Rund elf Meter über dem Boden schwebt am Wendlinger Bahnhof ein dreidimensionales knallrotes Kleid aus Polyharz, seit Kurzem dreht es sich auch. 144 Kilogramm wiegt die Skulptur der Künstlerin Anja Luithle. Flankiert wird „Die Reisende“ von zwei Stahlstützen mit je zwei Ringen.
Der Bahnhof als Dreh- und Angelpunkt des Lebens
„Ich bin selbst auch hier mal angekommen“, sagt die gebürtige Offenbacherin, die seit vielen Jahren ihr Atelier in Wendlingen hat und auch in der Stadt wohnt. Der Empfang an einem Ort müsse stimmig sein, findet sie, positive Gefühle sollten vorherrschen – auch beim Abschied. „Der Bahnhof ist ein Dreh- und Angelpunkt des Lebens. Und letztlich ist auch das Leben eine Reise von der Geburt bis zum Tod, man ist ständig in Bewegung“, sagt Luithle. Insofern sei der Standort – auch wenn sie sich zunächst nicht mit dem schneckenförmigen Aufgang der Unterführung anfreunden konnte – prädestiniert für solch eine Installation, findet sie.
Die roten Kleiderhüllen sind ein Markenzeichen der Künstlerin – die allererste hat sie bereits vor mehr als 20 Jahren für das Haus der Geschichte Baden-Württemberg in der Landeshauptstadt gefertigt. „Die Gratwanderin“ läuft auf insgesamt 16 Metern am Gebäude in der Landeshauptstadt entlang und dreht sich jeweils am Ende. Auch in Albstadt („Die Kreisläuferin“), Fellbach („Die Springerin“) und Eislingen an der Fils („Die Wegweiserin“) sind kinetische Installationen von Luithle zu finden. Allen gemeinsam ist, dass das rote Kleid nur eine Hülle ist, sich aber bewegt. „Es ist leer, aber diese Leere können wir füllen“, erklärt Luithle für die die Farbe Rot für Kraft und Energie steht. Jeder Mensch soll sich seine eigene Geschichte ausdenken, so die Künstlerin weiter: „Es ist ein immer wiederkehrender Kreislauf, in den man viel reininterpretieren kann. Das Stück, dass hier und anderswo gespielt wird, spielen wir selbst.“
Kunst im öffentlichen Raum war bislang eher ein untergeordnetes Thema
Kunst im öffentlichen Raum ist ein Thema, das in Wendlingen bislang eine eher untergeordnete Bedeutung hatte. Vor der „Reisenden“ gab es lediglich die Statue des „Wendlinger Büttels“ auf dem Saint Leu la Forêt-Platz vor dem Wendlinger Rathaus. „Weitere öffentliche Kunstwerke suchte man vergebens“, sagte Wendlingens Bürgermeister Steffen Weigel zur offiziellen Inbetriebnahme der Installation. Insofern sei die Stadt dankbar, dass es mit der „Reisenden“ geklappt habe. Rund 120 000 Euro hatte der Gemeinderat im vergangenen Jahr für die Installation zu Verfügung gestellt, ausdrücklich war eine Form des „Roten Kleids“ von Anja Luithle erwünscht. „Wir wollten genau dieses Kleid“, bestätigte Weigel.
Wendlingen ist in Bewegung
Der Verwaltungschef misst Kunst im öffentlichen Raum hohen Stellenwert bei: „Der Mensch identifiziert sich mit seiner Umgebung, dazu gehören auch Kunstwerke. Wichtig ist, dass ein Austausch stattfindet.“ Wendlingen sei ständig in Bewegung – gerade am Bahnhof verändere sich derzeit unglaublich viel, so Weigel mit Blick auf das sich noch im Bau befindliche Holzparkhaus, den Neubau der Zentrale der Volksbank Mittlerer Neckar und das Otto-Quartier vis-à-vis: „Wir sind alle Reisende und die Drehbewegung der Skulptur ist dabei auch ein Zeichen der Unendlichkeit und regt zum Perspektivwechsel an.“ Eine Dokumentation über die Entstehung und den Aufbau der kinetischen Installation von Anja Luithle ist in den nächsten Wochen zu den üblichen Öffnungszeiten im Rathaus zu sehen.