Siegfried-Unseld-Ausstellung Making of der Geistesgeschichte

Titan unter den Verlegern: Siegfried Unseld Foto: DLA-Marbach, www.dla-marbach.de/Mathias Michaelis

Zum Kaffee bei Hermann Hesse und ein doofes Bild von Rainald Goetz: Das Literaturmuseum der Moderne in Marbach zeichnet anlässlich des 100. Geburtstags des Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld ein sehenswertes Porträt in Briefen.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Auf die richtige Bewerbung kommt es an: „Ich bin mit Leib und Seele Verlagsbuchhändler, habe aber gegenwärtig nicht den Wirkungskreis, der mich auf die Dauer voll auszufüllen vermöchte.“ Mit diesen Zeilen bewirbt sich der 27-jährige Siegfried Unseld bei dem Verleger Peter Suhrkamp, um in „irgendeiner Form“ an dessen ein Jahr zuvor gegründeten Verlag mitarbeiten zu dürfen. Die Sache mit dem Wirkungskreis hat sich in der Folge günstig entwickelt. Peter Suhrkamp stellte den „jungen Hund“, wie er ihn später nannte, ein. Und in kurzer Zeit weitete sich der Wirkungskreis des bis dahin zwar angesehenen, doch eher kleinen Verlags auf eine Weise aus, dass darin das intellektuelle Leben einer ganzen Epoche Raum fand – das, was der Literaturphilosoph George Steiner einmal die Suhrkamp-Kultur genannt hat.

 

Und hier könnte man nun in Ehrfurcht erstarren und noch einmal alle Namen daherbeten, die in dem Verlag, dessen Leitung Siegfried Unseld 1959 nach dem Tod des Gründers und väterlichen Freundes übernahm, das kanonische Urgestein der Gegenwart bilden: Brecht, Frisch, Hesse, Beckett, Handke, Johnson, Bloch, Bernhard, viele Männer, aber auch Kaschnitz, Fleißer, Bachmann, Sachs. Doch Litaneien würden der Ausstellung nicht gerecht, die das Literaturmuseum der Moderne in Marbach anlässlich des 100. Geburtstags des Verlegertitans im September zusammengestellt hat. Denn sie erzählt die Geschichte dessen, was Siegfried Unseld mit Leib und Seele verkörperte, nicht von oben herab, aus der Perspektive des Vollendeten, sondern aus Momenten privaten Austauschs der Korrespondenz. Dank der Erfindung der Schreibmaschine und ausgesprochen leserlichen Handschriften kann man daran auch ohne philologische Spezialfertigkeiten und Transkriptionen teilhaben.

Brief Siegfried Unselds vom 22. Dezember 1948 an Hermann Hesse Foto: DLA Marbach

11000 Kästen umfasst das seit 2010 hier verwahrte Verlagsarchiv, darunter dieser Zettel: „Als ich im Sommer in Bremgarten beim Kaffee saß, erst wenig erfreut über die Störung durch Besuch, dann auf Ihren Namen hin erfreut, dachte ich nicht, das könnte etwa mein mutmaßlicher künftiger Verleger sein.“ So schreibt Hermann Hesse, er hatte Unseld gleichwohl zu dem zitierten Bewerbungsschreiben ermuntert, nachdem dieser auf seiner Hochzeitsreise das Wagnis einer Ruhestörung in Hesses Tessiner Schlupfwinkel Montagnola eingegangen war.

Unseld studierte in Tübingen, wo er im Anschluss im Verlag J. C. B. Mohr arbeitete. Er saß mit Martin Walser im selben Doktorandenkolloquium, dieser promovierte über Kafka, jener über Hesse. In einem Brief bietet er ihm das Du an: „Ich muss mich immer hüten, nicht Martin zu sagen.“ Walsers erster Roman „Ehen in Philippsburg“ landet bei Suhrkamp. Ein Satz darin spielt auf das zu dieser Zeit überaus heikle Thema einer Abtreibung an. Walser ist es mulmig, am liebsten wäre ihm, die Passage würde gestrichen. Im Briefwechsel drückt er seine Befindlichkeit so aus: „Mir ist schlecht. Ich habe das Gefühl, als hätte ich onaniert.“

Appell zur Besonnenheit

Viele Einstellungen haben sich gewandelt. Anderes ist so aktuell wie am ersten Tag – etwa die Diskussion ob Walter Benjamins Haschisch-Aufzeichnungen der „Jugend von heute“ nutzen oder schaden. Auch die Zeilen, mit denen der Verleger nach dem 11. September 2001 den Aufruf Amos Oz’ zur Besonnenheit unterstützt, haben an Dringlichkeit nichts verloren. „Verurteilen Sie nicht jeden Moslem“, hatte der israelische Autor appelliert. „Wie gut, wie richtig, das müssen wir verbreiten! Es darf jetzt nicht ein unbesonnener Vergeltungsakt kommen“, pflichtet Unseld bei. Ein Jahr später war er tot.

Der Gang durch die Ausstellung gleicht einem Making of der jüngeren Geistesgeschichte. Adorno, der den kritischen Denkstil in Nachkriegsdeutschland prägte, würdigt in charakteristischer Satzstellung Peter Suhrkamp, in dessen Verlag seine Werke erscheinen. Wie nahe der Verleger und sein Nachfolger sich standen, geht aus einem berührenden Kondolenzbrief Hans Magnus Enzensbergers hervor. Nach Suhrkamps Tod versucht Unseld ihn als Verlagspartner zu gewinnen. Vergeblich, als Autor bleibt er dem Haus verbunden – und als Herausgeber des „Kursbuchs“, bis sich der Verlag in den Siebzigerjahren wegen Enzensbergers entschiedener Linksabweichung von der Zeitschrift trennt. Unseld freundet sich unterdessen mit dem Kanzler der bewegten oder je nachdem bleiernen Zeit an. Die Bibliothek im Bungalow von Helmuth und Loki Schmidt trägt seine Handschrift.

Ingeborg Bachmann und Siegfried Unseld (um 1957). Foto: DLA Marbach/Heinz Krusmann/Krüsmann

Auf Anraten Ingeborg Bachmanns, mit der ihn seit einem gemeinsamen Stipendium an der Harvard Summer School eine Freundschaft verband, plant Unseld eine Ausgabe von Wittgensteins „Tractatus“. Man erlebt aus nächster Nähe, wie all den Säulenheiligen auf das Podest geholfen wurde. Strittig ist nur das Erscheinungsbild: „Ich habe bei jungen Damen und Herren das Foto herumgereicht, alle waren ablehnend, von ,doof’ bis ,unmöglich’.“ Rainald Goetz hatte für die Programmvorschau eine offenbar eher unvorteilhafte Aufnahme von sich eingereicht.

Möglich gemacht hat alles Bertolt Brecht. Seine Büste steht am Anfang. Mehr als die Hälfte des Umsatzes erzielte der Verlag mit dessen Werk, die nobelste Form der Quersubventionierung. Am Ende hängt das ikonische Bild, das Andy Warhol von dem Verleger gefertigt hat. Zusammen mit fotografischen Wegmarken eines Lebens mit und für Autoren ergänzt es das Porträt aus Briefen.

Als einer der vielen verlegerischen Geniestreiche leuchten die von Willy Fleckhaus zeitlos schön gestalteten Bände der Edition Suhrkamp in allen Farben des Regenbogens. Aber vielleicht war ja doch Magie im Spiel. In einem Raum steht Unselds Schreibtisch, wie ein Altar mit sonderbaren Gerätschaften bestückt, kleinen Edelsteinelefanten, Statuetten, Uhren. Dahinter hätte man auch einen Hellseher vermuten können, was der Verleger auf seine Weise ja auch war.

Schreibtisch in der Frankfurter Villa in der Klettenbergstraße Foto: DLA Marbach

Und auch das findet Platz: ein kleines Handbrevier des gebürtigen Ulmers – „Schwäbisch g’schimpft und bruddelt“. Aber dazu besteht mit dieser vom Leiter des Suhrkamp-Archivs, Jan Bürger, kuratierten Schau wirklich kein Anlass.

Invo

Ausstellung
Am 28. September jährt sich der Geburtstag des Suhrkamp-Verlegers zum 100. mal. Die Schau „Siegfried Unseld, der Verleger – Ein Porträt in Briefen“ wird am 14. Juli, 11 Uhr, im Deutschen Literaturarchiv Marbach eröffnet. Bei der bereits ausverkauften Veranstaltung werden unter anderen Ulla Unseld-Berkéwicz und der Schriftsteller Durs Grünbein sprechen.

Buch
Passend zur Ausstellung erscheint am 23. September im Suhrkamp Verlag herausgegeben von Ulrike Anders und Jan Bürger der Band „Siegfried Unseld: Hundert Briefe – Mitteilungen eines Verlegers 1947 bis 2002“.

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