Solitude in Stuttgart Ministerpräsidenten wohnen lieber woanders – So viel kostet die Dienstvilla

, aktualisiert am 11.03.2026 - 13:37 Uhr
2005 zog Günther Oettinger mit seiner Frau und dem Sohn ein. Foto: dpa

Die Dienstvilla am Schloss Solitude wurde einst für die Großfamilie von Hans Filbinger gebaut. Doch nachfolgende Ministerpräsidenten wohnten lieber woanders.

Freizeit und Unterhaltung: Theresa Schäfer (the)

Zum Richtfest nieselte es und ein kalter Wind pfiff über die Höhe von Schloss Solitude. Aber Ingeborg Filbinger fand im Juni 1969 trotzdem ein paar freundliche Worte für die neue Dienstvilla, in die sie und ihr Mann, Baden-Württembergs Ministerpräsident Hans Filbinger, mit den fünf Kindern bald einziehen sollten: „Nett ist es bisher geworden“, wird Frau Filbinger damals in einem Artikel der Stuttgarter Zeitung zitiert.

 

Ein gutes halbes Jahr zuvor hatte man die Entscheidung getroffen, dass der „jeweilige erste Mann im Staate auch eine Staatswohnung in der Landeshauptstadt beziehen kann“, heißt es in dem Bericht. Bis dahin war der Freiburger Hans Filbinger zwischen Stuttgart und der Münsterstadt gependelt, wurde es spät, wartete ein Zimmer im Marienhospital auf den Ministerpräsidenten. Als dieser Zustand unhaltbar wurde, hatte man für ihn und seine Familie im Äußeren Pavillon, dem heutigen Graevenitz-Museum, eine kleine Wohnung hergerichtet.

Die Dienstvilla bei einer Begehung im Jahr 1984. Foto: Kraufmann

Dienstvilla des Ministerpräsidenten auf der Solitude – Schwimmbad inklusive

Zuerst hatte man daran gedacht, eine 120 Jahre alte Scheune, die zum Solitude-Ensemble aus dem 18. Jahrhundert gehörte, zur Dienstwohnung umzubauen. Stattdessen wurde die Scheune abgerissen, an ihre Stelle kam ein Neubau, der sich in seiner Architektur möglichst harmonisch einfügen sollte in Herzog Carl Eugens geliebte „Einsamkeit“ zwischen Botnang, Weilimdorf und Gerlingen.

„Ein Schwimmbad, vier Kinderzimmer, ein Gästezimmer, ein geräumiges Wohnzimmer mit offenem Kamin, ein Elternschlafzimmer sowie je ein Arbeitszimmer für Dr. Filbinger und seine Gattin, ein Gastzimmer und die notwendigen Küchen- und Wirtschaftsräume“, zählte die StZ damals auf. Kosten sollte die Dienstvilla mit der Adresse Solitude 26 insgesamt 400.000 Mark, schließlich wurde sie doppelt so teuer.

Hans Filbinger blieb nach dem Rücktritt als Ministerpräsident auf der Solitude

1978 trat Hans Filbinger zurück: Es war bekannt geworden, dass er in der Zeit des Nationalsozialismus als Marinerichter mehrere Todesurteile zu verantworten hatte. Beinahe sechs Jahre lang lebten die Filbingers danach noch in der landeseigenen Villa am Schloss Solitude. Nach öffentlicher Kritik wurde in dieser Zeit zumindest die Miete erhöht – von 2400 auf 4300 Mark.

Und selbst als Filbinger 1984 schließlich auszog, konnte der 70-Jährige nicht gleich von der Solitude lassen – erst einmal zog er nicht zurück nach Freiburg, sondern um die Ecke ins Schlosshotel.

Lothar Späth ließ Wintergarten und Pavillon an die Dienstvilla anbauen

Bevor Lothar Späth, seine Frau Ursula und die beiden Kinder aus dem Reihenhaus in Bietigheim aus- und in die Dienstvilla einzogen, wurde sie 1984 renoviert und vergrößert. 450.000 Mark kostete die „Instandsetzung“: Nach zwölf Jahren, erklärte der Leiter der Bauabteilung im Finanzministerium, sei so ein Haus „einfach abgewohnt“. Außerdem: „Jeder Direktor einer besseren Firma ist besser untergebracht. Für einen Ministerpräsidenten ist das alles eigentlich ein bisschen zu klein.“

Also wurde angebaut. Der Wintergarten und der 55 Quadratmeter große Speise- und Konferenzraum im Pavillon schlugen laut der damaligen Berichterstattung mit über 300.000 Mark zu Buche. Filbingers Schwimmbädle ließ Späth abdecken und errichtete darauf – auf eigene Kosten – eine Sauna. 1991 wurde dem „Cleverle“ die Traumschiff-Affäre zum Verhängnis, Späth musste zurücktreten. In der Villa blieben die Späths noch ein bisschen wohnen – für 7000 Mark Miete im Monat. Als das Eigenheim auf der Gerlinger Heide fertig war, zog die Familie aus. Als er schon Jenoptik-Chef war, sagte Späth über die Solitude: „Der Ort ist zauberhaft, aber wir haben nicht geweint, als wir 1992 ins eigene Haus umgezogen sind.“ Damals wurde gemunkelt, dem CDU-Mann sei die Solitude nicht einsam genug gewesen – die neugierigen Blicke am Zaun hätten ihn arg gestört.

Lothar Späth und seine Frau Ursula im Jahr 1986. Foto: imago images/teutopress

Späths Nachfolger Erwin Teufel hingegen schreckte gerade die abgeschiedene Lage: „Meine Frau würde mutterseelenallein in einer riesigen Villa sitzen. Das möchte ich nicht machen.“ Also blieben die Teufels in Spaichingen wohnen, das Haus wurde vermietet: „Frei stehendes Einfamilienhaus mit 15 Zimmern, Einbauküche, mehreren Bädern und Garagen, fast 450 Quadratmeter Wohnfläche auf einem uneinsehbaren Grundstück, das 9500 Quadratmeter groß ist“, lautete 2004 die Immobilienannonce. Ein Manager griff zu.

Günther Oettinger zog vom Frauenkopf in die Dienstvilla an der Solitude

Günther Oettinger zog 2005 mit seiner damaligen Frau Inken und seinem Sohn in die Dienstvilla – vor allem deshalb, weil die Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz eines Ministerpräsidenten für die Nachbarn auf dem Frauenkopf zur „Zumutung“ geworden waren. Für einen „sechsstelliger Betrag im unteren Bereich“ wurde das Anwesen damals renoviert. Bis 2011 blieb Oettinger auf der Solitude, man sah ihn abends auf den Wiesen mit dem Labrador Lucky spazieren gehen. Dann zog er – inzwischen EU-Kommissar – nach Brüssel um.

Günther Oettinger mit seinem Hund Lucky. Foto: dpa

Stefan Mappus und Winfried Kretschmann zogen nie in die Dienstvilla ein. Die Villa ist inzwischen seit vielen Jahren an den Ditzinger Maschinenbauer Trumpf vermietet. Warum sie und ihr Mann lieber in Sigmaringen-Laiz wohnen blieben, erklärte Gerlinde Kretschmann so: „3000 Euro Miete, so plus minus, natürlich kalt, unmöbliert, das ist mir einfach zu teuer für eine Zweitwohnung. Und ich bin Schwäbin!“

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