Im Bezirk Wangen hat man die Sorge, dass an der einzigen Schule im Bezirk die Werkrealschule abgewickelt wird. Die Akteure plädieren für eine Sonderlösung.
Vor allem geht es um die Rückführung des achtjährigen zum ehemals neunjährigen Gymnasium. Doch mit der laufenden Schulreform schafft die Landesregierung auch die Werkrealschule ab. Die hatte man 2010 zur Stärkung der Hauptschule eingeführt. Faktisch werden Werkrealschulen nun wieder Hauptschulen, auch wenn sie noch Werkrealschulen heißen, bis die vorhandenen Klassen dann im Schuljahr 2029/2030 alle ihren Abschluss haben. Neue Werkrealschüler werden nicht aufgenommen.
Damit wolle man die „Komplexität des Schulsystems reduzieren“, hieß es unlängst in der Antwort auf eine Anfrage der FDP-Fraktion. Dabei ist auch das Land überzeugt, dass Werkrealschulen für Schüler mit „erschwerten Lernvoraussetzungen“ ein wichtiges Angebot sind. Sie leisteten die „Vermittlung einer grundlegenden allgemeinen Bildung mit besonderem Fokus auf der Sicherung der Basiskompetenzen“ und einer „intensiven Berufswegeplanung“. Dennoch glaubt man, auch nach dem Wegfall des Werkrealschulabschlusses würden die Schulen ihren „eigenständigen Charakter bewahren“.
Das sehen längst nicht alle so. Nicht nur der baden-württembergische Gemeindetag hat gegen den Schritt protestiert, schon weil man die Schließung von Standorten fürchtet. Diese Angst gibt es auch in Stuttgart, nicht nur im Bezirk Wangen. Schulbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) hat erklärt, dass man bald keine reinen Werkrealschulen mehr haben will, man hält sie nicht für überlebensfähig. Schulamtsleiter Thomas Schenk sagte, dass von den sieben verbliebenen Stuttgarter Werkrealschulen „nicht alle überleben werden“. Klarheit soll es erst am 22. Juli im Schulbeirat geben.
Bis dahin will Katrin Steinhülb-Joos nicht warten. Die SPD-Landtagsabgeordnete und frühere Leiterin der Altenburg-Gemeinschaftsschule in Bad Cannstatt kämpft für die Sicherung der Werkrealschule in der Wangener Wilhelmsschule. Die Abschaffung der Werkrealschule hält Steinhülb-Joos grundsätzlich für einen „fatalen Fehler“. Dass die Sorge, der Wangener Standort könnte abgewickelt werde, nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigt eine Zahl: Nur 13 Anmeldungen hat man für die künftige fünfte Klasse der Hauptschule registriert, 16 müssten es sein. Man werde im nächsten Schuljahr „keine fünfte Klasse haben“, sagt Schulleiter Andreas Passauer.
Stark rückläufige Schülerzahlen
Der Rückgang passt zum Trend: Nur noch 138 Schüler wurden in ganz Stuttgart für die Werkreal- und Hauptschulen angemeldet (minus 23,8 Prozent), anders bei Realschulen (plus 16,5 Prozent) und Gemeinschaftsschulen (plus 7,7 Prozent). Durch die Abschaffung des Werkrealabschlusses hat die Attraktivität des Schultyps noch mehr gelitten als schon zuvor. Zum Vergleich: Im Jahr 2013 haben im Land noch 12 136 Schülerinnen und Schüler den Werkrealschulabschluss abgelegt, 2022 waren es nur noch 4042.
An der Wilhelmsschule kommt erschwerend hinzu: Die einzige Schule im Bezirk wird derzeit erneuert, die gut 310 Grundschüler sind noch am Hauptstandort, die rund 140 Werkrealschüler werden bis auf Weiteres an der Steinenbergschule in Hedelfingen unterrichtet. Schon wegen dieser „besonderen Situation“, welche die Schule zusätzlich geschwächt habe, verbietet sich für Katrin Steinhülb-Joos heute eine Schließung der Wangener Werkrealschule. Es gehe auch „um die Zukunft eines Stadtteils“.
Aber ihr und Schulleiter Andreas Passauer geht es um mehr. Die Schule betreue viele Inklusionskinder, sie sei sehr gut „in den Sozialraum eingebunden“. Diese Einbindung gehe verloren, wenn man die Kinder nach der vierten Klasse in andere Bezirke wie Untertürkheim, Ost oder Bad Cannstatt „verschickt“. Dass es im kommenden Schuljahr keine fünfte Klasse an der Wilhelmsschule gebe, damit werde man „den Kindern und dem Stadtbezirk nicht gerecht“. Man müsse über „Sonderlösungen“ nachdenken, sagt Katrin Steinhülb-Joos an die Adresse von Verwaltung und Gemeinderat. Sie beruft sich dabei auf Kultusministerin Theresia Schopper (Grüne), diese habe kürzlich erklärt, dass es in einzelnen Fällen zu einer gesonderten Prüfung der Werkrealschulen und den Gegebenheiten vor Ort kommen könne. Deshalb hat die SPD-Abgeordnete zur Wangener Schule auch eine Kleine Anfrage an die Kultusverwaltung gestellt.
Schulleiter Andreas Passauer sorgt sich um die Zukunft der Schüler, für welche die Werkrealschule das Passende sei. Diese bräuchten diese besondere Pädagogik, die geprägt sei von „viel Beziehungsarbeit und Herz“ über Jahre. In der Schule gehe es „familiär und heimelig“ zu, mit einer engen Bindung an den Klassenlehrer. Ob dies auch an größeren Schulstandorten, wo die Schüler dann hin müssten, zu leisten sei, da habe er gewisse „Bedenken“. Argumente wie diese hört man auch von anderen Rektoren an Werkrealschulen.
Auch Passauer lobt die gute „Sozialraumanbindung“ der Schule, etwa die Kooperation mit dem Jugendhaus in Wangen. „Da werden Strukturen zerschlagen“, ist seine Sorge. Deshalb wünscht sich auch der Schulleiter mehr Mut zu besonderen Lösungen. Sein Ideal ist die „Quartiersschule“. Passauers Vorschlag: „Probieren wir was aus, die Bereitschaft des Kollegiums wäre da.“ Grundsätzlich fürchtet der Schulleiter, dass man durch die Abschaffung der Werkrealschule „Schüler verlieren wird“. Das hält er schon deshalb für kritisch, weil man die „im Handwerk gut brauchen könnte“.
Podiumsdiskussion über die Zukunft der Wilhelmsschule
Debatte
Auf Einladung der SPD-Landtagsabgeordneten Katrin Steinhülb-Joos findet am Donnerstag, 26. Juni, 18 Uhr, in Wangen eine Podiumsdiskussion zum Thema „Wie geht es weiter mit der Wilhelmsschule – Perspektiven für die Neckarvororte“ statt. Der Ort: Treff 347, Ulmer Straße 347.
Teilnehmer
Auf dem Podium sind vertreten: Andreas Passauer, Schulleiter der Wilhelmsschule; Jakob Bubenheimer, Bezirksvorsteher von Wangen; Marco Krause, Elternbeiratsvorsitzender der Wilhelmsschule; Jörg Fröscher, Mitglied der AG „Eine Neue Sekundarschule für BW“, ehemaliger Schulleiter; Katrin Steinhülb-Joos, Schulpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion.