Die Dampfbahnfreunde Sindelfingen feiern ihr traditionelles Dampflokfest. Lokomotiven verschiedener Größe und Herkunft sind zu sehen, darunter einzigartige Modelle.
Lokomotiven unterschiedlichsten Aussehens dampfen durch den Sommerhofenpark in Sindelfingen, stoßen fröhliche Pfiffe aus und hinterlassen einen leichten Kohlegeruch in der Luft. Schließt man die Augen, fühlt man sich in alte Zeiten zurückversetzt. Alles erinnert an echte Lokomotiven – wäre da nicht die Größe. Denn die Lokomotiven, die dort unterwegs sind, sind zwar nicht so klein wie klassische Modelleisenbahnen, aber gerade so groß, dass Menschen auf ihnen fahren können.
Die Dampfbahnfreunde Sindelfingen betreiben im Sommerhofenpark eine sogenannte Parkbahnanlage mit einer Streckenlänge von fast einem Kilometer und haben am Wochenende zum Dampflokfest geladen. Wie jedes Jahr sind zahlreiche Besucherinnen und Besucher angereist. Viele nutzen am Sonntag die Gelegenheit, mit einem der Personenzüge mitzufahren. „Achtung, auf Gleis 2. Zug fährt ein“, schallt es über das Gelände. Familien mit Kindern verlassen den Zug, andere steigen ein. „Man sieht, mit wie viel Liebe hier alles aufgebaut ist“, sagt eine Besucherin begeistert, die mit ihren beiden Söhnen in der Bahn Platz nimmt.
Die Bahn dreht eine Runde durch den Park, Spaziergänger bleiben stehen, machen Bilder. Auf der Strecke passiert der Zug den Bahnhof Teufelsloch – eine kleine Bierbank mit einem Streckenposten. Dort können die Lokführer bei Bedarf Wasser und Kohle nachfüllen. Ganz stilecht steht sogar ein altes Kurbeltelefon der Deutschen Bahn bereit, um mit dem Hauptbahnhof auf dem Vereinsgelände zu telefonieren – eine entsprechende Telefonleitung dorthin ist verlegt.
8000 Arbeitsstunden für eine Lok
Die Personenzüge teilen sich die Schienen mit etlichen weiteren Lokomotiven, die meist ohne Passagiere unterwegs sind. Das Fest zieht Vereine und Privatpersonen aus Deutschland, der Schweiz, Luxemburg und sogar Slowenien an, die ihre eigenen Loks mitbringen und in Sindelfingen fahren lassen, berichtet Armin Reitz, Vorsitzender der Dampfbahnfreunde. Dieses Jahr seien etwa 35 Gast-Lokomotiven unterwegs.
Klein, aber trotzdem fahrbereit. Foto: Eibner-Pressefoto/Edward Cheung
Eine davon, das Modell einer US-amerikanischen Güterzuglok der Norfolk and Western Railway von 1949, erregt besonders viel Aufmerksamkeit. Geplant und gebaut hat sie Wulf-Dieter Heinrich aus Düsseldorf. Im Jahr 2006 habe er damit angefangen, 2017 sei sie fertig geworden. „Ich habe 8000 Arbeitsstunden da rein gesteckt“, sagt Heinrich, und es wird klar, wie viel Arbeit und Tüftelei im Modell steckt, das inklusive Tender 450 Kilogramm wiegt.
Das besondere an der echten und an der Modelllok: Sie hat eine automatische Kohlezufuhr vom Tender in den Verbrennungskessel. Laut Heinrich ist sein Modell dieser Lok das einzige weltweit, in dem die automatische Kohlezufuhr – ein sogenannter Stoker – verbaut ist. Ralph-Peter Stolle aus Hannover und Felix Gold aus Kirchheim, Freunde von Heinrich, sind mit der Lok unterwegs und lassen sie ordentlich dampfen. „Das ist das irrste Ding, das ich je gefahren bin“, sagt Stolle. Die beiden scheinen bis ins letzte Detail mit der Lok vertraut und mit großer Freude dabei zu sein. „Wir sind zu spät geboren, um solche Loks normal zu fahren. Deshalb bauen wir sie uns nach“, erklärt Stolle seine Leidenschaft. Es reize ihn, eine so komplexe Maschine am Laufen zu halten. „Das ist ein bisschen, wie Sportwagen fahren.“
Antrieb mit Kohle, Öl und Strom
Nur, dass die Lokomotiven doch etwas gemächlicher unterwegs sind als Sportwagen. Die US-amerikanische bringt laut Heinrich etwa zehn Kilometer pro Stunde auf die Schiene. Ein anderer Eisenbahnfreund aus der Schweiz hat eine französische Schnelllok von 1899 mitgebracht, die bis zu 20 Kilometern pro Stunde fahren kann.
Die US-amerikanische Güterzuglok stößt auf viel Interesse. Foto: Eibner-Pressefoto/Edward Cheung
Ein Alter scheint das Hobby nicht zu kennen, wohl aber ein Geschlecht. Fast alle der jungen und älteren Fahrer sind Männer. Die Lokomotiven, in denen sie durch den Park dampfen, sind so unterschiedlich wie echte Lokomotive auch. Viele werden mit Kohle angetrieben, einige mit einer Batterie, andere mit Öl. Die meisten orientieren sich an originalen Vorbildern, aber nicht alle.
Eine Lokomotive des Sindelfinger Vereins, die einen der Personenzüge zieht, hat ein Mitglied nach eigenen Vorstellungen zusammengebaut, berichtet Reitz. Viele hielten die Loks für Spielzeug. Das seien sie aber nicht. Die selbst gebaute Lok bringe zusammen mit Wagen und Fahrgästen vier bis fünf Tonnen auf die Waage.
Der Vorstand zeigt sich mit dem Fest zufrieden, doch der Aufwand sei groß. Nötig seien Fahrdienstleiter, Lokführer, Zugbegleiter, Kartenverkäufer. „Aber von den Teilnehmern haben wir durchweg positives Feedback bekommen“, freut sich Reitz.