Smudo und die Luca-App Wie der Rapper von den Fantas zum Corona-App-Geschäft kam

Smudo ist derzeit ein beliebter Gast in Talkshows. Foto: imago images/Jürgen Heinrich/Jürgen Heinrich via www.imago-images.de

Baden-Württemberg will nun landesweit auf die Luca-App setzen. Smudo von den Fantastischen Vier ist das Gesicht der App. Wie Michael Bernd Schmidt aus Gerlingen von den Fantastischen Vier zum Corona-App-Geschäft kam.

Freizeit & Unterhaltung: Anja Wasserbäch (nja)

Stuttgart - Der Moderator Micky Beisenherz twitterte neulich: „Hierzulande hat ein Hip-Hopper die digitale Kontaktnachverfolgung nach vorne gebracht, während mit Helge Schneider ein Komiker dem Finanzminister beibringen musste, wie man eine ansatzweise vernünftige Entschädigung für Verdienstausfall errechnet. Kultur wirkt.“ Das war, als Smudo in der Talkshow von Anne Will saß und über die App Luca sprach. Die Nachfrage war nach seinem Auftritt so groß, dass die Software kurzzeitig zusammenbrach. In den darauffolgenden vier Tagen hatten sich eine Million Menschen die App heruntergeladen. Mehr als 15 000 Betriebe haben sich angemeldet. Nach Mecklenburg-Vorpommern will nun auch Baden-Württemberg die App nutzen.

 

Aufgewachsen in Gerlingen

Smudo, der als Michael Bernd Schmidt 1968 geboren wurde und in Gerlingen aufwuchs, ist bekannt als Rapper der Fantastischen Vier. Seit mehreren Monaten sitzt er mit seiner Baseballcap mit dem S darauf in TV-Shows und rührt die Werbetrommel für die Luca-App. Ein Popstar als Retter in Zeiten der Pandemie? „Luca macht die Coronapandemie nicht weg. Irgendwann wurde auch das Wasserklosett erfunden, weil die Pest die Menschen dahingerafft hat“, sagte Smudo neulich im Interview mit unserer Redaktion.

Er ist sich sicher: „Wir werden noch lange mit Hygienemaßnahmen wie Mundschutz und Desinfektion leben müssen.“ Er weiß, dass neben dem Impfen auch die Schnelltests zur Verfügung stehen müssen, und eine gute Software nötig ist – eine, die Menschenmassen anonym nachverfolgen kann. „Aber ich kann nicht voraussehen, wann wieder Konzerte möglich sind, bei denen sich Zehntausende Körper an Körper im Stadion reiben können“, sagt Smudo.

Wie die Luca-App funktioniert

Die Luca-App funktioniert auf Smartphones oder per Schlüsselanhänger, für Menschen, die kein Handy haben. In der App gibt es einen QR-Code, der sich alle paar Minuten ändert – er soll fälschungssicher sein. „Ich registriere mich im Restaurant, im Stadion auf meinem Platz oder wenn ich mich mit Thomas und Michi treffe“, erklärt Smudo. Anders als beispielsweise die Corona-Warn-App kann Luca direkt ans Gesundheitsamt angebunden werden, um Kontaktdaten zu übermitteln. Die „Luca-App“ erfasst im Gegensatz zur Corona-Warn-App nicht nur, ob man Kontakt zu einem positiv auf Corona getesteten Menschen hatte, sondern auch wo der Kontakt stattgefunden hat. Das ermöglicht die Rückverfolgung von Infektionsketten, stellt aber auch höhere Ansprüche an den Datenschutz.

Nur in der App, nur verschlüsselt, würden die Daten hinterlegt werden. „An die Daten kommt niemand. Das ist anders als bei den Zetteln, bei denen der Kellner hinterhertelefonieren kann“, sagt Smudo. Wenn man coronapositiv ist, meldet das der Arzt dem Gesundheitsamt. Der User selbst bestimme, wann welche Daten freigegeben werden. Und über das Kontakttagebuch würden alle informiert werden.

Die App hat Fans – und Kritiker

Die Luca-App hat viele Fans. Diese könnten wahrscheinlich das „Neckarstadion“, wie Michi Beck von den Fantastischen Vier die heutige Mercedes-Benz-Arena gerne nennt, füllen. Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen ist beispielsweise einer dieser Fans. Er sitzt bei „Maischberger“ und schwärmt von den Möglichkeiten, mithilfe der Luca-App die Geschäfte wieder zu öffnen.

Das ruft Neider auf den Plan. Es gibt Start-ups und andere Anbieter, die kein prominentes Zugpferd haben. Es sind die Kritiker, die von der technischen Umsetzung der App nicht überzeugt sind. Die Datenübertragung erfolgt zwar verschlüsselt, und ist nur durch das Gesundheitsamt lesbar. Allerdings liegen die Daten auf privatwirtschaftlich betriebenen Servern. Der Quellcode der App, der in einer Programmiersprache geschriebene Text eines Computerprogramms, soll bis Ende März veröffentlicht werden.

Alle Fantas sind an der App beteiligt – auch der Manager Bär

Viele Menschen nutzen Luca bereits – von Friseuren über Einzelhändler bis zu den Reitern. „Heute hat sich ein Bestattungsunternehmen gemeldet. Die fanden den Begrüßungsspruch auf unserer Homepage ‚gemeinsam das Leben erleben’ unpassend“, sagt Smudo und fügt hinzu: „Das zeigt, in welche Breite Luca geht.“ Smudo redet viel über Luca. Mit dem CDU-Vorsitzenden Armin Laschet, mit Gesundheitsminister Jens Spahn, mit Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Oder mit Vorsitzenden von Fußballvereinen, mit Altenheimen und Medienvertretern.

Die Fantastischen Vier kamen zur App, wie so etwas meistens läuft: über Zufälle. Da kennt einer einen, der einen kennt. Ein guter Freund der Fantastischen Vier kam während der Entwicklung der Luca-App auf sie zu. „Seitdem fuchsen wir uns in die komplizierten, politischen Abläufe ein. Wir sind davon überzeugt, dass das eine große Hilfe sein kann, sich nicht mehr von Lockdown zu Lockdown zu hangeln“, erklärt Michi Beck.

Sie wollen wieder auf die Bühne

Der gute Freund ist Marcus Trojan: ein Berliner Clubbesitzer – und gebürtiger Stuttgarter. Und auch wenn in den Interviews derzeit vor allem Smudo präsent ist, so sind eigentlich alle Fantastischen Vier Aushängeschilder für die Luca-App, weil sie sich finanziell an der Entwicklung beteiligt haben. Immer im Hintergrund dabei: Andreas „Bär“ Läsker, Manager und fünftes Bandmitglied.

Die Fantastischen Vier sind Plattenmillionäre, könnten es sich also zwischen Home Cooking und Home Schooling gemütlich machen. Aber sie sind eben auch Künstler, die irgendwann wieder auf der Bühne stehen wollen. Ihre bis dato größte Tour, die sie zum 30-Jahr-Jubiläum im Sommer 2020 geben wollten, wurde verschoben. Es ist eher unwahrscheinlich, dass die Konzerte dieses Jahr stattfinden.

Der erste Hit mit „Die da?“ und Smudo der „Mikrofonprofessor“

Dass Smudo jetzt den Erklärbär gibt, liegt insofern nahe, als dass er schon immer ein Technik- und Computerfreak war. Heute würde man ihn liebevoll einen „Nerd“ nennen. Mit Andreas Rieke, dem eher stillen Bandmitglied machte er das, was viele Buben Ende der 80er-Jahre gemacht haben: die ersten Spiele auf dem alten Spielcomputer C64 zocken. Doch Smudo und Andreas programmierten auch ein bisschen herum. Andreas blieb bei der Technik, Smudo griff sich ein Mikro. Dann kamen Thomas und noch ein Michael dazu – und sie waren eine Band, die keine Instrumente hatte. Also wurde gerappt.

Im Jugendzimmer gründeten sie ihre erste Band namens Terminal Team und rappten zu Beginn auf Englisch. Dann die Pionierleistung: Sprechgesang auf Deutsch. Der neue Bandname: Die Fantastischen Vier. Darunter ging es nicht. Tiefstapeln gehörte nie zu den Charakterzügen von Hip-Hoppern. Die Fantastischen Vier gründeten sich 1989 in Stuttgart. Andreas „Bär“ Läsker hatte damals einen Plattenladen in der Immenhofer Straße. Ein 20-jähriger, langhaariger Michi Beck drückte ihm eine Kassette von seiner Band in die Hand. Bär sah das Potenzial. Der Rest? Deutsche Musikgeschichte. 1992 kam dann der erste Hit mit „Die da?“ Smudo nannte sich auch gern mal „Mikrofonprofessor“.

Smudo ist der erste der Vier, der Stuttgart verlässt

Das fünfte Bandmitglied, Andreas „Bär“ Läsker, dachte früh groß, etwa was Investitionen angeht. 1997 kaufen die Vier mit ihrem Manager Läsker ein Haus für ihre Firma, Andys Studio und andere Kreativschaffende in der Mörikestraße in Heslach. „Ich will den Mythos nicht schwächen, aber eine richtige Vision hatten wir damals nicht. Wir wollten unser Label Four Music machen und ein Studio für Andy – und wir hatten einfach zu viel Geld“, erinnert sich Smudo und ergänzt: „Wir mussten in irgendwas investieren. Bär ist bei uns für die großen Ideen zuständig – er meinte, wir müssen uns ein Haus checken.“

Smudo ist der erste der Vierer-Gang, der Stuttgart verlässt – gen Hamburg. Und wahrscheinlich ist genau das der Grund, dass es die Fantas noch gibt. Jedes Bandmitglied wohnt in einer anderen Stadt, Thomas D auf einem abgeschiedenen Hof in der Eifel. In zahlreichen Interviews sowie in ihrem Film „Wer 4 sind“ erzählen die Fantas immer wieder von Sinnkrisen. Wer die Band für routinierte Wortwitzler hält, täuscht sich. Aber alle paar Jahre raufen sie sich zusammen, treffen sich auf einer Hütte in Egg im Vorarlberger Land, bei Thomas D in der Eifel oder auf den Balearen.

Smudo: „Die Gesundheitsämter sind rechts von der Pandemie überholt worden.“

Jetzt steht in der Coronapandemie alles still. Vor allem im Live-Musik-Segment. Künstler waren die ersten, die nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen konnten, mit der sie Geld verdienen: Konzerte spielen. Im Video-Interview in einem öden Hotelzimmer in Baden-Baden schaltet Smudo einen persönlichen Hintergrund dazu: einen Sonnenuntergang über den Wolken. Er hat nicht nur eine Vorliebe für Computerspiele, sondern fährt auch professionell Autorennen und hat eine Fluglizenz. Er erklärt, was die Luca-App kann – und was sie von der Corona-Warn-App unterscheidet: die Dokumentationspflicht.

„Wenn man ins Museum oder ins Restaurant ging, musste man seinen Namen und Kontaktdaten hinterlassen, um im Infektionsfall zu merken, wer sich alles gleichzeitig die Mona Lisa angeschaut hat“, sagt Smudo und ärgert sich: „Da hat man einen Haufen Zettel, die Menschen müssen alle angerufen werden. Eine analoge Angelegenheit, was digital sehr viel schneller gehen würde. Doch die Gesundheitsämter sind rechts von der Pandemie überholt worden.“

Bis jetzt hatten die Fantas nur Kosten

Smudo spricht schnell. Der Sprechgesangskünstler weiß, wie man etwas verkauft: sei es eine neue Platte, Konzerttickets oder Apps. Das Reden gehört zu seinem Geschäft. Und was erwarten sich die Fantas finanziell? „Wir haben eine Serviceleistung für die Gesundheitsämter ersonnen. Wäre schön, wenn wir nicht umsonst gearbeitet hätten. Bis jetzt jedenfalls hatten wir nur Kosten“, sagt Smudo. Warum sie sich so engagieren? „Wir würden ganz gerne wieder kulturelles Leben ermöglichen.“

Smudo ist einer, auf den sich auch die Älteren einigen können. Im dritten Programm sitzt er regelmäßig bei „Sag die Wahrheit“, die Jüngeren kennen ihn aus seinen fünf Jahren bei „The Voice of Germany“ – und jetzt von „The Voice Kids“. Er hat drei Töchter, arbeitet nebenbei als Synchronsprecher und Schauspieler – und interessiert sich für gutes Essen. Er ist einer, der in Interviews druckreif drauflosphilosophiert.

Verständlich aber, dass er vor allem wieder Konzerte geben will. Warum da ausgerechnet eine Band wie die Fantastischen Vier kommen musste, um eine App wie Luca nach vorne zu bringen? Smudo ist um die Antwort nicht verlegen: „Einmal Pioniergeist, immer Pioniergeist.“

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