Die Fotos links zeigen die frisch eingeweihte Anlage in Leonberg mit dampfendem Biomüll, die 2019 bei einem Großbrand in Schutt und Asche gelegt worden war. Foto: Geronimo Schmidt, SDMG/Dettenmeyer, StZN
Jahrelang lag die Riesen-Vergärungsanlange am Frauenkreuz bei Leonberg-Warmbronn in Schutt und Asche. Nun ist sie wieder in Betrieb – größer und leistungsfähiger als je zuvor.
Wie wichtig das Projekt für die handelnden Personen ist, zeigte sich allein am Blick auf die freien Flächen neben den Gebäuden: All die Autos fanden nur mit größter Parkdisziplin einen Abstellplatz – und wenige Meter weiter füllten mehrere Hundert Personen ein großes, beheiztes Festzelt. Die Einweihung der größten Verwertungsanlage für Bioabfälle in Baden-Württemberg am Warmbronner Frauenkreuz war eine Angelegenheit von höchster Wichtigkeit.
Denn am 11. September 2019 war die Anlage bei einem verheerenden Brand nahezu komplett zerstört worden. Es war der größte Einsatz für die Leonberger Feuerwehr seit dem Stadtbrand im Jahr 1895. Bei dem Feuer waren 330 Kräfte von Feuerwehr, Rettungsdienst, Rotem Kreuz, Technischem Hilfswerk und Polizei mehr als 106 Stunden lang bis zum Äußersten gefordert.
Die Biomüll-Anlage in Leonberg ist jetzt die größte ihrer Art in Baden-Württemberg
Nun wurde die Anlage komplett neu konzipiert und aufgebaut – und mit einer Jahreskapazität von 72 000 Tonnen ist sie jetzt die größte ihrer Art in Baden-Württemberg. Betrieben wird sie von der Bioabfallverwertung Leonberg (BVL), einem Gemeinschaftsunternehmen der Landkreise Böblingen und Esslingen. Im nächsten Jahr stößt außerdem der Landkreis Göppingen dazu, wie der BVL-Geschäftsführer Wolfgang Bagin sagte.
Der Böblinger Landrat Roland Bernhard zog den Vergleich mit dem symbolhaften Phönix, der aus der Asche emporsteigt. Auch fiel sein Blick, nicht zuletzt aufgrund der riesigen Ausmaße der Hallen auf dem Gelände der Anlage, auf die Pariser Kathedrale Notre-Dame. Das Pariser Wahrzeichen wurde ebenfalls 2019 durch ein Feuer schwer beschädigt. Die Wiederaufbaukosten indes unterscheiden sich jedoch beträchtlich.
Das Interesse an der Einweihung der Vergärungsanlage in Leonberg ist groß. Foto: Geronimo Schmidt
Etwa 54 Millionen Euro stecken in der neuen Abfallverwertungsanlage – 21 Millionen davon stammen aus der Versicherung, 4,7 Millionen aus Fördermitteln des Bundes sowie 27 Millionen aus Eigenfinanzierung. Die Restaurierung des französischen Gotteshauses schlug hingegen mit 840 Millionen Euro zu Buche.
Ein Touristenmagnet wird die Leonberger Anlage in unmittelbarer Nähe zur Autobahn gleichwohl nicht werden – was jedoch nichts an ihrer Relevanz ändert. „Diese Anlage zeigt eindrücklich, wie sich Energie- und Wertstoffpotenziale von Bioabfall ideal nutzen lassen“, sagte etwa Andre Baumann (Grüne), Staatssekretär im Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft.
Vier Wertstoffe werden in Leonberg aus dem Biomüll gewonnen
Aber was geschieht in der Anlage eigentlich genau? Aus dem Abfall werden vier Wertstoffe gewonnen.
Biomethan, also Biogas: Ein Großteil der rund 8,1 Millionen Kubikmeter Biogas wird über eine 3,3 Kilometer lange Pipeline zur Methanisierungsanlage in Sindelfingen geleitet. Dort wird es veredelt und ins Gasnetz eingespeist. Rund 2000 Haushalte können so mit „grüner Wärme“ versorgt werden.
Flüssiges CO2: Bei der Veredelung entsteht CO2, das verflüssigt wird. Davon werden jährlich etwa 5000 Tonnen an die Industrie verkauft.
Qualitätskompost: Die festen Gärreste, rund 30 000 Tonnen pro Jahr, kommen ins Kompostwerk in Kirchheim unter Teck und werden dort zu hochwertigem Kompost.
Flüssigdünger: Die etwa 22 000 Kubikmeter Presswasser aus der Gärreste-Entwässerung werden als Flüssigdünger an die Landwirtschaft verkauft.
„Im Rahmen der nationalen Klimaschutzinitiative fördern wir beispielsweise Klimaschutzmodellprojekte wie hier in Leonberg, die zeigen, wie die klimafreundliche Zukunft aussehen kann“, reihte sich Rita Schwarzelühr-Sutter, SPD, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, in die Riege der Lobenden ein.
Leonbergs Oberbürgermeister Tobias Degode hob wie seine Vorredner die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Kreisen und der Stadt Leonberg hervor. Man habe den Standort über Jahrzehnte in verschiedenen Entwicklungsstufen begleitet, auch durch die schwere Zeit nach dem Brand. „Umso mehr freuen wir uns, dass hier nun ein Hightech-Standort entstanden ist, der weit über die Region hinaus strahlt.“ Es zeige eindrucksvoll, dass interkommunale Kooperation immer wichtiger werde.
Der Baugrund war für die Planer eine echte Herausforderung
Allerdings waren Planung und Bau nicht unkompliziert, wie Ulrich Hommel, Generalplaner bei AWIPLAN aus Filderstadt, berichtete: „Der Baugrund ist eine Herausforderung, er bewegt sich pro Jahr immer noch ein paar Zentimeter nach unten.“ Die Anlage steht auf der einstigen Kreis-Erddeponie.
Mehr als 30 Ingenieur-Disziplinen seien tätig gewesen. Das Herz der Anlage bilden indes die beiden sogenannten Fermenter, in denen der Biomüll zur Vergärung lagert. Sie haben ein Volumen von je 2250 Kubikmetern – also jeweils fast das Fassungsvermögen eines olympischen Schwimmbeckens.