Hier hat Shincheonji eine Niederlassung eingerichtet. Die Abkürzung „DZGEV“ steht für „Deutschland Zion Gemeinde e.V.“ – Shincheonji firmiert auch in ihrem Impressum unter dieser Bezeichnung. Foto: STZN/Sascha Maier
Seit kurzem unterhält die oft als Sekte bezeichnete Glaubensgemeinschaft Shincheonji in Weilimdorf eigene Räume. Erstmals spricht sie selbst über ihre Pläne.
Es ist wahrlich keine Ecke, in die es viele Menschen aus Zufall verschlägt. Hier, am Rande des Industriegebiets in Stuttgart-Weilimdorf, stehen in einer Erdgeschosswohnung Puppen in den Fenstern und starren Passanten an. Manche sagen, das sei aber nicht das Gruseligste.
Ein Stückchen weiter in einem mehrstöckigen, ziemlich heruntergekommen Bürobau hat die christliche Glaubensgemeinschaft Shincheonji aus Südkorea klammheimlich eine Niederlassung eingerichtet. Viele Experten bezeichneten die Bewegung in der Vergangenheit als Sekte, wobei der Begriff in der kirchlichen Weltanschauungsarbeit nicht mehr so gebräuchlich ist.
Stattdessen ist dort inzwischen häufiger von einer „konfliktträchtigen christlichen Sondergemeinschaft“ die Rede. Die vom Kultusministerium geförderte Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen, ZEBRA-BW und die Evangelische Landeskirche blicken jedenfalls mit großer Sorge auf die Gruppe, die in Stuttgart immer mehr Fuß fasst.
Anhänger von Shincheonji tragen weiße Hemden und schwarze Hosen. Die gelben Krawatten stehen für den Frankfurter Standort Simonstamm, zu dem auch Stuttgart gehört. Foto: privat
„Was Shincheonji von vergleichbaren Bewegungen unterscheidet, ist die Methodik“, sagt Philipp Kohler von der Fach- und Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelische Landeskirche Baden-Württemberg. Shincheonji versuche mit Tarnangeboten besonders junge Menschen, häufig Studierende zu ködern. Das geschehe etwa über harmlos klingenden Bibelkurse, „die Organisation dahinter offenbart sich häufig erst Monate später.“ Aussteiger berichteten laut den Kirchenverbänden, von Shincheonji massiv unter Druck gesetzt worden zu sein.
Tarnname von Shincheonji am Klingeschild in Weilimdorf
Mangelnde Geheimniskrämerei kann man dem neureliösen Kult anhand des Bürogebäudes in Weilimdorf nicht vorwerfen. Hier gibt es fast nichts, was darauf hinweist, dass hier Nachwuchs rekrutiert und für die Mission ausgebildet wird. Viele Räume stehen leer. In manchen, die von außen einsehbar sind, ragen Kabel aus den Wänden.
Es ist lediglich ein kleines Klingelschild von wenigen überhaupt beschrifteten, das ausweist, dass hier eine umstrittene Auslegung der Bibel gelehrt wird. In ausgebleichten, handgeschriebenen Großbuchstaben ist hier die Abkürzung „DZGEV“ schmucklos mit einem Klebestreifen angebracht.
„DZGEV“ ist laut Kohler eine Abkürzung für Deutschland Zion Gemeinde e.V. – ein häufiger verwendeter Tarnname von Shincheonji. Auch im Impressum von Shincheonchi Frankfurt, von wo aus die Aktionen in Stuttgart koordiniert werden, findet sich der Name des Vereins. „Wir sind überzeugt, dass hier Neulinge durch Bibelkurse angeworben und für die Rekrutierung weiterer Mitglieder ausgebildet werden“, sagt Kohler.
Shincheonji äußert sich erstmals selbst
Dabei hat Shincheonji in Stuttgart längst Großes vor. Konfrontiert mit den Expansionsplänen hat der neureligiöse Kult in Frankfurt erstmals überhaupt mit einem Medium gesprochen – und präsentiert sich selbstbewusst.
„Wir sind seit einem knappen Jahr in den Räumlichkeiten in Stuttgart“, sagt ein Sprecher. Dort würde Shincheonji sowohl Büros zwecks Organisatorischem unterhalten als auch Weiter- und Fortbildungen anbieten. Da der Standort noch im Aufbau sei, würden auch die Außenbeschilderung und das schmucklose Klingelschild demnächst entsprechend repräsentativ gestaltet.
Wozu die Niederlassung vor allem dienen soll: „Wir wollen in Stuttgart Wohltätigkeitsaktionen koordinieren. Spendenaktionen für bedürftige Kinder, Müllsammelaktionen oder Kältevorsorge.“ Außerdem sei die Glaubensgemeinschaft ambitioniert, sich in Seniorenheimen zu engagieren – bei Essensausgaben oder beim Thema Blutspenden.
Kein Gemeindezentrum wie in Frankfurt
Ein „Gemeindezentrum“, wie der Sprecher die Hauptniederlassung seines Shincheonji-Stammes in Frankfurt nennt – der Name Shincheonji leitet sich aus den zwölf Stämmen in den Offenbarungen des Neuen Testaments ab –, soll demnach in Weilimdorf aber nicht entstehen
Trotzdem sei Stuttgart ein wichtiger Standort für Shincheonji. Während der Coronazeit sei bei Online-Treffen klar geworden, dass viele Anhänger in Stuttgart lebten. Auch die Evangelische Landeskirche beobachtet schon länger eine hohe Dichte von Shincheonji-Mitgliedern in Weilimdorf. Das habe den Standort laut dem Shincheonji-Sprecher naheliegend gemacht.
Auf diesem von Shincheonji zur Verfügung gestellten Bild ist das Frankfurter Gemeindezentrum zu sehen. Foto: Shincheonji
Shincheonji Frankfurt weist alle Vorwürfe der Landeskirchen entschieden zurück. Dass die Bewegung aggressiv missionieren und sich hinter Tarnangeboten verstecken würde, nennt der Sprecher als „auf Unwissenheit basierende Vorurteile“.
Auch der Begriff „Sekte“ sei nicht zutreffend. „Wir verstehen uns als intensive Bibel-Glaubensgemeinschaft. Eine Sekte impliziert Abspaltung und Irreleitung, wir aber orientieren uns strikt an den Texten der Bibel und suchen den Dialog“, so der Sprecher. Mitglieder würden außerdem nicht in die Isolation getrieben, das Gegenteil sei der Fall: „Wir motivieren alle, ein harmonisches Familienleben zu führen und beispielsweise Weihnachten mit ihrer Familie zu verbringen.“
Auf christlichen Dating-Plattformen aktiv – und auf dem Unicampus
Die Evangelischen Beratungsstellen für Weltanschauungsfragen kommen nach jahrelangen Beobachtungen zu einer ganz anderen Einschätzung. Besonderes Kopfzerbrechen macht Kohler und anderen der Umstand, dass Shincheonji gezielt versuche, junge Menschen in verletzlichen Lebensphasen für sich zu gewinnen. So sei die Bewegung auch vermehrt auf christlichen Dating-Plattformen aktiv. Außerdem gibt es zahlreiche Berichte, wonach der neureligiöse Kult in Universitäten drängt.
Auch auf der Plattform Reddit werden Fälle geschildert, wie Shincheonji in Stuttgart auf dem Unicampus missioniert. Und die Erfahrungsberichte werfen kein gutes Licht auf das Auftreten der Bewegung. „Die sind dermaßen dreist und nervig. Selbst nach mehrfachem Ablehnen probieren die es weiter“, schreibt ein User in einem Thread zu Thema. Auch Tipps zum Umgang mit Shincheonji werden ausgetauscht: „Hab denen schon öfters erklären müssen, warum ich finde das ,Der Herr der Ringe’ der eindeutig bessere Fantasyroman ist.“
Shincheonji? „Noch nie gehört.“
Doch welcher Vermieter holt sich eine Gruppe mit so einem zweifelhaften Ruf freiwillig ins Haus? Eine Immobilienfirma aus Frankfurt verwaltet laut Handelsregister nicht nur das Objekt, in dem sich Shincheonji in Frankfurt niedergelassen hat. Der Name der Firma taucht auch bei den Räumlichkeiten in Stuttgart auf.
Dort nachgefragt, bestätigt die Geschäftsführung zwar, an beiden Standorten an den Verein Deutschland Zion Gemeinde zu vermieten. „Das Mietverhältnis ist unauffällig und es liegen uns keinerlei Beschwerden vor“, heißt es dort. Es gebe keine Hinweise auf „illegale oder moralisch fragwürdige Aktivitäten“ des Mieters, eine Verbindung zu Shincheonji sei nicht bekannt.
Hinweise auf über die Mietverhältnisse hinausreichende Beziehungen zwischen der Immobilienfirma und der Shincheonji-Bewegung gibt es Recherchen unserer Zeitung nach nicht. Auch Oliver Koch von der Beratungsstelle für Sekten- und Weltanschauungsfragen in Frankfurt, der als einer der profiliertesten Shincheonji-Experten in Deutschland gilt, sind keine weiteren Verbindungen bekannt. Allerdings wundert ihn nicht, dass der Immobilienfirma nicht aufgefallen ist, wen sie sich da ins Haus geholt hat: „Shincheonji versteckt sich hinter zahlreichen Tarnorganisationen.“
Gut besuchte Shincheonji-Veranstaltung Foto: Shincheonji
In unmittelbarer Nachbarschaft zu dem Gebäude in Weilimdorf, in dem es nur wenige Wohnhäuser gibt, kriegt bislang ohnehin kaum jemand mit, was sich hinter dem Klingelschild abspielt. Eine junge Frau vor Ort zieht nur die Augenbrauen hoch, als sie hört, dass hier in der Nähe eine Art Sekte verborgen halten soll. Shincheonji? „Noch nie gehört.“
Oswaldkirche vor Ort „sensibilisiert“
Ganz in der Nähe ragt ein Kirchturm über die Dächer des Örtchens am Stuttgarter Stadtrand. Er gehört zur evangelischen Oswaldkirche. Laut Pfarrer André Bohnet macht Shincheonji, anders als etwa in der Königstraße in Stuttgart, wo laut Landeskirchen aggressiv missioniert wird, um den Kirchturm in Weilimdorf herum wenig Wirbel.
„Von einzelnen Mitgliedern meiner Kirchengemeinde wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass Shincheonji in unmittelbarer Nähe zur Oswaldkirche eine Art Standort eröffnet hat“, sagt er. Anwerbeversuche rund um seine Kirche seien ihm jedoch nicht bekannt. Dennoch sagt Bohnet: „Ich bin sehr sensibilisiert, was Shincheonji betrifft.“
Der „Bote der Endzeit“ als zentrale Figur
Die Evangelische Landeskirche schätzt, dass Shincheonji in Stuttgart 40 bis 70 Mitglieder zählt. Philipp Kohler beobachtet ein „moderates Wachstum“, während vergleichbare Organisationen eher stagnieren würden. Seit 2016 versuche die Gruppe sich hier auszubreiten.
Shincheonji zählt nach eigenen Angaben weltweit 270 000 Mitglieder, Experten schätzen, dass davon 1000 bis 1300 in Deutschland aktiv sind. Laut Shincheonji verzeichnet die umstrittene Glaubensgemeinschaft in Deutschland ein jährliches Wachstum von 27 Prozent. Ihr Gründer Oberhaupt ist der Südkoreaner Lee Man-hee, der als ein bereits in der Bibel verheißener Pastor, als „Bote der Endzeit“ angesehen wird. In seinen Lehren ist von einem „neuen Jerusalem“ die Rede, einem Ort, der exklusiv für Anhänger von Shincheonji reserviert sei.
Der Frankfurter Stamm, zu dem auch die Dependance in Stuttgart gehört, wird dem Stamm Simon zugerechnet. Jeder Stamm soll nach biblischem Vorbild 12 000 Mitglieder gewinnen. Ein ambitioniertes Ziel, dem Shincheonji mit dem neuen Standort in Stuttgart einen Schritt näher gekommen sein dürfte.