Sozialunternehmen „Selbstreinigung“ soll Neue Arbeit retten

Drei von vier Sozialkaufhäusern, wie hier in Wangen, sollen erhalten bleiben und noch ausgebaut werden. Foto: Elke Hauptmann

Nach dem Tiefpunkt im vorigen Herbst richtet sich der Unternehmensverbund Neue Arbeit neu aus.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Nicht weniger als einen „Selbstreinigungsprozesses“ und „Nachweis der Zuverlässigkeit“ hatte das Landessozialministerium im Herbst gefordert. Erst dann solle das Sozialunternehmen Neue Arbeit wieder Fördergelder erhalten. Auslöser war die Aufnahme staatsanwaltlicher Ermittlungen gegen Führungskräfte wegen des Verdachts auf Subventionsbetrug. Externe Chefs kamen, alle Strukturen wurden überprüft. Nun zeigt sich, wie es weitergeht: mit dem „Zukunftskonzept Neue Arbeit 2.0“.

 

In welche Richtung geht die Neue Arbeit? In den vergangenen Monaten wurde in der Szene viel über die Zukunft des ersten und größten diakonischen Arbeitshilfeunternehmens in Deutschland spekuliert – sogar von Abwicklung war die Rede. Die Interimsgeschäftsführer Dietmar Meng und Heiner Böckmann widersprechen: „Das Gegenteil von Abwickeln ist auf dem Programm – wir richten die Neue Arbeit neu aus und machen sie zukunftsfähig“, berichten die Manager der Unternehmensberatung Contec. „Wir brauchen mehr Fokus und wollen das Kerngeschäft wieder in den Vordergrund stellen: Für die Beschäftigungsangebote ist die Neue Arbeit mal aufgebaut worden, diese wollen wir ausbauen sowie operativ stärken.“

Interimsgeschäftsführer Dietmar Meng und Heiner Böckmann Foto: Neue Arbeit

Es gehe „um eine Rückbesinnung auf die Ursprünge und Kernkompetenz: die Arbeit im Bereich der Langzeitarbeitslosen“. Weil sich aber Rahmenbedingungen veränderten, „werden wir Dinge anders machen müssen“. Nach einer Umstrukturierungszeit, „die wir schwerpunktmäßig dieses Jahr und teilweise noch nächstes Jahr sehen, glauben wir, dass von 2027 an die Phase eintritt, wo das Unternehmen sich selbst trägt“.

Die Evangelische Gesellschaft (Eva) bleibe 98-prozentige Hauptgesellschafterin der Neuen Arbeit; mit ihr sollen mehr Synergien ausgelotet werden. Infolge des „großen Rückhalts“ der Gesellschafter und der Diakonischen Gemeinschaft Württemberg sei auch Geld für die Restrukturierung geflossen. „Wir sind mit Liquidität ausgestattet worden, dass wir die Stabilität behalten und das Unternehmen wieder eigenständig lebensfähig machen“, so Meng. „Das war es zwei Jahre lang nicht.“ Wie viel Geld aus dem Notfonds des Diakonischen Werks Württemberg kommt, wird allerdings nicht verraten.

Wie viel Personal wird abgebaut? „Die Neuausrichtung bedeutet kein Kahlschlag, die meisten Arbeitsplätze sollen erhalten blieben“, heißt es in einem Brief der Geschäftsführer an die Partner. Die Beschäftigung sei weniger tangiert, „als man vielleicht befürchten müsste, wenn man betrachtet, dass wir im Sozialunternehmen Neue Arbeit den Umsatz um etwa 30 bis 40 Prozent verringern“, ergänzen sie im Gespräch. „Soweit der Verwaltungsbereich für das Unternehmen zu voluminös wird, wird er angepasst.“ Da gebe es aber viel natürliche Fluktuation oder Verrentung.

Generell gilt: „Wir können betriebsbedingte Kündigungen nicht ausschließen, haben sie aber noch vermeiden können.“ Bisher wurde der Abbau sozialverträglich geregelt. „Wir gehen davon aus, dass die Personen, die gegebenenfalls freigesetzt werden, innerhalb der Eva-Gruppe oder bei anderen Partnern Aufnahme finden werden.“ Mit verwandten Trägern würden Wege gesucht, „um alle Beschäftigtenverhältnisse möglichst zu erhalten“, so Meng. „Im Metallbereich zum Beispiel.“ Aktuell hat die Neue Arbeit 450 Mitarbeitende „und eine variable Zahl von Maßnahmenteilnehmern“.

Wie weiter mit den Förderprojekten? Ein heißes Eisen sind die aus dem Europäischen Sozialfonds öffentlich geförderten ESF-Projekte und teils auch Jobcenter-Projekte, die „auf einen bundesweit üblichen Rahmen“ reduziert werden. Drei bis fünf ESF-Projekte parallel sei eine Größenordnung, „die man gut händeln kann, weil meistens Eigenmittel damit verbunden sind“, sagt Meng. Gerade die ESF-Projekte seien in Teilen gar nicht so nötig für das Kerngeschäft. Teilweise hätten sie auf Feldern stattgefunden, die weiter davon entfernt seien.

Die alten ESF-Projekte machen noch Ärger. Das Sozialministerium, das für den Europäischen Sozialfonds handelt, besteht wegen ungenügender Projektdokumentation auf erheblichen Rückforderungen. „Da haben wir eine eigene Auffassung und dort Widerspruch eingelegt, wo wir einen Bescheid erhalten haben“, sagen die Interimschefs. Es könne drei bis fünf Jahre dauern, „bis das durch die Instanzen gegangen ist“.

Wie hoch die Forderungen sind, wird nicht verraten. Nur so viel: „Da reichen nicht fünfstellige Zahlen; da ist auch mal eine Million Euro im Raum.“ Mittlerweile seien Wege entwickelt worden, „von denen wir als Geschäftsführer sagen können: Diese Gesellschaft hat eine positive Fortführungsprognose“. Soweit am Ende etwas von den Rückforderungen stehenbleibe, „verfügen wir über Rückendeckung unserer Gesellschafter und des Notfonds, damit das abgesichert werden kann“, sagt Meng. „Ansonsten wäre es kaum zu verantworten bei einer gGmbH.“

Nach einer im Vorjahr noch erbittert geführten Konfrontation mit dem Ministerium sei der Neuen Arbeit an einem sachlichen und konstruktiven Dialog gelegen. Man habe Compliance-Systeme eingeführt, „damit die rechte Hand weiß, was die linke tut“ – und auf Verlangen des Ministeriums Risikomanagementsysteme etabliert. „Wir konnten belegen, dass wir solide in der Lage sind, die laufenden Projekte weiterhin qualitätsgesichert zu erbringen und uns als zuverlässiger Projektpartner beweisen.“

Wie geht es in der Führung weiter? „Unser Ziel bleibt, Ende 2025, spätestens im ersten Quartal 2026 die Neue Arbeit zu verlassen und bis dahin eine neue Geschäftsführung etabliert zu haben“, sagen Meng und Böckmann. Die Führung werde dann „auch nicht – wie wir – im Hotel wohnen“.

Wo wird gespart – wo wird ausgebaut? Alles habe auf dem Prüfstand gestanden. „Es blieb kein Stein auf dem anderen.“ Einige Geschäftsbereiche, an die man auch für die Zukunft glaube, sollen forciert werden. Beispielsweise sollen die Sozialkaufhäuser in Bad Cannstatt, Wangen und Esslingen noch ausgebaut werden – nur das in Plochingen werde geschlossen.

Die NintegrA mit den CAP- und ID-Märkten ist profitabel: „Sie trägt sich selbst, wenn auch als gemeinnütziges Unternehmen und nicht mit einem Riesengewinn“, so Meng. Mit Investitionen in neue Ausstattung soll die eigenständig agierende Tochter zukunftsfest gemacht werden – etwa mit einer Komplettsanierung des CAP-Marktes am Hölderlinplatz noch in diesem Jahr. Insgesamt betreibt die Neue Arbeit gGmbH ca. 17 CAP-Lebensmittelmärkte im Großraum Stuttgart. Auch die Esslinger Beschäftigungsinitiative und die Neue Arbeit Dienstleistungsagentur könnten „weitestgehend ohne Defizite fortgeführt werden“.

Im Zentrum des Orkans steht somit das verlustträchtige Sozialunternehmen Neue Arbeit. „Wir sehen auch Dinge, die sich nicht tragen“, so Meng mit Verweis auf die Metallbearbeitung. „Wenn es nicht gelingt, diesen Bereich fundamental umzubauen, dann sehen wir da tatsächlich keine Zukunft mehr, was auch für Teile des Recyclings gilt.“ Schon dicht sind unter anderem die Fahrradservice-Stationen in Feuerbach und Möhringen – Vaihingen und Fellbach werden „aktuell noch geprüft“. Die Radstationen Kirchheim, Ludwigsburg und Bad Cannstatt wiederum seien zukunftsfähig. Für unterfinanzierte Projekte wie das Kulturwerk sollen „Fundraisingansätze entwickelt werden“.

Was bedeutet dies für den Hauptsitz? „Wenn man gewisse Dinge nicht mehr macht, brauchen wir andere Räume“, sagt Meng mit Blick auf die große Immobilie in Zuffenhausen. Diese sei sehr auf die beiden Geschäftsfelder Metall und Recycling zugeschnitten. „Insofern glauben wir schon, dass wir künftig deutlich weniger Flächen brauchen.“

Die CAP-Märkte sollen fortgeführt werden. Foto: Pressefoto Horst Rudel

Wegen eines langfristigen Mietvertrags und weil es solche Räume „nicht wie Sand am Meer“ gebe, lasse sich solch ein Umzug nicht innerhalb weniger Wochen durchführen. „Wenn aber die Gespräche mit dem Vermieter erfolgreich verlaufen und wir einen Vorlauf kriegen, wären wir bereit, uns neue Räume zu suchen.“

Wie sehen es Beobachter? „Ein großes Maß an Maßnahmenteilnehmern wird es in Zukunft nicht mehr geben“, vermutet ein guter Kenner der Szene. Der Unternehmensverbund konzentriere sich auf wirtschaftlich führbare Bereiche und stoße die anderen Teile ab. „Die Neue Arbeit wird gesundgeschrumpft“, sagt er. Es sei ein diakonischer Auftrag, sich auch für die Menschen einzusetzen, die am Rande stehen. Ob dies weiterhin gelinge, sei fraglich.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart