Sicherheit in Stuttgart Studie bringt überraschendes Ergebnis
Eine Studie hat erhoben, wie es um das Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger bestellt ist. Wo fühlen sie sich wohl – wo muss etwas geschehen?
Eine Studie hat erhoben, wie es um das Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger bestellt ist. Wo fühlen sie sich wohl – wo muss etwas geschehen?
Nicht erst seit der Krawallnacht geht es in der Landeshauptstadt wieder und wieder um die Frage: Wie sicher fühlen sich die Bürgerinnen und Bürger in ihrer Stadt? Glaubt man manchen Alarmisten, dann traut sich bald kein Mensch mehr vor die Tür. Der Schlossplatz nach Einbruch der Dunkelheit wurde schon als „No-go-Area“ abqualifiziert, ein Bereich, den man meiden müsse, da man sonst gefährlich lebe. Wer widersprach, der wurde stets abgebügelt mit dem Argument, man habe ja die nicht gefragt, die sich nicht mehr in die Stadt trauen.
Das ist nun geschehen: In einer Sicherheitsstudie wurden Stuttgarterinnen und Stuttgarter im vergangenen Winter angeschrieben. Es kam heraus, dass die Werte etwa auf dem Niveau von deutlich kleineren Städten im Bundesland liegen. Das stufen sowohl die Wissenschaftler hinter der Studie als auch der Ordnungsbürgermeister Clemens Maier (Freie Wähler) als positiv ein – die Kriminologen wissen, dass mit einem höheren Grad der Urbanisierung auch die Kriminalitätsfurcht steigt. Und das in einer Zeit, in der die Menschen sich aufgrund globaler Krisen eher unsicher fühlten. Die weltpolitische Lage – wie etwa der Ukraine-Krieg – verschlechtere bei solchen Studien das Ergebnis, sagt Maier.
Das bemerkenswerteste Ergebnis: Die Befragten, die die Innenstadt als besonders unsicher empfinden, haben angegeben, dass sie dort gar nicht sind. „Tendenziell sinkt die Kriminalitätsfurcht mit steigender Aufenthaltsdauer: Sie ist am niedrigsten bei Personen, die ein paar Mal pro Woche oder häufiger in der Innenstadt sind und am höchsten bei Personen, die lediglich ein paar Mal pro Jahr oder noch seltener in der Innenstadt sind“, erläutern Dieter Hermann und Egon Wachter vom Institut für Kriminologie an der Universität Heidelberg, die die Studie wissenschaftlich begleitet haben. Sie kommen zu dem Schluss, dass ein „Informationsdefizit zur Sicherheitslage in der Innenstadt“ bestehe.
Das ist für den Stuttgarter Ordnungsbürgermeister Clemens Maier eine spannende Erkenntnis: „Das bedeutet, dass eine Präventionsmaßnahme, die man kennt, das Sicherheitsempfinden erhöht“, sagt er. Diesen Eindruck habe die Stadtverwaltung auch schon bei einer Umfrage in der Stadt zur Einführung der Waffenverbotszone gehabt. „Wir haben gefragt, was die Leute davon halten. Wer darüber etwas wusste, fühlte sich dadurch sicherer“, fasst Maier zusammen. Die Angst, die durch ein Informationsdefizit entstehe, sei „nicht gerechtfertigt“. Und: Wer die Innenstadt kenne, fühle sich nicht so unsicher.
Aber nicht nur bei der City verhält es sich so: Interessanterweise haben Menschen aus Bad Cannstatt angegeben, sie würden sich im Leonhardsviertel unwohl fühlen – unter anderem wegen des dort florierenden Drogenhandels. Andersrum nennen Menschen aus anderen Stadtteilen Bad Cannstatt und Zuffenhausen als Bezirke, in denen sie sich nicht wohlfühlen. Die Studie erhob allein das Sicherheitsgefühl und gibt keine Auskunft über die tatsächliche Kriminalitätsbelastung. Denn die Innenstadt ist nach wie vor ein Bereich, der für die Polizei als besonders belastet gilt – hier tragen sich auch die meisten Delikte zu, die zur Einführung des Messerverbots führten. Mit der Frage nach der Verlängerung dieses Verbots muss sich der Gemeinderat demnächst befassen. Unlängst hat der Polizeipräsident Markus Eisenbraun im Gremium aktuelle Erkenntnisse der Polizei vorgestellt. Demnach ist es weiterhin so, dass Messer bei Gewalttaten vor allem im Ausgehbezirk Innenstadt eine große Rolle spielen. Der Ordnungsbürgermeister weiß auch, dass viele die Studie anders lesen als er: Rund 85 Prozent der Befragten fühlen sich nicht unwohl, das ist die positive Lesart „Aber jeder siebte fühlt sich unsicher, diese Lesart ist die umgekehrte Botschaft. Und das wird der Stadt nicht gerecht“, sagt er.
Eine Aussage in der Studie ist auch dem Bürgermeister ins Auge gesprungen: „Wir sollen die Präsenz der Sicherheitskräfte erhöhen in den Stadtteilen“, das sei mehrfach so formuliert worden. Wie und was genau umzusetzen sei, das werde man bald entscheiden. Demnächst werde sich der Verwaltungsausschuss des Gemeinderates mit der Studie tiefer gehend befassen. Eine wichtige Erkenntnis ist für Clemens Maier auch, dass das Unsicherheitsgefühl nicht unbedingt mit „objektiven Kriminalitätsstörungen“ korreliert. Es könne auch um ganz andere Störungen gehen. „Genannt wird oft die Sauberkeit, oder auch dunkle Ecken.“ In solchen Fällen könne man schnelle Änderungen herbeiführen: „Hier ein Gebüsch zurückschneiden, da eine bessere Beleuchtung“, mit solchen „kleinen Schritten“ sei viel getan. Auch wenn man nicht alle Vorschläge eins zu eins umsetzen werde, findet Clemens Maier es „maßgeblich, was als wirksame Maßnahmen herauskam“. Einige dieser Erkenntnisse deckten sich mit dem, was die Kommunale Kriminalprävention, eine gemeinsame Einrichtung der Stadt und der Polizei mit Sitz im Rathaus, bei Begehungen in den Stadtteilen mit unterschiedlichen Zielgruppen – mal mit älteren Bürgerinnen und Bürgern, mal mit Teenagern – herausgefunden habe.
Nach und nach würde man die Ergebnisse auch in das Sicherheitskonzept der Stadt einarbeiten, das nach der Krawallnacht erstellt worden war. Ergebnisse waren unter anderem eine bessere Beleuchtung – wie sie am Eckensee als erstes umgesetzt wurde – und die Videoüberwachung mit Liveübetragung ins Polizeipräsidium in den Nächten des Wochenendes und vor Feiertagen. Dass letztere eine gute Maßnahme war, macht der Ordnungsbürgermeister auch daran fest, dass man nichts darüber hört aus der Bevölkerung: „Da kommen keine Beschwerden.“ Zu diesem Konzept gehört auch die Belebung der Innenstadt mit Angeboten für junge Leute – mit der Zielsetzung ein durchmischtes Publikum in die City zu bringen. Denn Maier weiß auch: „Es gibt Gruppen die das Sicherheitsgefühl negativ beeinträchtigen.“ Das seien die Gruppen, die überwiegend aus jungen Männern bestehen, und am Schlossplatz abhängen.
Die Stadt wolle dranbleiben, am Sicherheitsgefühl ihrer Bürgerinnen und Bürger. Man werde ähnliche Studien nun alle zwei bis drei Jahre wiederholen.
Studie
Die Umfrage wurde im vergangenen Spätherbst an 50.000 Personen ab 14 Jahren verschickt. Die Onlinebefragung hatte einen Rücklauf von 20 Prozent. Damit gilt sie nach wissenschaftlichen Standards als repräsentativ.
Ergebnis
Die Landeshauptstadt bewegt sich beim Sicherheitsgefühl auf dem Level wesentlich kleinerer Städte in Baden-Württemberg. Das ist ein gutes Zeichen: Normalerweise steigt die Kriminalitätsfurcht mit dem höheren Maß der Urbanisierung.