Sozialunternehmerin Zarah Bruhn „Sich trauen, was sonst keiner macht“

Sozialunternehmerin Zarah Bruhn will fürs Gründen begeistern. Foto: BMBF

Socialbee-Gründerin Zarah Bruhn bringt Geflüchtete in Jobs und unterstützt die Politik dabei, soziales Unternehmertum in Deutschland zu fördern. Warum die 33-Jährige mehr Arbeitsplätze schaffen will als Top-Dax-Konzerne einstellen.

Wirtschaft: Imelda Flaig (imf)

Wie kommt eine Investmentbankerin auf die Idee, ein gemeinnütziges Unternehmen zu gründen? „Man wächst da so rein. Ich hatte Lust zu gründen, wollte aber als Unternehmerin was Sinnvolles machen“, sagt Zarah Bruhn.

 

2016 hat sie zusammen mit einem Studienkollegen Socialbee in München gegründet – eine gemeinnützige Firma, die Geflüchtete in Jobs bringt und auch einen Standort in Stuttgart hat. Das Start-up, das als Zeitarbeitsfirma gestartet ist, bietet mittlerweile Qualifizierungsprogramme für Geflüchtete in verschiedenen Branchen.

Andere gründeten Start-ups für Sport- oder Zahnbürstenabos und bekamen Fördergelder, Bruhn war mit ihrem gemeinnützigen Start-up auf Spenden angewiesen und hat deshalb sogar Dax-Konzerne angeschrieben. „Mut ist wichtig, sich trauen, was sonst keiner macht“, sagt die gebürtige Niederländerin, die in München Betriebswirtschaft studiert und zeitweise als Investmentbankerin gearbeitet hat. „Wenn Unternehmen Flüchtlinge einstellen, ist das doch für die Gesellschaft und die Menschen eine Win-win-Situation“, sagt Bruhn. Ihre Arbeit empfindet die 33-Jährige deshalb als „extrem motivierend“, zudem habe sie unternehmerische Gestaltungsfreiheit.

Inzwischen ist sie auch politisch aktiv – als Beauftragte für Soziale Innovationen im Bundesministerium für Bildung und Forschung, wo sie sich nicht nur mit innovativen Ideen, sondern auch mit ihrer Leidenschaft für soziale Veränderungen einbringt. Der Anruf aus dem Ministerium kam für sie überraschend. „Aber wenn man so eine Chance bekommt, Rahmenbedingungen mitzugestalten, kann man gar nicht ablehnen“, sagt Bruhn rückblickend.

Bei zwei Jobs muss man gut priorisieren

Klar hat sie das mit ihrem Team abgesprochen, wenn sie plötzlich noch einen Zweitjob hat. Trotz des Quereinstiegs im Ministerium wollte sie auch ihre Rolle bei Socialbee behalten. „Das ist sozusagen mein Baby“, sagt die umtriebige Unternehmerin. Bei zwei Jobs müsse man gut priorisieren, aber das funktioniere mit einem guten Team im Rücken – dazu zählen unter anderem der Co-Chef bei Socialbee und ihre Referentin, auch im Ministerium habe sie große Unterstützung.

„Wir brauchen mehr Unternehmen, die wirtschaftliche als auch gesellschaftliche Probleme mit unternehmerischen Mitteln lösen“ sagt sie und nennt Beispiele wie Klimaschutz oder die Inklusion von Menschen im Alter. „Es gibt viele Themen, die unternehmerisch adressiert werden können.“ Auch wenn die Mühlen in der Politik langsamer mahlen als in ihrem Unternehmen, will sie möglichst viel „bewegen“, sodass langfristig mehr Menschen soziale Start-ups und Unternehmen gründen, mit denen sich gesellschaftliche Herausforderungen lösen lassen. Wichtige Punkte sind ihr unter anderem, die Finanzierung sozialer Innovationen zu stärken, Gründungsprogramme und Sozialunternehmertum schon an Universitäten zu etablieren.

Socialbee sei ein Beispiel dafür, wie Integration anders gestaltet werden könne – auch einfacher für die Unternehmen, weil man ihnen Mehraufwand und Bürokratie abnehme. Die Idee, die dahinter steckt: einerseits fehlen Fachkräfte, andererseits sind viele Geflüchtete ohne Job. Socialbee fungiert als eine Art Job-Plattform, um beide Welten zusammenzubringen, Bruhn als Brückenbauerin. „Wir qualifizieren Geflüchtete, um sie für ihren neuen Job fit zu machen und zeigen Unternehmen, die teils auch skeptisch sind, wie sie solche Talente langfristig integrieren können“, sagt Bruhn – egal ob im Handwerk, der Pflege, im Projektmanagement, der IT oder Logistik.

Betreuung auch noch ein Jahr lang im Job

Auch Sprachkurse und Kulturverständnis spielen eine Rolle. Geflüchtete werden von Socialbee noch etwa eineinhalb Jahre im Job betreut – etwa mit Mentoring und über eine Hotline. Ziel sei, dass die Geflüchteten langfristig in den Unternehmen blieben, sagt Bruhn.

Die Qualifizierung wird in der Regel von den Firmen finanziert, die meist an einem langfristigen Arbeitsverhältnis der Fachkräfte interessiert sind. Die Kosten versucht Socialbee im Rahmen zu halten, indem man gemeinsame Programme mit mehreren Unternehmen veranstaltet. Als Non-Profit-Unternehmen wird Socialbee auch von großen Stiftungen unterstützt.

Was Bruhn antreibt? „Gesellschaftlich was zu bewirken und Sinnvolles zu tun“ kommt die prompte Antwort. „Ich bin einfach neugierig, was noch alles kommen kann. Ich hatte viel Glück im Leben“, sagt sie und auch eine Familie, die ihr das Gefühl gegeben habe, dass man alles schaffen könne. „Vor sieben Jahren hätte ich mir nie vorstellen können, wie weit wir gekommen sind“, sagt die Frau, die vor allem von Muhammad Yunus, dem Friedensnobelpreisträger aus Bangladesch, beeindruckt ist, weil der die Entwicklungshilfe mit Mikrokrediten revolutioniert hat. Sie hat ihn kennengelernt, denn er sitzt im internationalen Beirat für Soziale Innovationen.

Bruhn denkt in großen Dimensionen und will in den nächsten fünf Jahren mindestens 25 000 Geflüchtete einstellen. Das wären mehr als Deutschlands einstellungsstärkstes Dax-Unternehmen, die Deutsche Post, schaffe, sagt sie. Bei der Größenordnung geht es der Extremsportlerin, die gerne klettert und surft, nicht um Selbstzweck, sondern um Mitspracherecht und Mitgestaltung bei Integrationsfragen. „Wenn wir als Sozialunternehmen klein bleiben, werde wir nie diese Kraft entfalten.“

Integration von 1300 Geflüchteten

Anzahl
Rund 1300 Geflüchtete hat Socialbee bislang in den Arbeitsmarkt integriert und von Leistungsbeziehern zu Einzahlern ins Sozialsystem gemacht. Das spare den Staat auf zwei Jahre gerechnet rund 39 Millionen Euro, rechnet Unternehmerin Zarah Bruhn vor und spricht von einem gesellschaftlichen Mehrwert. Sie setzt dabei rund 30 000 Euro pro Person an, die zuvor arbeitslos war, Sozialleistungen bezogen hat und nun Steuern bezahlt.

Trainings
Socialbee versucht für Unternehmen die passenden Kandidatinnen zu finden. Einer der Schwerpunkte ist das Female Accelerator Programm , über das qualifiziert man Geflüchtete zur Projektmanagerinnen. Für 20 Plätze hätten sich fast 300 Frauen beworben, die in Deutschland bisher keine Chance bekommen hätten. Nur wer seine Kurse besteht, wird vermittelt. Die Trainings sind unterschiedlichster Natur – teils werden Geflüchtete auch sensibilisiert, wie man hierzulande mit Frauen umgeht.

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