Die Beziehung des Barden zu einer Minderjährigen bringt den Fachrat gegen Rassismus in Schorndorf in ein Dilemma. Das Konzert mit dem Song des Liedermachers findet jedoch statt.
Ach ja, die alten Helden und ihre Abgründe. Wenn bei den Idolen der Vergangenheit die moralische Integrität angekratzt oder fast zerstört ist, gerät auch der Stolz auf die bis dato innige Beziehung zu den Protagonisten ins Wanken. Und eng ist die Beziehung zwischen dem Liedermacher Konstantin Wecker und Schorndorf durchaus – gewesen.
Speziell der Schorndorfer Club Manufaktur, gegründet 1968 als Forum für Politik und Kultur, unterhielt stets gute Verbindungen zum bayerischen Sänger, der Ende der 1970er Jahre mit seinem „Willy“ in der linken Szene für Furore sorgte. Noch im alten Manufaktur-Keller an der Gmünder Straße trat Wecker zum Beispiel 1978 sowie 1981 mehrfach auf. Der zweite Auftritt tags drauf wurde damals wegen sich kurz davor abzeichnenden Riesenandrangs in die Barbara-Künkelin-Halle verlegt.
Daran erinnert sich der Autor dieser Zeilen so genau, weil er damals mit drei weiteren Kollegen der Schülerzeitschrift des Max-Planck-Gymnasiums am Vormittag nach dem ersten Gastspiel in einem mehr als zweistündigen Interview Wecker selbst erleben durfte. Zum Glück waren genügend C-90-Musikkassetten für den Aufnahmerekorder im Gepäck.
Gesangsprojekt mit Weckers Lied als Grundlage
Tempi passati: In jüngerer Vergangenheit war Wecker eher selten persönlich im mittleren Remstal zugegen. Immerhin, 2017 spielte er beim Winterbacher Zeltspektakel vor mehreren Tausend begeisterten Zuhörern direkt in der Schorndorfer Nachbarschaft. Ansonsten hat selbst die mittlerweile völlig neu gebaute Barbara-Künkelin-Halle nicht mehr die Kapazität für einen Barden seiner Zugkraft.
Dennoch war Wecker in diesem Sommer in Schorndorf wortwörtlich in aller Munde. Denn er ist Texter und Komponist des 1993 erstmals veröffentlichten Liedes „Sage Nein!“ Dieser Song ist auch Grundlage des Projekts „Sag Nein!“, mit dem der Fachrat für Integration Schorndorf (FIS) in diesem Sommer nach eigener Einschätzung „ein kraftvolles musikalisches und visuelles Zeichen gegen Rassismus, Diskriminierung, Sexismus und Hass gesetzt hat“.
Etwa 100 Menschen aus Schorndorf und der Region haben mitgesungen und gemeinsam eine lokale Version des Songs inklusive eines Musikvideos aufgenommen. Die Aufnahmen fürs Video entstanden auf dem oberen Marktplatz in Schorndorf.
Musikalische Grundlage war die bekannten Version des Wecker-Liedes „Sage Nein!“ durch Ezé Wendtoin, der 2024 im Rahmen der Verleihung des Johann-Philipp-Palm-Preises auch in Schorndorf auftrat. Das Lied steht für eine klare Botschaft: Einsatz für Menschenwürde, Vielfalt und Zivilcourage.
Vor einigen Wochen wurde jedoch bekannt, dass Wecker, als der ursprüngliche Komponist des Liedes, vor etwa 15 Jahren eine sexuelle Beziehung zu einer Minderjährigen hatte. Wecker selbst hat dies in einer Antwort auf eine entsprechende Nachfrage der Süddeutschen Zeitung, die am 20. November über das Thema einen zweiseitigen Bericht veröffentlichte, bestätigt. Das Mädchen war, als sie sich kennenlernten, 15 Jahre jung, Wecker 63.
„Der Fachrat zeigt sich tief betroffen und verurteilt sexualisierte Gewalt und jeglichen Machtmissbrauch in aller Schärfe“, heißt es in einer wenige Tage alten Stellungnahme des Gremiums. Zentrale Frage: Kann ein Lied mit einer wertvollen Botschaft weiterhin verwendet werden, wenn sein Urheber schweres Fehlverhalten eingesteht?
Der Fachrat hat sich entschieden, diesen Widerspruch nicht zu ignorieren. „Ein Wegsehen oder ein unkritisches Trennen von Werk und Künstler wäre nicht verantwortbar“, so die Erklärung. „Gleichzeitig wollen wir die inhaltliche Stärke des Liedes nicht aufgeben, denn seine Botschaft – Nein zu Hass und Ausgrenzung, Ja zu Vielfalt und Menschenwürde – bleibt gesellschaftlich hoch relevant.“
Die Diskrepanz zwischen Werk und Verhalten des Komponisten mache deutlich, wie notwendig es sei, Haltung zu zeigen. „Sage Nein!“ bedeute auch: „Nein zu sexualisierter Gewalt, Nein zu Machtmissbrauch, Nein zu jeder Grenzüberschreitung.“
Konzertabend an diesem Samstag wird bewusst nicht abgesagt
Ergebnis der ganzen Überlegungen: Der für diesen Samstag, 20. Dezember, ab 19 Uhr in der Schorndorf Manufaktur (Adresse: Hammerschlag 8) geplante Konzertabend wird nicht etwa abgesagt, sondern er findet statt – „bewusst, reflektiert und mit klarer Positionierung“.
Nach der kurzen Ansprache durch den Schorndorfer Oberbürgermeister folgen die Auftritte. Angekündigt sind sechs Bands, darunter Cassandra & the Boys und Zam Helga. Außerdem wird das im Sommer gedrehte Schorndorfer Video gezeigt, „jedoch als Mahnung und nicht als Würdigung des Künstlers“. Zudem wird es Informationsangebote zum Thema sexualisierte Gewalt geben.