So baut der Chef das Heer um „Wer den längeren Arm hat und trifft, gewinnt“
Künstliche Intelligenz und Drohnen prägen die neuen Kriege. Inspekteur Alfons Mais beschreibt, wie sich das deutsche Heer darauf einstellt – und woran es nichts verändert.
Künstliche Intelligenz und Drohnen prägen die neuen Kriege. Inspekteur Alfons Mais beschreibt, wie sich das deutsche Heer darauf einstellt – und woran es nichts verändert.
Die Zeit der Duelle geht dem Ende zu. Warum – das beschreibt Heereschef Alfons Mais in diesem Interview. Er spricht über die tiefgreifenden Veränderungen von Taktik und Ausbildung sowie über seine Lehren aus Russlands Kriegführung.
Militärisches Können und Wissen veralten rasant, weil Drohnen und Künstliche Intelligenz den Kampf massiv verändern. Wie findet das Eingang ins Heer?
Zunächst geht es darum, rasch auf Erkenntnisse zu reagieren. Diese bekommen wir aus der Ausbildung der ukrainischen Soldaten in Deutschland und aus den Beobachtungen der Gefechtsführung beider Seiten in der Ukraine. Die Dinge entwickeln sich enorm schnell. Zum Schreiben normaler Vorschriften kommen wir gar nicht mehr. Wir behelfen uns mit direkten Einsatzauswertungen und Handlungsanweisungen, insbesondere für die Truppenteile in Litauen, aber auch für die in hoher Bereitschaft in Deutschland.
Wie muss man sich Gewöhnung an diese Art von Bedrohung aber auch von Einsatzmöglichkeiten vorstellen?
Es geht einerseits darum, selbst Drohnen, aktuell vor allem handelsübliche Drohnen, intensiv zu nutzen. Zur Aufklärung, Erkundung, Sicherung und Zielerfassung. Nicht nur durch Spezialisten, sondern auf allen Ebenen in der Truppe. Andererseits geht es darum zu wissen, wie ich mich schütze, wenn permanent eine Bedrohung über mir schwebt. Wir machen dazu spezielle Verhaltenstrainings. Man muss beispielsweise den Impuls bekämpfen, einfach nach oben zu starren, weil das helle Gesicht sofort gegen den dunklen Boden sichtbar wird. Man bewegt sich im Schatten – um mal zwei Beispiele zu nennen. Wir haben auch spezielle Tarnponchos beschafft, die sogar gegen Wärmebildaufklärung schützen.
Wie wirken sich Drohnen in Kombination mit Künstlicher Intelligenz auf die Taktik des deutschen Heeres aus?
Hier besteht ein enormer Anpassungsdruck, unsere konzeptionellen Grundlagen zu verändern. Meine Vorgabe an die Truppe ist, Duellsituationen, in denen Mensch auf Mensch oder Panzer auf Panzer schießt, weitestgehend zu vermeiden. Abstandsfähigkeit geht vor Duellfähigkeit. Präzision und Reichweite des indirekten Feuers spielen eine immer größere Rolle. Es ist wie beim Boxkampf, wer den längeren Arm hat und trifft, gewinnt. Ziel ist, dass der erste Kontakt mit dem Feind von unserer Seite immer unbemannt erfolgt. Dazu planen wir, immer Drohnen vor der eigenen Truppe zu haben, ob an Land, im Wasser oder in der Luft.
Sie werden keine komplett neue Artillerie bekommen. Wie kommen Sie trotzdem zu weitreichendem Feuer?
Ich gehe davon aus, dass wir neue Artilleriesysteme bekommen. Hochmobile Haubitzen auf Radplattformen in Ergänzung zu den vorhandenen Panzerhaubitzen 2000 und neue Raketenwerfer zum Ersatz für die alten MARS-Werfer. Aber der Ansatz beginnt schon auf den untersten taktischen Ebenen mit Panzerabwehrlenkflugkörpern, die weiter reichen als die Infanterie selbst schauen kann. Dafür liefern dann Drohnen die Zieldaten. Am oberen Ende des Spektrums fordert die Nato von uns noch weiter reichende Systeme, die als Ground Based Deep Precision Strike bezeichnet werden. Das zielt auch auf die Einführung von Waffen ab, die mit mehr als fünffacher Schallgeschwindigkeit fliegen und über 1000 Kilometer weit eingesetzt werden können.
Wie ändern sich die Einsatzbedingungen?
Die Geometrie des Gefechtsfelds verändert sich. Es wird zunehmend gläsern und lässt sich nicht mehr nur in metrischen Maßen beschreiben. Unsere jungen Offiziere im Heer müssen lernen, nicht nur auf der zweidimensionalen Karte Operationen zu führen, sondern den bodennahen Luftraum und das elektromagnetische Spektrum in ihre Entscheidungen einzubeziehen. Die frühere Duellsituation „Panzer gegen Panzer“ wird durch die Rundumverteidigung gegen die Bedrohungen durch Drohnen und gegen den elektronischen Kampf des Gegners ersetzt.
Ist Ihre Antwort die Volldigitalisierung des Heeres?
Das kann man so sagen. Die Durchdigitalisierung des Heeres wird uns schneller, präziser, weitreichender, sicherer und auch letaler machen. Ich wage die Prognose, dass sehr bald alle vorn eingesetzten Verbände des Heeres strukturell über Drohnen verfügen werden. Gleichzeitig werden alle waffentragenden Plattformen, vom sprichwörtlichen Einzelschützen, über die Gefechtsfahrzeuge bis hin zu speziellen Drohnen zu Sensoren, die Zieldaten generieren können. Auch zum Transport durch die Luft und am Boden werden unbemannte Systeme genutzt werden. Die Sanität arbeitet bereits mit Drohnen zum Bergen von Verwundeten aus der vorderen Kampfzone.
Kostet eine solche Umstellung nicht gigantische Summen?
Da heute fast alles, worüber wir reden, Massenproduktion ist, werden die Kosten für unbemannte Systeme überschaubar. Es geht nicht mehr um Systeme, die Hunderte von Millionen Euro in der Entwicklung und dann Milliarden in der Beschaffung kosten.
Was folgern Sie aus der Taktik der russischen Streitkräfte, die solche Waffen teilweise bereits in großer Stückzahl einsetzen, gleichzeitig ihre Infanterie wie im Zweiten Weltkrieg frontal gegen feindliche Stellungen anlaufen lassen?
Sie haben Recht, wir sehen in den aktuellen Konflikten die gesamte Bandbreite militärischer Fähigkeiten vom Grabenkampf des Ersten Weltkrieges bis zu den Systemen, über die wir schon gesprochen haben. Das lässt uns die Lehre ziehen, dass wir uns nicht nur auf Hochtechnologie verlassen können. Wir brauchen materiell die gesamte Palette an Waffensystemen. Im Cyberraum und mit Drohnen allein können Sie kein Gelände in Besitz nehmen und Bevölkerung schützen, dazu brauchen Sie bemannte Plattformen.
Wie verändert sich militärische Führung durch diesen Mix?
Wir sehen, wie wichtig es ist, unser Führungspersonal zu eigenständigem Denken und initiativen Entschlüssen in unübersichtlichen Situationen auf dem Gefechtsfeld zu erziehen. Wir nennen es Auftragstaktik und sind sicher, hiermit eine überlegene Führungsphilosophie, jenseits von Befehlstaktik und Inkaufnahme von Massenverlusten, zu besitzen.
Alles, was in Bundeswehr und Nato gerade aufgebaut wird, ist extrem energieabhängig. Wie verwundbar macht das?
Streitkräfte könnten die letzten Diesel-Nutzer sein. In der Tat werden wir Stromaggregate in einer enormen Bandbreite und in sehr hohen Stückzahlen brauchen für eine digitalisierte Gefechtsführung. Das ist momentan noch eine große Herausforderung. Es finden jetzt aber auch Brennstoffzellen oder bei den Spezialkräften kleine Solarpanels Eingang in das Heer.
Wie kommt das Heer insgesamt zu mehr Entwicklungstempo?
Nehmen wir die neue Aufklärungsdrohne Husar: Auch wenn wir sie dringend brauchen, um unsere Aufklärungslücken für die Artillerie zu schließen, so scheint sie aus der Zeit gefallen zu sein, wenn man die geringen Stückzahlen betrachtet, die wir zu Zeiten der Einsätze in Afghanistan und Mali bestellt haben. Heute dominieren Masse und die schnelle Produktion – nicht zuletzt mittels 3-D-Drucker. Mit KI und Prozessorgeschwindigkeit bringt man sogar aerodynamisch fast fluguntüchtige Billigflugobjekte als Drohnenmunition in die Luft. Die Entwicklungssprünge sind so schnell, dass es keinen Sinn macht, sich solche Waffen zu tausenden ins Depot zu legen. Eher geht es darum sich schnell skalierbare Produktionskapazitäten zu sichern, die man im Bedarfsfall aktivieren kann.
Inspekteur des Heeres
Alfons Mais führt die mit rund 60 000 Soldaten größte Teilstreitkraft der Bundeswehr seit dem 13. Februar 2020. Er ist für Ausbildung und Einsatzbereitschaft des Heeres verantwortlich. Sein Kommando führt auch Auslandseinsätze, etwa den in Bosnien-Herzegowina.
Heeresflieger
Mais, Jahrgang 1962, wurde zum Hubschrauberpiloten ausgebildet. Der Drei-Sterne-General stand an der Spitze von Verbänden bis auf Korps-Ebene und war in Stäben von Nato und EU eingesetzt.