Statt den Wirtschaftsproblemen ins Auge zu sehen, blicken wir lieber ins Auge eines Wals. Dabei treten sie in der Region Stuttgart deutlich hervor. Ein Kommentar von Jan Sellner.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Wir haben keinen Wal. Alles, was das meerferne Stuttgart in dieser Hinsicht zu bieten hat ist der gute alte, 13 Meter lange Seiswal, der seit Urzeiten im Naturkundemuseum Rosenstein hängt. Dazu einen präparierten Schweins- und einen Zwerggrindwal. Die kann man zwar auch bestaunen, aber beim besten Willen nicht mehr retten und mit großem Hurra per Schlepper in die Nordsee befördern.

 

Nein, unter Walaspekten sind die Stuttgarter Gewässer unergiebig. Die Bemühungen hier konzentrierten sich zuletzt darauf, am Neckarknie eine Zwergflusspferd-Anlage zu errichten – in Erinnerung daran, dass im Neckartal in grauen Vorzeiten Zwergflusspferde lebten . . . Ob ihren Nachfahren eine vergleichbare Aufmerksamkeit zuteil würde, wie Timmy, dem nunmehr verschollenen Buckelwal, ist zu bezweifeln. Und überhaupt: Bis zur Umsetzung der Zwergflusspferd-Anlage fließt noch viel Wasser den Neckar unter. Vielleicht wird es was bis zur Bundesgartenschau, die der Verband Region Stuttgart für 2043 anpeilt? Also im nächsten Erdzeitalter.

Die Region Stuttgart war wohl nie weiter davon entfernt, eine Insel der Seligen zu sein

Kein Wal mehr in Sicht. Weder hier noch da. Mit was lenken wir uns dann ab? Denn das passiert bei dieser Art Themen ja vielfach: einem Walauge ins Auge sehen, aber nicht den eigentlichen Problemen, die sich gefährlich hoch auftürmen. Der Wal ist da nur eine Chiffre; natürlich wünscht man ihm Gutes. Doch viel zu oft bleiben wir an schillernden Randnotizen hängen, statt uns als Gesellschaft grundlegenden wirtschaftlichen und politischen Fragestellungen zu stellen. Und das, obwohl man diesen Themen immer schwerer ausweichen kann – besonders hier, in der Region Stuttgart, die entgegen überholter Annahmen keine Insel der Seligen ist, nie eine solche war, und wohl weiter denn je davon entfernt ist, eine zu werden.

Die schlechten Nachrichten aus der Wirtschaft, der Gewinnrückgang bei Daimler und Porsche, der Stellenabbau bei Bosch, zu dem Bosch-Chef Stefan Hartung jüngst bei einer Veranstaltung unserer Zeitung Stellung nahm, und die Schwierigkeiten vieler anderer Unternehmen, die am Automobil hängen, führen uns vor Augen, dass wir selbst auf einer Art Sandbank festsitzen. Das hat vielfach globale Ursachen, angefangen von den Kriegen und krisenhaften Entwicklungen auf den Weltmärkten und der notorischen Unberechenbarkeit des amerikanischen Präsidenten.

Viele Themen sind jedoch auch hausgemacht und selbst verschuldet. Das gilt für bürokratische Untiefen, die schon lange nicht mehr schiffbar sind, ebenso wie für den politischen Zickzackkurs in zentralen wirtschaftspolitischen Fragen. Es herrscht Land unter. Dieser Eindruck verstärkt sich. Die künftige neue Landesregierung verspricht in ihrem jetzt verabschiedeten Koalitionsvertrag, daran etwas zu ändern – im Rahmen ihrer aufs Land begrenzten Möglichkeiten. Entscheidend sind die Resultate.

Es reicht nicht, auf Selbstheilungskräfte zu setzen

Mit den Auswirkungen der geschwächten Wirtschaft ist die Region Stuttgart inzwischen mehr und mehr konfrontiert. Ablesbar ist das an den Einbrüchen bei der Gewerbesteuer. Der finanzielle Gestaltungsraum der Kommunen engt sich drastisch ein, wie das in der Landeshauptstadt bereits der Fall ist. Betroffen sind auf kurz oder lang alle kommunalen Bereiche.

Wie kann man sich aus dieser nicht mehr nur misslichen, sondern teils kritischen Lage befreien? Durch Abwarten gewiss nicht. Es wird auch nicht helfen, auf gute Winde oder Selbstheilungskräfte zu hoffen. Es braucht vielmehr einen klaren Reformkurs, der Anstrengung bedeutet, aber getragen ist von Ermutigung und Zutrauen. Das hat auch mit Einstellungen zu tun: der Bereitschaft zur Veränderung. Ablenken oder anpacken? Wir haben die Wahl. Wahl mit „h“!