2700 begeisterte Besucher erleben im Kongresszentrum der Stuttgarter Messe einen mitreißenden Songcontest für jüdische Jugendliche. Gewinner mit der höchsten Punktzahl ist JuJuBa Baden.
Heidemarie A. Hechtel
16.05.2026 - 11:27 Uhr
Die Halle vibriert vor Lebensfreude, der Sound dröhnt, Fahnen werden geschwenkt, mit denen die Besucher ihre Herkunft und Zugehörigkeit demonstrieren, da kommt von der Bühne die Frage: „Ist HaLev Stuttgart schon da?“ Und wie sie da sind, die mehr als 40 Mitglieder des Stuttgarter Jugendzentrums HaLev (Das Herz), die nach ihrem Sieg beim Jewrovision 2024 in Hannover beim Jewrovision 2026 in Stuttgart jetzt einem Heimspiel gegen zwölf Konkurrenten entgegenfiebern.
OB Nopper zum Jewrovision : „Hier ist es sehr viel schöner“
Gemäß dem auch für die Eurovision geltenden Brauch, dass der Sieger den nächsten Wettbewerb ausrichtet, hatte Barbara Traub, Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW), diese Gastgeberrolle für Stuttgart reklamiert. Und zusammen mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland als Veranstalter und allen Mitstreitern und Unterstützern wie der Stuttgarter Messe bravourös erfüllt.
Der Jewrovision in Stuttgart ist für die Besucher ebenso grandios wie der Eurovision Song Contest in Wien. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Da hatte OB Frank Nopper ganz recht, als er zwar das große Parallel-Ereignis Eurovision Song Contest in Wien erwähnte, aber sofort erkannte: „Hier ist es sehr viel schöner.“ Tatsächlich: Ebenso grandios, ebenso glamourös, mit Glitzer, Glanz, Lichtershow und tollen Performances, aber gleichzeitig mit dem Charme eines entspannten und ausgelassenen Familientreffens für 2700 Gäste, für deren Sicherheit perfekt gesorgt war.
Grußworte der Politik-Prominenz bei der Jewrovision in Stuttgart
Das Motto des Jewrovision 2026, „Voices of hope“, Stimmen der Hoffnung, wird nicht nur in allen Songtexten, Videos und Show-Acts der 13 Teams beschworen: Poetisch, emotional, auch hadernd, und doch voller Zuversicht in die Zukunft. Es bestimmt auch die Reden wie von Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland: „Wir verstecken uns nicht, wir drehen richtig auf, denn Hoffnung ist unser stärkster Halt und Ausdruck des ungebrochenen Lebenswillens nach dem Massaker des 7. Oktober 2023.“ „Ihr setzt eine großartige Botschaft gegen den Hass“, stellt der neue Ministerpräsident des Landes, Cem Özdemir, in seiner Videobotschaft fest, und Jugendministerin Karin Prien zollt Bewunderung und Beifall „für so viel Kreativität und Leidenschaft: Wie lebendig jüdisches Leben in Deutschland ist“.
Zwischen Folklore und Glitzerlook – kreative Auftritte beim Jewrovision
Die Gruppe Emet Nürnberg feat Am Echad Bayern liefert dafür sofort den Beweis: „Bayern, des samma mia“, klingt es urig zu dem Video, das jüdische Buben und Mädel in Dirndl und Lederhose zur Kippa auf der Wiesn zeigt. Vergnügt und ausgelassen. Weil sie ein bestimmtes Spiel spielen müssen? Und doch so viele Fragen und Ängste haben? „Sei laut, sei stolz, verliere nicht die Hoffnung“, machen sie sich dagegen Mut.
Sehr viele Punkte holt we.Zair Westfalia drei Stunden später von den Juroren für ihre hinreißende Choreographie im Glitzerlook, der den dunklen Schatten der Angst keine Chance lässt. „Unsere Stimmen tragen uns weiter“, singt die Gruppe von Emuna Dortmund, das schon das hebräische Wort für Glauben, Vertrauen und Zuversicht im Namen trägt. Kadima Düsseldorf hält mit antisemitischen Realitäten wie „Juden raus“-Schmierereien und Hakenkreuz am Auto nicht hinterm Berg, doch Neschama aus München hält entschlossen dagegen: „Jetzt ist unsere Zeit, nie mehr fallen.“
HaLev Stuttgart ist als Gastgeber beim Jewrovision zuletzt dran
„Hoffnung ist alles, was zählt“: Das ist die Kernaussage all der jungen Menschen aus den jüdischen Gemeinden in Deutschland. Die von Amichai Frankfurt, die ihre Performance dem vierjährigen Ariel widmen, der ein Batman werden wollte und am 7. Oktober ermordet wurde. Die von Olam Berlin, die schon fünf Mal den Wettbewerb gewonnen haben und jetzt den zweiten Platz erreichen werden, und auch die von Chaverim Leipzig, die sich fragen, was man mit den ganzen Nazis machen solle. Chai Hannover zählt auf die Mischpacha und bei Chasak Hamburg & Atid Bremen heißt die Devise: „Du musst aufstehen.“ Oder noch besser, aufsitzen aufs Pferd und ins Licht reiten wie die stilecht behüteten Westerngirls von JuJuBa Baden.
Bei HaLev Stuttgart, als Gastgeber zuletzt dran, erteilen die Mädels den Kerlen eine Lektion gegen Sexismus, ehe alle zusammen tanzend und singend ein Versprechen abgeben: „Zusammen erleuchten wir die Welt.“
JuJuBa siegt mit 105 Punkten beim Jewrovision in Stuttgart
Die Spannung steigt, Noa Kirel, die Israel 2023 beim Eurovision Contest 2023 mit dem Song „Unicorn“ vertrat, rockt die Pause bis zum Spruch der Jury, dann der große Moment: Der Sieg in der Jewrovision 2026 bleibt sozusagen im Land, denn gewonnen hat mit 105 Punkten JuJuBa. HaLev Stuttgart erreichte mit 48 Punkten nur den 10. Platz. „Herzlichen Glückwunsch“, gratulierte Barbara Traub neidlos Rami Suliman, dem Vorstandsvorsitzenden der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden.
Doch die Party musste warten, denn mit dem Beginn des Schabbat wurde das Fest der Gemeinschaft und Hoffnung wirklich zum riesigen Familienfest: Mit dem Schabbat-Mahl, für das längst Tische gedeckt waren, und mit Gottesdiensten am Schabbat. Dafür hatte Gemeindedirektor Michael Rubinstein eigens vier Tora-Rollen aus der Synagoge ins Kongresszentrum gebracht. Und Rabbiner Jehuda Pushkin wird als Vorbeter seine Stimme anstrengen müssen. Denn die Stimme der Hoffnung muss am Schabbat ohne Mikro auskommen.