So hat die Moderatorin Nova Meierhenrich die Depression ihres Vaters erlebt „Wie nackt auf dem Marktplatz“

Die Schauspielerin und Moderatorin Nova Meierhenrich (44) hat ihren Vater durch Suizid verloren. Jetzt erzählt sie ihre Geschichte. Foto: dpa
Die Schauspielerin und Moderatorin Nova Meierhenrich (44) hat ihren Vater durch Suizid verloren. Jetzt erzählt sie ihre Geschichte. Foto: dpa

Die Schauspielerin und Moderatorin Nova Meierhenrich hat ihren Vater durch Suizid verloren. Lange hat sie geschwiegen, jetzt erzählt sie ihre Leidensgeschichte.

Leben: Simone Höhn (sdr)
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Stuttgart - Zunächst empfand Nova Meierhenrich nur Ohnmacht: „Obwohl wir es geahnt haben, obwohl wir auf diesen Tag schon fast gewartet haben – es überrollt dich komplett. Es ist ganz schwer zu beschreiben, diese jahrelange Anspannung, und plötzlich ist der Tag, den du wie keinen anderen ­gefürchtet hast, da. Für mich war es ein völliger Zusammenbruch“, beschreibt die deutsche Moderatorin und Schauspielerin ihre Empfindungen, nachdem sie vom Tod ihres Vater erfahren hatte. Thomas Meierhenrich, Ingenieur aus Ahlen im Münsterland und laut Nova Meierhenrich ein „liebender, fürsorglicher Familienvater“ von vier Kindern, hatte sich nach jahrelangem Kampf gegen seine Depression 2011 das Leben genommen.

Der Vater rutschte immer tiefer in die komplette Lethargie

Nach einer beruflichen Niederlage Mitte der 90er Jahre schlich sich die Krankheit langsam und zunächst kaum erkennbar, aber unaufhaltsam in sein Leben und das seiner Familie – bis er sein Leben nicht mehr aushielt. In ihrem Buch „Wenn Liebe nicht reicht. Wie die Depression mir den Vater stahl“ beschreibt Nova Meierhenrich, die das Leiden hautnah miterlebt hat, wie ihr Vater immer tiefer in komplette Lethargie und Handlungsunfähigkeit rutschte und wie die Depression ihm „die Emotionen, das Empfinden, die Empathie genommen hat“, wie sie sagt. Und sie beschreibt, wie sie und ihre Familie alles versucht haben, ihn zurück ins Leben zu holen.

Vergeblich. Und dann war da diese Erleichterung – ein Gefühl, mit dem Nova Meierhenrich zunächst überhaupt nicht klarkam: „In die ganze Wut und die Trauer mischte sich dieses Gefühl, das sich für mich einfach nicht richtig anfühlte. Ich spürte, dass ich auf eine ganz spezielle Art und Weise auch erleichtert war. Diese ständige Angst, heute klingelt das Telefon, es ist passiert . . . Diese Angst begleitete mich über Jahre.“

Die 44-Jährige ist die älteste der vier Kinder und war zeitweise die Hauptbezugsperson ihres Vaters. Das war, nachdem sich ihre Mutter – auf Anraten der Ärzte – vom Vater getrennt hatte. Nova Meierhenrich erlitt währenddessen eine Kodepression – ein Phänomen, mit dem nicht wenige Angehörige von Depressiven zu tun haben. Die Belastung, mit der die Patienten kämpfen, greift oft auf die Angehörigen über. Sie musste selbst eine Therapie machen, um zu lernen, sich selbst zu schützen.

Ein Depressionsforscher ordnet ein

Meierhenrich lässt auch einen der führenden Depressionsforscher in Deutschland zu Wort kommen: Doktor Mazda Adli ist Chefarzt der auf psychische Störungen spezialisierten Fliedner-Klinik Berlin und Leiter der Abteilung für affektive Störungen an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Berlin. „Mein Wunsch ist es, diese bis heute tabuisierte Krankheit Depression greifbar zu machen und mit Vorurteilen aufzuräumen. Aus diesem Grund war es mir auch ein sehr großes Anliegen, einen der besten Ärzte in der Depressionsforschung mit an Bord zu haben“, sagt sie.

Der Entstehungsprozess hat vieles aufgewühlt

Meierhenrich hat lange mit sich gerungen, ob sie ihre Geschichte öffentlich machen soll. Nun, da es so weit ist, fühlt sie sich ein bisschen so, „wie wenn man sich nackt auf den Marktplatz stellt“, sagt sie. Der Entstehungsprozess habe vieles wieder aufgewühlt. „Und dass ich mich jetzt wieder der Presse stellen muss, ist eine große Herausforderung für mich.“ Schließlich hatte diese den Anstoß gegeben, warum sie ihre Geschichte überhaupt öffentlich gemacht hat. Zu viel wurde nach dem Suizid ihres Vaters ohne ihr Einverständnis geschrieben, abgeschrieben und gemutmaßt. „Es hat mich sehr belastet, dass Halbwahrheiten, aus dem Zusammenhang gerissen, herumgegeistert sind“, sagt sie. „Jetzt ist die Geschichte aufgeschrieben, unsere Wahrheit, das, was mir wichtig ist.“

Auch die Stärksten kann es treffen

Und das Wichtigste ist die Aufklärung. Sie könne nicht begreifen, dass Depressive bis heute stigmatisiert würden: „Viele glauben immer noch, dass derjenige sich doch einfach zusammenreißen soll. Die Krankheit gilt nach wie vor als Zeichen von Schwäche.“ Dabei würden chemische Prozesse im Gehirn nicht mehr richtig funktionieren. Jeden, auch die Stärksten, könne es aus dem Hinterhalt treffen. Immerhin gäbe es nicht mehr ganz so viele Vorurteile wie noch vor einigen Jahren. „Das ist auch der Offenheit von Teresa Enke, der Witwe des ehemaligen Fußballtorhüters Robert Enke, der sich 2009 das Leben genommen hat, zu verdanken“, erklärt Nova Meierhenrich.

Ein Buch voller liebevoller Erinnerungen

Ihre Geschichte ist bewegend und führt einem die Qualen von betroffenen Patienten und Familien vor Augen. Es ist aber auch die Geschichte des Mannes, der ihr Vater war, bevor er depressiv wurde. Nova Meierhenrich bewahrt die liebevollen Erinnerungen, Anekdoten und Gedanken an den Menschen, der ihr alles bedeutet hat und der ihr so bitter genommen wurde, wie einen Schatz. „Wenn man einen Angehörigen durch einen natürlichen Tod verliert, kann man wahrscheinlich irgendwann seinen Frieden damit schließen, weil man weiß, dass man es nicht in der Hand hatte“, sagt Nova Meierhenrich. „Wenn sich jemand das Leben nimmt, quält einen zeitlebens die Frage, ob man nicht doch noch etwas hätte tun können. Die Liebe ist das stärkste Gefühl, das einem Menschen zur Verfügung steht, und wenn das nicht mehr reicht, um am Leben bleiben zu wollen, ist das als Tochter der größte Tiefschlag, den man bekommen kann.“




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