Tummelplatz für alles, was mit Popkultur zu tun hat: DIe About Pop im Jahr 2025 auf dem Wizemann-Areal Foto: Ilkay Karakurt
Hat das Festival About Pop eine Zukunft, wenn die Förderung gekürzt wird? Popbüro-Chef Walter Ercolino sucht nach kreativen Möglichkeiten mit Stuttgarts Sparhaushalt umzugehen.
Das About Pop Festival, kuratiert vom Popbüro Region Stuttgart, hat sich in den vergangenen Jahren zu einem überregional beachteten Treffpunkt für aktuelle Popkultur, Clubmusik und musikpolitischen Diskurs entwickelt. Internationale Acts, eine enge Verzahnung mit der regionalen Szene und die Kombination aus Festival und Convention haben dem Format zuletzt wachsende Aufmerksamkeit weit über Stuttgart hinaus eingebracht. Doch ausgerechnet in dieser Phase sieht Festivalleiter und Leiter des Popbüro Walter Ercolino die Zukunft bedroht – durch Kürzungen der kommunalen Kulturförderung.
Im Zuge der Haushaltskonsolidierung für den Doppelhaushalt 2026/27 plant die Stadt Stuttgart Einsparungen, die auch das About Pop Festival treffen. Rund 20 Prozent weniger Förderung stehen im Raum. Für ein nicht-kommerzielles, kuratiertes Festival sei das erheblich, sagt Ercolino. Zwar habe man die Kürzungen für 2026 noch auffangen können, doch für die Zeit danach fehlt jede Planungssicherheit: „2027 ist für uns eine komplette Black Box“, so Ercolino.
Dabei befindet sich das Festival nach seiner Einschätzung gerade im Aufwind. Internationale Acts wie Peaches oder Nation of Language, die für die nächste About Pop (12. und 13. Juni 2026) gebucht wurden, seien nicht nur künstlerisch wichtig, sondern auch ein Signal nach außen. „Wir merken an Feedbacks, auch außerhalb von Stuttgart und Baden-Württemberg, dass immer mehr Leute fragen: Was geht da gerade in Stuttgart?“, sagt Ercolino. Das Festival beginne, als relevanter Akteur im bundesweiten Kontext wahrgenommen zu werden – ein Prozess, der Zeit brauche. „Wir bräuchten eigentlich noch zwei, drei, vier Jahre, dann wäre das ein wirklich gesetztes Festival“, so Ercolino.
„Wenn wir gefördert werden, werden sehr viele andere mitgefördert“, sagt Walter Ercolino Foto: Popbüro
Stadt ist Takt- und Signalgeber bei Förderung
Gerade diese Aufbauphase drohe nun abgebrochen zu werden. Denn kommunale Förderung habe eine Schlüsselfunktion im komplexen Fördersystem. Die Stadt sei „Takt- und Signalgeber“, erklärt Ercolino. Wenn sie sich zurückziehe, habe das direkte Folgen für Förderungen von Region, Land und Bund. „Warum sollen Land oder Bund einspringen, wenn nicht mal die Stadt überzeugt ist?“, beschreibt er die Logik der Fördergeber. Eine Kürzung auf kommunaler Ebene könne daher eine Kaskade auslösen, an deren Ende ein Vielfaches der ursprünglich eingesparten Summe fehle.
Besonders kritisch sieht Ercolino, dass das About Pop Festival trotz seines kulturellen Anspruchs immer wieder um Anerkennung kämpfen müsse. „Ich muss immer noch erklären, warum das, was wir mit About Pop machen, Kultur ist“, sagt er. Pop- und Clubkultur seien im städtischen Kulturhaushalt ohnehin stark unterrepräsentiert. Nach Berechnungen des Popbüros mache dieser Bereich nur rund 2,4 Prozent der entsprechenden Fördermittel aus. Weitere Kürzungen träfen daher einen ohnehin marginalisierten Sektor besonders hart.
Festival hat ein Kulturförderticket im Angebot
Dabei wirke das Festival weit über die eigenen Programmpunkte hinaus. Laut Ercolino fließen rund 80 Prozent der Fördermittel indirekt wieder zurück in die regionale Musik- und Kreativwirtschaft – etwa an Künstlerinnen und Künstler, Spielstätten, Technikfirmen oder Dienstleister. „Wenn wir gefördert werden, werden sehr viele andere mitgefördert“, betont er. Für viele Clubs sei About Pop die seltene Gelegenheit, künstlerisch ambitionierte Bookings zu realisieren, die sonst wirtschaftlich nicht möglich wären.
Um die aktuelle Finanzierungslücke abzufedern, hat das Festival ein Kulturförderticket eingeführt, das rund 20 Prozent über dem regulären Ticketpreis liegt. Es sei ein wichtiges Zeichen der Solidarität, sagt Ercolino, betont aber auch die Grenzen: „Wir haben einen Förderauftrag. Wir können keine Preise aufrufen wie in der Privatwirtschaft“. Ticketverkäufe könnten Förderung ergänzen, aber nicht ersetzen.
Ein Festival, das für Stuttgart wirbt
Ob und in welcher Form es 2027 eine weitere Ausgabe des About Pop Festivals geben wird, soll Anfang kommenden Jahres entschieden werden. Im Raum stehen kleinere Formate – oder im schlimmsten Fall eine komplette Pause. Ein zweijähriger Rhythmus sei jedoch keine Lösung: „Das wäre für unser Format ein Todesstoß“, sagt Ercolino. Man verliere Publikum, Vertrauen bei Agenturen und die mühsam aufgebaute Reputation.
Trotz aller Unsicherheiten gibt sich Ercolino kämpferisch. Zu viel sei in den vergangenen Jahren aufgebaut worden – an Netzwerken, Sichtbarkeit und künstlerischer Substanz. „Stuttgart wird plötzlich anders wahrgenommen“, sagt er. „Und es wäre so schade, das alles zu verlieren“
Ercolino verspricht aber: „Wir werden nun nach kreativen Möglichkeiten suchen, mit diesem Sparhaushalt umzugehen.“ Zugleich blickt er bereits mit großer Sorge auf den Doppelhaushalt 2028/29, in dem erneut erhebliche Kürzungen angekündigt sind: „Es zeichnet sich ab, dass wir mittelfristig in ein Szenario geraten, in dem Kulturpolitik und Stadtgesellschaft nicht mehr nur über die Höhe von Budgets, sondern über die Grundlagen der Förderung entscheiden müssen: Was gilt im Kulturbereich als förderwürdig – und nach welchen transparenten, nachvollziehbaren Kriterien.“