht, war dann aber auch schnell fertig, weil es für mich wohl nicht so traumatisierend war wie für andere.

Du hast also so einiges hinter dir. Warum setzt du dich dann noch beruflich mit Sexualität auseinander?

Ich mache das, weil es mir Spaß macht. Und, mein Gott, unsere Gesellschaft weiß so wenig darüber. Meine Botschaft ist deswegen: Leute, habt Mut, euch mit eurer Sexualität zu beschäftigen! Ihr seid verspielte Lebewesen – warum presst ihr euch in moralische Korsetts?

Warum brauchen wir überhaupt Leute wie dich?

Weil uns unsere Eltern uns nicht beibringen, wie man Sex hat. Wir alle können Sex, aber guten Sex musst du lernen. Unsere Gesellschaft geht mit Sexualität überhaupt nicht offen um. Man sieht zwar immer Texte á la „Wie kann ich den besseren Blowjob geben?“, aber viele Menschen sind bei dem Thema völlig depersonalisiert. Es geht nicht nur darum, was ich beim Sex mache, sondern darum, wie es mir dabei geht. Darauf kriegen wir keine guten Antworten und das ist das Schlimme. Man braucht Leute wie mich, die nicht von Mumus und Pipis reden und die damit umgehen können, dass Menschen Scham empfinden. Solange wir die Maßstäbe an Filmen und Pornos festmachen, werden wir nie guten Sex haben.

Hat die breite Verfügbarkeit von Pornografie das Problem verschlimmert?

Gott sei Dank gibt es zur Pornografie eine Alternativ-Bewegung, die bewusste Sexualität lebt. Ich will Pornografie auch nicht komplett verteufeln, aber man muss gewissenhaft damit umgehen. Pornos stimulieren nur optisch, seinen Körper fühlt man dabei nicht. Das Gehirn schüttet irgendwann nicht mehr so viel Dopamin aus, deswegen schaut man immer krassere Pornos an, es kommt zu einer Suchtspirale. Dazu kommt das schwierige Männer- und Frauenbild. Das unterstützt nicht gerade das, was wir im Rahmen der #metoo-Debatte aktuell eigentlich erreichen wollen.

Bleiben wir bei der #metoo-Debatte. Haben wir immer noch ein großes Problem mit Sexismus?

Es ist auf jeden Fall vorhanden. Männer und Frauen werden unterschiedlich kommentiert: Als Frau bekommst du oft Komplimente über dein Aussehen, als Mann vor allen Dingen über deine Leistungen. Für sein Aussehen kann man nichts, Komplimente darüber sind manchmal seltsam. Aber Sexismus ist auch keine Einbahnstraße, wir tun das Männern auch an. Wenn man sagt, Frauen könnten Mathe nicht, sagt man im gleichen Atemzug, alle Männer müssen Mathe können. Wir brauchen deswegen keine Frauenbewegung, sondern eine Menschlichkeitsbewegung. Wir sollten mehr nach Fähigkeiten, Wünschen und Bedürfnissen kommentieren, nicht nach Geschlecht. Aber die Diskussion, die wir im Moment haben, wird dafür auf der völlig falschen Plattform geführt. Dass es aktuell wieder nur heißt, „Männer sind scheiße“, bringt uns kein Stück weiter.

Laut einer Studie der TU Braunschweig vom Sommer 2017 geht jeder fünfte Deutsche in einer festen Beziehung fremd. Ist Monogamie überholt?

Deswegen werden ja auch so viele Ehen geschieden. Ich behaupte auch, dass die Befragten nicht alle ehrlich geantwortet haben. Wer wird denn schon angeben, dass er fremdgeht? Wenn man sich mit 20 Jahren kennenlernt und heiratet, wie wahrscheinlich ist es, dass man nie jemand anderen haben will? Man kann sich bewusst für eine monogame Lebensweise entscheiden, dann finde ich das eine super legitime Sache, richtig gut. Und es ist genauso gut zu sagen, wenn ich ehrlich bin, will ich so nicht leben. Wenn ich mir anschaue, wie Paare sich teilweise zerfleischen, weil die Lustbedürfnisse unterschiedlich sind… Wir stecken in diesem Treuemuster fest und oft leiden beide darunter.

Die Studie sagt außerdem, dass in der sexuell aktivsten Gruppe (25 bis 29 Jahre) Männer 60 Mal pro Jahr Sex haben, Frauen 47 Mal. Das ist ungefähr ein- bis zweimal in der Woche. Mit zunehmendem Alter nimmt das noch ab. Haben die Deutschen einfach zu wenig Sex?

Um sexuelle Zufriedenheit zu erreichen, ist einmal in der Woche ein guter Schnitt. Mehr macht es nicht besser, weniger macht es schlechter. Was viel und was wenig ist, das muss aber letztlich jeder für sich selbst entscheiden. Aber Sex ist an sich viel effizienter als eine anstrengende Entspannungsmethode – so ein Orgasmus wirkt Wunder! Ich glaube, wenn wir mehr Sex hätten, und weniger Zeit zu konsumieren, hätten wir schon viele Probleme gelöst.

Was sagen eigentlich deine Eltern zu dem Beruf?

Sie akzeptieren es. Meine Mutter ist da relativ offen, mein Vater ignoriert das auch häufig. Für die bin ich in erster Linie die Psychologin und mache halt auch das Sexualthema. Aber es wird nicht groß darüber diskutiert.

Was sind deine drei Sextipps für jedermann?

Erstens: Lerne dich erst einmal gut selbst kennen - nicht nur Penis und Vagina, sondern alles. Wenn wir jede Fettzelle mit Namen benennen können, sollten wir auch jeder Sexzelle einen Namen geben können. Zweitens: Nicht immer mit einer Erwartungshaltung an alles rangehen, sondern mit Spaß und Neugierde. Und wenn es einem nicht gefällt, probiert man es nochmal. Es muss nicht immer von Anfang an perfekt sein. Und der letzte Tipp: Nicht alles so persönlich und ernst nehmen. Lieber darüber reden, anstatt jemandem die Schuld zu geben, wenn man mal keinen Orgasmus hatte. Seid lockerer, entspannter! Sex macht so viel Spaß.




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eine alte Machtstruktur, die weiß, was Sexualität ist: Ja, es wäre schön, wenn wir die uns von der Mutter Natur gegebenen Schätze -wozu auch die Sexualität gehört- leben dürften. Es gibt da aber eine ganz alte Machtstruktur, die über dem Leben steht, über Gut und Böse herrscht und uns sagt, wo es lang geht und was richtig ist und was falsch. Und somit bleiben wir auf der Strecke......

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